Rätselhaft

Text

von  blauefrau

Seit Wochen wohne ich auf dem Areal. Laut Auskunft des Reiseführers soll es hier rätselhaft zugehen.

An den Anblick des Mönchs ohne Gesicht, den Kapuzenmann, habe ich mich gewöhnt.

Was ist schon ein Gesicht, wenn es doch zur Maske wird? Man vermutet Tiefschürfendes hinter Gesichtern. Ohne Gesicht muss ich nichts erahnen. Er spiegelt sich nicht in mir und ich spiegle mich nicht in ihm.  Die große gelbe Schlange allerdings hat ein Spiegelbild.

 Mich interessiert die Oberfläche des Mönchs oder wie er sich bewegt.

Sagen tut er nichts. Selbst wenn ihn die Bewohner foppen, macht er einfach weiter. Er wirkt unberührt, selbst wenn ich mich hinter ihn stelle. Er hört also auch nichts.

Zwischen all den prachtvollen Pflanzen und ihren Früchten nimmt er nichts zu sich. Er arbeitet unentwegt. Unter seinen Händen blühen und gedeihen die Pflanzen, Kaskaden von Farben färben den Garten. Schlangen bewegen sich im Rhythmus seiner Bewegungen, sie gleiten aus ihm heraus und in ihn hinein. Die großé gelbe rückt nicht von ihm ab. Sind sie Geschwister?

Es gibt nichts auszusetzen an ihm. Er bewegt sich rasch und rücksichtsvoll in diesem prachtvollen Garten. Die vielen zarten Augen, die an Fäden schweben, sind ihm zugewandt.

Ich habe nun länger damit zugebracht, mein Gedächtnis zu erforschen, und ich ziehe auch meine Tabellen zur Unterstützung hinzu: ich erinnere mich nicht daran, ihn jemals erschaffen zu haben. Ich bin Gaia, die Erdenmutter.

Ich frage mich ernsthaft, wer er ist. Ich bitte ihn um ein Zeichen, er aber macht ohne jede Regung einfach weiter.

Als ich nach vier Wochen abreise, liegt der Garten brach. Ich habe die rotgewandete Gestalt verschlungen. Kein Wasser mehr für die Pflanzen und keine Spiele für die Schlangen. Sollen sich meine Menschen darum kümmern. Dieser war nicht von meiner Art.


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