Mein Vater stammt aus dem Ruhrgebiet, und dort, so sagt er, wimmelt es von Familien polnischer Herkunft. Polnisch spricht da höchstens noch mal die Urgroßmutter, die anderen sprechen den Ruhegebiets-Slang, den man nicht hören kann, ohne zu lachen, so gemütlich und nach Kaffee und Kuchen klingt er. Vor dem ersten Weltkrieg seien, sagt mein Vater, und ich habe keinen Grund, ihm das nicht zu glauben, Werber nach Oberschlesien und Polen ausgeschwärmt und hätten Männer als Bergleute fürs Ruhrgebiet angeworben, die seien dann mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack angerückt gekommen. Die Schwerindustrie war in kräftigem Aufwind, die Rüstung wurde immer stählerner – man denke nur an die Kriegsschiffe – und so zog eine Völkerwanderung von polnischen Bergarbeitern nach Oberhausen, Gelsenkirchen und Dortmund. Der berühmte „Schalker Kreisel“, sagt mein Vater, das war eine taktische Fußballerfindung, stammte von der traditionsreichen Fußballmannschaft Schalke bei Gelsenkirchen, und in der spielten zeitweise lauter Spieler mit polnischen Familiennamen. Aber man glaube nur ja nicht, dass dies die einzigen Slawen in Deutschland seien! Im Spreewald lebt das Volk der Sorben, halb evangelisch, halb katholisch, traditionsbewusst, trachtenfreudig und die alte westslawische Sorbensprache sprechend, die der tschechischen ähneln soll. Sorbische Ammen gehörten um die Jahrhundertwende zum Berliner Straßenbild, auch in Sachsen hatten viele Familien sorbische Hausmädchen, aber auch meine Kinderfrau habe ich im Verdacht, slawischer Herkunft zu sein. Slawen in Holstein? Das ist doch wohl ein Gerücht! Keinesfalls – Wenden nannten sie die Sachsen, Obotriten nannten sie sich selber, und erst die Heldentat der deutschen Ostkolonisation hat sie zum Verschwinden gebracht – als eigenständige Kultur – zum Glück aber nicht völlig ausgerottet. Es gibt in der Geschichtsforschung ein vielfach unreflektiertes Axiom: Eine Kultur, die einer anderen unterliegt, habe es nicht besser verdient. Demzufolge trauern Historiker den Verlierern nicht lange nach, sondern schlagen sich auf die Seite der Gewinner und fahren mit deren Geschichte fort, und die Slawen waren oft die Unterlegenen und wurden vers(k)lawt. Mir ist nicht bekannt, dass sich irgendein Historiker schon mal die Mühe gemacht hätte, die Denkmäler, Überreste und Fortwirkungen des untergegangenen Slawentums in Deutschland zusammenzustellen. Diese Lücke – wenn sie eine ist, unsere Stadtbibliothek ist nicht eben üppig bestückt – möchte dieser Aufsatz in aller Bescheidenheit ansatzweise zu füllen versuchen. Dass die Ortsnamen auf -au vielfach das slawische -ow widerspiegeln, die Ortsnamen auf -in eigentlich immer slawischen Ursprungs sind, darf ich unter dem Vorbehalt besserer Belehrung einmal hierhersetzen. Berlin hat also mit dem Bären seines Wappens nichts zu tun, hierbei handelt es sich um einen volksetymologischen Scherz: Unsere frühere, jetzt vierfach geteilte Hauptstadt trägt einen slawischen Namen, und der Fluss, an dem sie liegt, die Havel, gab dem Slawenvolk der Heveller den Namen. Hier rund um Krogstedt wimmelt es förmlich von slawischen Ortsnamen. In Mecklenburg, abgeleitet von Mikilinburg, einem slawisch-deutschen Mischwort, war das regierende Haus slawischer Herkunft, und wenn wir einmal das sehr verehrte Kollegium des Lornsengymnasiums durchforsten: Wieviele -skis und -udas gibt es da! Da es nun auch im Süden Deutschlands eine massive Vermischung mit Menschen böhmischen Ursprungs gegeben hat, wage ich die Behauptung, dass die Deutschen eigentlich ein germanisch-slawisches Mischvolk sind, abgesehen einmal von den Dänen, Holländern und Franzosen, die es auch nie verschmähten, ein deutsches Mädchen heimzuführen oder auf seine Scholle zu ziehen, abgesehen auch von den Römern und ihren fremdvölkischen Legionärstruppen, die im Rheinland sicherlich nicht wie die Heiligen gelebt haben. Dass mich das so ergötzt, liegt daran, dass unsere Vätergeneration für den Gedanken nicht einmal der Volks-, sondern gar der Rassereinheit in den Krieg gezogen ist – wie eine Meute vermeintlicher Rassehunde auf die Jagd. In Wirklichkeit aber waren sie und sind wir hier in good old Germany die lustigste Promenadenmischung, die man sich nur vorstellen kann: vorne Dackel, hinten Schäferhund, Schwanz vom Mops und Ohren vom Pudel. Nicht vergessen möchte ich auch den „Sekttropfen“. So nennt man in einer mir befreundeten Familie den nur in Achteln oder Sechzehnteln messbaren Anteil jüdischen Erbguts, den sie in der Nazizeit tunlichst verschwiegen haben, auf den sie heute aber stolz wären, wenn sich das nun nicht auch wieder nicht geziemte.