Die Dachkammer hat eine Fläche von zwölf Quadratmetern und ein kleines Fenster, durch das nur ein schmaler Lichtstrahl fällt, der den Raum nicht zu erhellen vermag. Ihr Bett steht daneben im Schatten. Es gibt einen Verschlag in der Kammer, hinter einer eingezogenen Gipswand, mit einem Waschbecken und einer Toilette. Hier muss schon früher einmal jemand gewohnt haben. Vielleicht war es ursprünglich eine Dienstmädchenkammer, die nach dem Krieg mit einer modernen Toilette ausgestattet und untervermietet wurde. Ich weiß nicht, wer dieses Haus früher besessen oder darin gewohnt hat. Es ist ein Gründerzeitbau und die Kammer ist nicht der einzige Raum im Dachgeschoss. Daneben liegt ein geräumiges Dachzimmer, das wir Bibliothek nennen. Es stimmt, dass dieses Zimmer mit Büchern vollgestopft ist. Allerdings stehen die Bücher nicht in Regalen, was bei den schrägen Wänden auch kaum möglich wäre. Sie sind in aufeinandergestapelten Kartons verstaut. Wir haben vor, die Bücher durchzugehen und zu sortieren und dort eine tatsächliche Bibliothek einzurichten. Bisher sind wir noch nicht dazu gekommen. Ohnehin sind die Bewohnerinnen nicht übermäßig daran interessiert. Aber sie geht in ihren schlaflosen Nächten manchmal hinüber und kramt in den Kartons; nicht um zu lesen. Lesen, sagt sie, könne sie schon lange nicht mehr. Früher habe sie gerne gelesen und viel. Heute könne sie nichts mehr aufnehmen. Sie könne sich die Bücher nur mehr ansehen und. Sie zählen.
Zählen, sagt sie, sei eine Möglichkeit der Beherrschung. Das sei bekannt. Das Schäfchenzählen sei in der Literatur seit dem frühen 19. Jahrhundert belegt, jedoch gebe es Vermutungen, dass der Brauch bis ins Mittelalter zurückreiche. Das Herunterzählen von zehn bis eins sei eine bewährte Methode, um plötzliche Gefühlswallungen, Wutausbrüche, Angstzustände, niederzukämpfen. Aber Zählen sei viel mehr als die Vermeidung von Gefühlsausbrüchen. Unter Ausbrüchen jedweder Art habe sie nie gelitten. Zählen sei Konzentration aufs Wesentliche. Alles könne mithilfe des Zählens in eine Ordnung gebracht werden: Zeit, Raum, Körper. Mithilfe des Zählens könne eine undefinierbare Masse in ihre Einzelteile zerlegt und in klar abgrenzbare Anordnungen gebracht werden. Daher stamme auch das Verb erzählen. Genaugenommen sei das Erzählen nichts als das geschickte Aufzählen von Ereignissen; Ursache und Wirkung seien oftmals nur ein Ergebnis der Aufzählungsanordnung. Mithilfe des Zählens könne mitten im Stillstand eine Bewegung geschaffen werden. Darum sei es ihr gegangen: einen Antrieb, sich überhaupt zu bewegen. Es habe eine Phase in ihrem Leben gegeben, da ihr das Zählen zum einzigen Inhalt ihres Alltags geraten sei, zu einer Daseinsform gewissermaßen.
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