Chronik einer Mahlzeit
Erzählung zum Thema Zuneigung
von S4SCH4
Hunde essen Fleisch.
Katzen essen Fleisch.
Ich esse keines.
Noch nicht.
Ich liebe Hunde und ich liebe Katzen, bewundere was sie tun und wie sie sind, aber Fleisch? Fleisch essen? Essen Affen Fleisch? Schweine tun es, das weiß ich aber Affen? Mancherorts essen sie Affengehirn, das hörte ich einmal in der Boulevardpresse, sowas bleibt hängen, wie Fetzen und Fasern vom Fleisch zwischen den Zähnen. Denke ich jedenfalls.
Ist es nicht so?
Katzen essen Fleisch.
Hunde essen Fleisch.
Ich esse keines.
Noch nicht.
Vielleicht kaufe ich mir morgen früh einfach einmal eine Salami. Etwas für die Hand, also diese kleinen Sticks, die es in der gleichen Form auch für Hunde gibt.
Hunde essen ja Fleisch.
Ich bin vegetarisch erzogen worden, habe in meinem ganzen Leben niemals einen Bissen Fleisch gegessen, und erst jetzt, nachdem ich in der Veterinärmedizin arbeite, stelle ich mir die Frage, ob ich es nicht doch einmal versuchen soll.
Menschen sind vielleicht bestenfalls Tiere. Bestenfalls, ja. Außerdem bin ich Sternzeichen Löwe, der isst eigentlich viel Fleisch. Sehr viel. Blutig und roh. Ein Tierkreiszeichen gäbe es ja auch noch. Ist das chinesisch? Und apropos: essen sie in China Affengehirn?
Vögel essen Fleisch. Vögel sind frei wie der Wind. Sie sind leicht und locker in allem was sie tun, denn sie erinnern mich an den Wellensittich, den wir früher einmal hatten. Jerry. Jerry saß auf Spielzeugen, Jerry saß auf Schultern und kaute einem das Ohr ab. In doppelter Hinsicht, denn erst nagte er dran und dann erzählte er was. Jerry bekam zwar kein Fleisch, aber wenn er die Wahl gehabt hätte, weiß ich nicht, was er getan hätte. Er hätte es sicherlich erzählt, wenn die Frage nur einmal aufgebracht wäre, doch er war nur zur Belustigung da. Für reine Show. Für allabendliches Gegacker und Gekicher.
Löwen sind mir da mittlerweile lieber, sie nehmen sich, was sie wollen und lassen sich nicht für eine Show abstellen. Jedenfalls nicht so leicht… obwohl ... Im Zirkus gibt es viele Löwen und die machen alle eine Show. Auch sonst überall gibt es diese Löwenshows. Ich muss wohl noch einmal drüber nachdenken. In jedem Fall – und da bin ich sicher – essen auch diese Showlöwen Fleisch. Viel Fleisch. Und das roh und blutig.
Würden Tiere eigentlich Fleisch essen, bevor sie verhungern. Also würden auch solche Tiere Fleisch essen, die sonst kein Fleisch essen, bevor sie verhungern? Und gibt es ein Tier, das so neugierig ist, dass es Fleisch essen würde, obwohl es das sonst nicht tut. Affen vielleicht?
Meine Vorbilder sind Tiere und ihnen gilt meine ganze Sorge. Also esse ich sie nicht, weil ich Prinzipien und anerzogene Werte besitze oder essen ich sie, weil ich unter allen von ihnen gleich sein möchte. Wenn der Mensch ein Tier ist, warum kann er sich nicht einfach wie ein Tier verhalten?
Es ist die Regel, die mir anerzogen wurde und die sehr wohl Bestand hat, doch meine Eltern waren einer Überzeugung, die ich nicht in mir trage. Diese Überzeugung nicht zu teilen, lässt mich die Regel hinterfragen und eine Ausnahme machen. Gleichwohl lebe ich nach dieser Regel, sie ist mir in Fleisch und Blut übergegangen und die nun sich am Horizont breitmachende Ausnahme, lässt mich schwach und blutleer erscheinen.
Habe ich ein Wertegerüst und klare Ordnung der do´s und dont´s eingetauscht gegen eine Ausnahme, gegen eine scheinbare Freiheit. Die Freiheit, Fleisch zu essen?
