Der Stiefelknecht - EVdR

Historisches Drama zum Thema Beobachtungen

von  EVdR

Entartete Visionen der Realität

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DER STIEFELKNECHT

(Ein Leben in 7 Aufzügen)

 

I. Das Fundament

 

Ein Junge.

Geschliffen in der Kaderschmiede,

Preußenblau im Blick,

die Wirbelsäule ein Lineal.

Er sollte führen.

Wurde zum Boten.

Zum Ding.

 

 

II. Die Schande

 

Der Mentor stürzt

– Menschlichkeit,

ein Dienstvergehen.

 

Sippenhaft im Schlamm.

Der Junge wird „Stiefelknecht“.

Zwischen den Fronten,

Kradmelder der Verachtung.

 

Frankreich riecht nach Abschied,

Stalingrad nach Benzin.

 

 

III. Die Himmelfahrt

 

Ein Tankwagen.

Sie machen ihn besoffen.

 

Führerwein,

fürs Himmelfahrtskommando.

 

Fahr!

Brenn!

Stirb!

 

Junge Träume,

in Scherben.

 

Verwundung,

ein Kuss des Lebens,

 

andere werden

zu Eis.

 

 

IV. Der Wald

 

Kein Zaun.

Nur Wald.

 

Ein Zug spuckt Menschen,

in den Schnee.

 

Eine Axt.

 

Bau dir dein Bett

oder stirb im Stehen.

 

Unendlich viele Tote.

 

Keine Namen,

nur gefrorenes Fleisch.

 

Er hackt Holz gegen das Nichts.

 

Das Schweigen der Taiga überlebt.

 

 

V. Das Exil (Postamt)

 

1951.

Die Rückkehr der Maske.

48 Stunden Schalterdienst.

 

Lernen bei Nacht.

Vom Waldschrat

zum Postoberamtmann.

 

Die Uniform ist jetzt grau,

nicht mehr braun,

nicht mehr blutig.

 

Die Welt,

 

muss jetzt stimmen.

Ein Pfennig zu viel?

Ein Pfennig zu wenig?

Ein Weltuntergang.

 

wenn die Kasse nicht stimmt,

kommt der Wald zurück.

 

 

VI. Der Abgang

 

Ein Charmeur,

im Altersheim.

 

Schwarzer Humor,

als Stacheldraht.

 

„Noch ’ne Kippe für den Führer.“

Lächelt das Grauen weg.

 

Nur manchmal,

wenn der Himmel schwarz wird,

sieht er keine Sterne.

 

Sieht die Christbäume der anderen.

 

Er bleibt der Stiefelknecht,

seiner eigenen Ordnung.

 

 

VII. Das Ende

 

Er brauchte kein „Wilhelm“ mehr.

 

Er brauchte keine Erben.

 

Er hatte die Kasse des Lebens ausgeglichen.

 

Im Einzelzimmer,

hinter der Tür,

die er selbst verschloss,

hörte das Donnern

der Kanonen,

 

Dröhnen,

der Tankwagen,

 

endlich auf.

 

Herbert schlief ein.

Ohne Befehl.

Ohne Schande.

Nur er.

 

Allein.

 

 

 

 

© EVdR 04_2026

 

Dieses Stück erinnert an Herbert,

indem es den Schmerz der „Schande“ anerkennt,

gleichzeitig die unglaubliche Leistung seines Wiederaufstiegs,

aus dem Nichts würdigt.

 

Er war ein Opfer,

das sich weigerte,

eines zu bleiben,

und seine Würde,

in der absoluten Korrektheit,

eines Beamtenlebens,

neu erfand.


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