Meine Kilimandscharo

Text

von  Verlo

Der große Rasenmäher vor mir auf der anderen Seite der Straße wird von dem auf ihm sitzenden Mann in diesem Jahr das erste Mal hin und her gejagt. 

Auf der anderen Seite des Fjords glitzert eine schneebedeckte Bergkuppe in der Sonne. Der Schnee wird bald schmelzen. Dieser Berg kommt als kleiner Bruder des Kilimandscharo also nicht in Frage. 


So fahre ich mit dem Motorrad die Serpentinen hoch, um zu spähen, auf welchen Bergen ich im weißen Hochzeitskleid, mit einer Kirschblüte im Haar, dem Firmament so nahe bin, daß niemand jemals an meiner reinen Glücklichkeit zu zweifeln wagt. 


Am Aussichtspunkt, 450 Meter über dem Fjord, ist es kühler. Ich ziehe die dünnen Handschuhe aus und die dicken an. Schließe die Jacken, den Kragen. 


Der kleine Gletscher hinterm Haus ist 1.600 Meter hoch. Wie kalt wird es dort oben sein, frage ich mich.


Sehr viel kälter als hier, antworte ich.


Aber nicht so kalt wie auf dem großen Gletscher dort hinten, sagt jemand, den ich nicht kenne.


Wer bist du?


Ich bin der, der dir begreiflich macht, wie blöd du bist, wenn du auf einem Gletscher im weißen Hochzeitskleid mit einer Kirschblüte in deinem spärlichen Haar, das nicht mehr länger als einen Zentimeter wächst, liegen willst, um zu fühlen, wie rein und glücklich du bist, weil ein versoffener Schriftsteller in einer Lebenskrise, statt seine Probleme endlich einmal zu lösen, wieder nur eine Geschichte schreibt, sicherlich in der Hoffnung, einen Nobelpreis für Literatur verliehen zu bekommen, aber trotzdem in allem, was man von einem echten Mann erwartet, versagt. 


Du hast mir nichts zu sagen. Ich fahre weiter zum großen Gletscher. Dieser Baby-Gletscher entspricht nicht dem, was ich repräsentiere.


Die Straße ist zwar nicht mehr so steil, die Kurven werden weiter, aber je näher ich dem Parkplatz am Paß komme, desto stärker bläst der Wind von vorn.


Verdammt, klappern meine Zähne, wieso ist es hier so kalt?


Ja, du Schlaumeier, mit jedem Höhenmeter wird es kälter. Du bist erst auf 600 Meter. Stell dir vor, wie es auf dem Gletscher ist, 2.000 Meter über dem Fjord, wenn der Wind viele Kilometer über das Eis gefegt ist. Die Kälte, die aus dem Gefrierfach strömt, wenn du dessen Tür in deiner warmen Küche öffnest, ist ein laues Windchen dagegen.


Verdammt, Ernest ist mein dritter Vorname, und du nimmst mir meiner Männerhaftigkeit nicht.


Trotzdem habe ich mich, nach einem langen sehnsüchtigen Blick auf den großen Gletscher, auf den Weg nach Hause gemacht. 


Jetzt sitze ich am Schreibtisch und hinterlasse auf einer Kirschblüte meine glückliche Reinlichkeit, hoffend daß ihr, die ihr auf dem Kilimandscharo im weißen Hochzeitskleid mit einer Kirschblüte im Haar liegt, nicht mitleidig auf mich herabschaut.




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