Nezenna

Erzählung

von  Quoth

Eines Tages entdeckte ich kurz vor den Sommerferien am schwarzen Brett im Treppenhaus des Gymnasiums einen Zettel: „Landesmuseum sucht Grabungshelfer für die beiden letzten Juliwochen.“ Ich hatte mich schon vor den ereignislosen Ferien gegruselt, rief an, wurde mit dem zuständigen Kustos verbunden und erfuhr, dass die Grabung nur rund sieben Kilometer von meinem Zuhause entfernt war – eine gute halbe Stunde mit dem Rad. Ein sehr schüchterner Klassenkamerad, dem ich E.T.A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ geliehen hatte, interessierte sich auch für den Job, und so radelten wir zusammen am 19. Juli zum vereinbarten Dorf, wo der Kustos uns schon erwartete. Wir trugen alle Gummistiefel und stapften eine Wiese hinunter, die um so nasser wurde, je weiter wir uns dem Seeufer näherten, und da standen wir vor einer kleinen, mit Erlen bewachsenen Halbinsel, und der Kustos erklärte uns, wonach wir dort graben sollten: Nach Hausfundamenten aus Backstein und/oder Holz, denn hier solle der Bischof vor rund tausend Jahren einen „Edelhof“ unterhalten haben, vielleicht sogar einen Bischofssitz, der historisch bezeugt sei, aber es sei strittig, wo man ihn verorten könne, er habe Grund zu der Annahme, ihn hier zu suchen und nicht bei Schleswig, wie andere vermuteten. Wir legten also los, zunächst mit Spaten, dann, als erste Balken auftauchten, vorsichtiger mit Schaufeln, aber das zog sich hin, und wir hätten vielleicht hingeschmissen, wenn der Kustos nicht ein so unterhaltsamer Chef gewesen wäre. Er hielt sich ein Ende seines Taschenkamms unter die Nase und röhrte im unverkennbaren Führerton: „Ich werde niemals kapitulieren!“, oder erzählte aus seiner Gefangenschaft in Russland, wo sie ihn als studierten Frühgeschichtler sofort geschnappt und nach Nishni Nowgorod bugsiert hätten, wo er Ausgrabungen frührussischer Besiedlung leiten musste – mit nicht einem, sondern zwei Tellern Kohlsuppe pro Tag! Nach einer Woche stieß noch ein Mitschülerin zu uns, die den Zettel erst jetzt gesehen hatte. Und als seien Frauenhände nötig, um das zu vollbringen, legte sie, sorgsam pinselnd, gleich an ihrem ersten Tag eine gut erhaltene mittelslawische Keramik frei, einen schlichten, gerillten Topf, der Kustos war begeistert, fotografierte ihn „in situ“ – und als wir unter den Hausfundamenten nun noch schön geschliffene Steinbeile fanden, deren jedes uns bei Ablieferung 5 Mark einbrachte, war unser Glück perfekt. Mein schüchterner Klassenkamerad nannte die Co-Grabungshelferin Aurelie (bekanntlich die Hauptfigur der „Elixiere des Teufels“), sie waren fünf Jahre später verheiratet. Das war meine archäologische Sternstunde, und der von Helmold von Bosau in seiner „Slawenchronik“ erwähnte Bischofssitz Nezenna hatte nun endlich seinen richtigen Ort gefunden!


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