Bin ich nicht erst dann wirklich ein Tierfreund, wenn ich Fleisch essen mag, aber darauf verzichte? Was ist meine Fleischabstinenz wert, wo sie darauf basiert, einfach nur regelkonform „es sein zu lassen“. Ist es Errungenschaft oder Heuchelei?
Hunde essen Fleisch.
Katzen essen Fleisch.
Ich liebe Hunde und Katzen. Mehr als Menschen. Manchmal. Tiere erinnern mich an mein wirkliches ich. An etwas das ich bin. Menschen erinnern mich an etwas, das ich sein kann oder sein soll.
Ich wage es kaum, zu fragen: Aber bin ich Opfer der Werbung und der Fleischindustrie? Wie eine Maus, gefangen mit Speck? Als Henkersmahlzeit quasi. Sitze ich in der Falle. Hereinspaziert durch eine Mischung aus eigenem Willen und verführende Fleischlust?
Die Tiere essen worauf sie Lust haben, Menschen haben Lust ihr tierisches Essen zu analysieren und es sich zu- oder abzusprechen. Sie geißeln sich mit Lust, nach Laune und werden dann bisweilen stinkig wie eine Leberwurst. Oder leben als ginge es um die Wurst.
Apropos: Meine Bekannte verpackt die Tabletten für ihre Hündin immer in Leberwurst. Dieser Fake-Leckerbissen, der zwar gewissermaßen schon einer ist, aber auch nicht gänzlich, kommt immer gut an bei dem Tier. Meine Bekannte fragte einmal scherzhaft, ob die Tablette mehr Chemie sei, wie die übrige Wurst Chemie beiläufig enthalte, also bei allem was man hört über Antibiotika im Tierfutter und so. Ich lachte nur. Es war ja auch witzig.
Doch mal im Ernst: Verspiele ich meine Fleischlosigkeit einfach nur einfach? Oder ist es gar nicht einfach, sondern diese Tugend, wenn man so will, steht nur wie leichte Beute auf einem brüchigen, morschen Pier? Umgeben von Haien. Sollte ich etwa wie die Enten an solchen Stegen, einfach den Kopf in das Wasser halten und so tun als wäre nichts? Es ist doch mein inneres ich, was sich am Fleisch laben will, oder will etwas etwa nur mein inneres ich verköstigen und sagen: Schwach ist das Fleisch. Ich will ja mein Tier sein, ja mein Tier, aber nicht das Tier des Gewissens, der degradierte Mensch. Ist das Tier nicht gleich Tier? Vielleicht brauche ich Tabletten gegen psychische Störung, wenn ich so darüber nachdenke. Oder reicht mir einfach nur ein Happen Leberwurst?
Und ja, da ist es passiert:
Das Stigma der Bestie trägt sich nun mit mir herum. Psychische Störung? Fleischeslust? Verweigerungshaltung? Dabei hatte alles so harmlos angefangen.
Hunde sind aus Fleisch.
Katzen sind aus Fleisch.
Ich bin es nicht. Nicht mehr.
Jedenfalls fühlt es sich nicht so an. Ich bin aus einem Guss, einem Guss Überlegungen gebaut. Erträumt. Erwartet. Nie geworden. Gebissen und vertilgt.
Die Erinnerung an meinen Körper lebt weiter. Als etwas worauf ich einmal Lust hatte. Was ich jetzt habe? Unlust. Ich mag plötzlich keine Tiere mehr, sie haben mich verraten.
Trotzdem bin ich noch Sternzeichen Löwe. Doch stolz und erhaben sieht anders aus. Ich bin ein Zirkuslöwe, domestiziert vom stigmatisierenden Abzeichen im Firmament, einem einsamen Nordstern allen Unheils. Tiere sind Tiere und der Neid der Untiere, der einsamen Sterne auf seine Nachbarn ist unermesslich. Der Zacken in der Krone der Schöpfung. Ein Stern an dem man sich orientiert und das, insofern als das man das Übel im Auge behält. Doch für mich ist es zu spät.
Ich bin gegessen worden.
Nicht von Hunden.
Nicht von Katzen.
Wer isst Affenhirn?
Vielleicht implodierte ich wie ein sterbender Stern. Eine Supernova. Fleischlos und still, denn: Der Wille kam mir abhanden. Ich habe keine Lust mehr auf Fleisch, aber ich habe auch keine Unlust darauf. Etwas in mir hat sich mit dem Gedanken angefreundet, und das mehr als real geworden ist und nun noch real werden könnte. Etwas geht schwanger mit dem Gedanken. Ich habe - und wurde geschwängert. Geschwängert durch das imaginäre Geschlecht meiner Gedanken. Eine fleischlose Empfängnis in einem fleischlichen Gefängnis.
