Die Handtasche

Parabel zum Thema Erinnerung

von  Quoth

Dieser Text ist Teil der Serie  Parabeln
Eng und verräuchert ist es in dieser Beiz. Im vorderen Raum ist kein Platz frei, an jedem Tisch sitzen Gäste dicht bei dicht, rauchen, trinken und schwatzen in ihrem schwer verständlichen Dialekt. Ich trage eine schwarzlederne Damenhandtasche am Riemen über der Schulter, sie gehört eindeutig nicht mir, denn ich bin keine Dame. Um in den zweiten Gastraum zu gelangen, muss ich durch eine schmale Tür, durch die andere hinausdrängen. Trotzdem versuche ich, an ihnen vorbei zu gelangen, das gibt ein Gerangel, mein Ellbogen versetzt der Tasche einen Schubs, sie fliegt einem Gast am Tisch hinter mir an den Kopf. „Merci vielmol!“, bedankt er sich höhnisch. „Wenn’s Ihnen so gut gefiel, kann ich es noch mal machen!“ Alle, die mit meinem Opfer am selben Tisch sitzen, lachen und sagen, ich sei geistreich. Das sagen sie in gespreiztem Schriftdeutsch, weil sie gemerkt haben, dass ich keiner von ihnen bin. Eine schon ältere, ja, fast greisenhafte Dame mit pittoresken Runzeln um Augen und Mund, schaut mich an und ruft: „So schlagfertig möchte ich einmal sein, wenn ich nach meinem Beruf gefragt und ausgelacht werde.“ „Was sind Sie denn von Beruf?“ „Vertreterin für Kosmetik,“ sagt sie, Tränen treten ihr in die schönen alten Augen. Der ganze Tisch lacht, man rückt zusammen und bietet mir einen Platz an. Und plötzlich weiß ich, wem die Handtasche gehört: Eliane, der verstorbenen Frau meines Freundes.

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