Wer hatte Lust auf dieses Fleisch, frage ich mich nun? Etwas an und in mir, dass sich Rechtfertigung verschaffen wollte? Nur um mich zu essen? Um mich zu beißen? Zu vertilgen? Leer und lustlos taumele ich durch diese Nacht, die Gedanken waren ein Köder für etwas, dass mich angeln wollte.
Hunde und Katzen haben mich nicht gegessen. Sie würden so etwas nie tun. Doch wer tut so etwas? Wer ist das menschliche Tier und hinterlässt ein menschliches Untier? Und wozu?
Ich fühle mich sehr schläfrig und kann nicht einmal mehr sagen, ob diese Schläfrigkeit wahr oder unwahr ist. Beides hat sich miteinander vermengt, mein Körper gibt keine Signale, wie auch, er ist abwesend…
Ich höre eine Stimme: Gott hat dich zu sich geholt!
„Oh Gott! Ist Gott etwas Fleischfresser? Nein, sicher nicht, aber der Eintritt in sein Atelier kostet den Körper“, denke ich mir und schaute mich um: Überall standen Bilder und Gemälde.
Also gehe ich weiter oder ich werde gegangen, es ist alles so einfach hier, als ob mich etwas verschlinge, kein Biss, kein Kauen, keine Widerstände, kein Gaumen, keine Zunge, keine Zähne. Es ist die wahrhaftig gewordene Fleischlosigkeit und das Mahl einer Weltenschlange.
„Wo ist es hin?“, frage ich mich und frage ich Gott und wiederhole es gleich darauf verzweifelt:
„Wo ist es hin? Das Tier? Die Lust? Der Wille?“
Er lacht. Er lacht und lacht.
„Ich liebe doch Hunde, ich liebe doch Katzen, warum liebe ich sie hier nicht länger?“
Er lacht. Er lacht und lacht.
„So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt“, sage ich.
„So habe ich dir das Leben auch nicht vorgestellt“, sagt Gott.
Wir schauen uns tief in die Augen.
Wir schauen und tiefer in die Augen.
Wir schauen uns noch tiefer in die Augen.
Dann erwache ich wieder in meinem Bett. Es ist klitschnass geschwitzt. Meine Augen sind weit geöffnet und dahinter doch verschlossen vom Schlaf. War es Schlaf?
Neben mir schnurrt meine Katze. Mir ist, als kenne ich sie nicht.
„Wie ist ihr Name?“, frage ich mich.
Essen Katzen Fleisch?
Essen Hunde Fleisch?
Ich weiß es nicht mehr. Ich habe eine dunkle Ahnung. Doch ich habe keinen Bezug mehr zu so etwas wie Fleisch.
„Die Lust am Fleisch ist dir vergangen, was?“, schnurrt meine Katze und ich reiße die Augen noch weiter auf als ohnehin schon.
Ich sage: „Beides ist vergangen Lust und Fleisch und der Bezug zwischen ihnen.“
„Du armes Wesen?“, sagt meine Katze.
„Was ist mit mir?“, frage ich die Katze.
Sie lacht und lacht und lacht.
Ich erinnere mich vage an solch ein Gelächter, bekomme es aber nicht mehr zusammen in meinen Gedanken.
Ich stehe auf. Es ist 3:02 Uhr.
„Ich habe mich aufs Spiel gesetzt“, erklärt die Katze.
„Und man hat dich betrogen, aber das sei alle nicht so schlimm, denn selbst betrüge ich ja auch“, fügte sie hinzu.
„Wie man mich betrogen hätte?“, wollte ich wissen.
„Du wurdest stigmatisiert um geläutert zu werden. Und dann: Unschuld wurde dir genommen und dann: ab zu deinem Gott …“, erklärte die Katze fragmentarisch.
„Im Fleisch liegt Sünde, im Fleisch liegt Lust, im Fleisch liegt Befriedigung. Doch du bist besser, nicht wahr?“
„Besser?“, fragte ich entrüstet.
„Du hast ein wachendes Auge für alles was Tier ist, für Sünde und für Lust und Frieden?“
„Ach ja? Habe ich das? Ich wollte nur etwas Fleisch essen, mehr nicht! Oder es zumindest erstmal erörtern.“
Die Katze lachte und lachte und lachte.
Ich schaue auf die Uhr: 3:06 Uhr.
Ich hatte jetzt weder Lust auf Fleisch, noch liebte ich dieses Tier, was mit mir sprach und mich auslachte. Im Gegenteil: Ich fing an, es zu verabscheuen.
„So ist das, wenn man aus seiner Rolle fällt“, meinte die Katze.
„Aus der Rolle fallen? Ich wollte lediglich frei sein!“
Die Katze lachte und lachte und lachte.
Ich schaue auf die Uhr: 3:09 Uhr.
Ich stand auf, ging ins Bad, wusch mir mein Gesicht und kleidete mich zum Joggen an.
Ich lief und lief und lief. Wie in einem Hamsterrad und doch auch irgendwie so still auf dem Fleck liegend wie ein Speckstück in einer Falle. Wartend auf die Maus, die aus ihrem Loch kriecht und mich schnappt.
Wenn ich nur ein Stück Speck und ein Hamsterrad sei, gedreht und vertilgt von kleinen Säugetieren, was war dann meine Katze für mich?
Und was für eine Fallhöhe hätte man, wenn man zuerst denkt, man sei als Mensch doch „nur“ Tier, wie eben eine geliebte Katze, und dann stellt man Sekunden später fest, diese Katze sei gar nicht annähernd erreichbar für dieses Stück Speck im Hamsterrad, das sich überdies Mensch schimpft.
„Wie konnte es nur soweit kommen? Ich, als Mensch fern der Tiere? Ich, als Mensch soweit unter ihnen und auch soweit über ihnen. Und selbst, selbst habe ich mich entfernen lassen. Ausgeschnitten mit dieser Schere die nur darüber und darunter schneidet.“
Meine Beine gespreizt stand ich, ein wenig außer Atem befindlich, am Straßenrand. Ich beugte mich mit den Armen an meinen Knien ab. Ein wenig dehnen. Ein wenig zu Atemkommen. Nichts davon wirklich ganz und doch alles zusammen.
Danach machte ich einige weitere Dehnübungen; früher, im Kindergarten, hatte man diese Übungen „den Hampelmann machen“ genannt. Heute lächelte ich darüber, müde, also nicht gerade heute im Sinne von jetzt, sondern heute im übertragenen Sinne, als etwas, dass eben nicht länger die Zeit des Kindergartens ist.
Zuhause angekommen, war meine Katze nicht auffindbar. Mir war es nur recht, sie sollte verschwunden bleiben. Wie mein Fleisch. Wie meine Lust. Wie mein Wille. Wie Gott?
Nach dem duschen gehe ich ins Schlafzimmer. Ich schaue auf die Uhr: 4:37 Uhr. Lege mich erneut hin, ich schließe dabei die Augen und denke:
Hunde essen Fleisch.
Katzen essen Fleisch.
Mäuse essen Speck.
Hamster drehen im Rad.
Der Löwe steht in den Sternen.
Gott verschwunden?
Freiheit?
Menschen.
Menschen.
Menschen?
Ich wache auf.
Schaue auf die Uhr: 7:45 Uhr.
Der Wecker klingelt.
Meine Katze grinst mich an.
Katzen grinsen überlegen.
Hunde bellen abschreckend.
Ich überlege.
Abgeschreckt von letzter Nacht und verwerfe jeden Gedanken.
In der Küche sehe ich, wie der Mülleimer überquillt und einiges vom Müll vor dem Eimer liegt.
„Meine Katze“, denke ich, schaue zu ihr, sie grinst immer noch. Überlegen.
„Mensch, bring den Müll herunter“, sagt sie.
Ich drehe mich zu ihr.
„Bring Mensch den Müll herunter“, sagt sie.
Ich hasse Katzen.
„Vielleicht verspeise ich sie heute?“, denke ich und öffne ein Küchenfenster.
Draußen bellt ein Hund. Das Fenster schließe ich daraufhin wieder.
Ich hasse Hunde.
Ich habe keine Lust mehr auf Fleisch.
Ich würde gerne, aber es macht mich irgendwie nicht länger an.
Ich habe Besseres zu tun.
Ich fühle mich wieder besser.
Besser!
Ein besserer Mensch.
Ein Mensch, der keine Tiere mag.
Ehrlich.