Unterwegs
Text
von Verlo
In Raum und Zeit und Bewußtsein.
In Räumen und Zeiten und Bewußtseins.
Räume:
– von Utvik bis kurz vor Ålesund, 269 km und zwei Fähren, die jeweils einen zwei und drei Kilometer breiten Fjord überqueren,
– mehrere Tunnel, kurze (wenige hundert Meter) und lange (mehrer Kilometer), teils schlecht beleuchtet, feucht, windig, alte Fahrbahn, teil hell, angenehm warm, aber auch zu laut,
– verschiedene Orte in Norwegen und Deutschland.
Zeiten:
– Dienstag, 31. März 2026, 11 Uhr 15 bis 17 Uhr 55,
– vergangene Tag zwischen heute und meiner Geburt,
– keine Tage davor oder danach.
Bewußtseins:
– der, der das Motorrad auch dann noch fährt, wenn alle anderen schlafen, und der locker nach Ålesund und sicher zurück gekommen wäre, wie stark es auch regnet, wie kalt es auch ist,
– der, der sagt, wohin es wie schnell geht,
– der, der gern ein großes Motorrad fahren möchte,
– der, der nur weiß, daß er endlich ein größeres Motorrad haben möchten und dem hohen Drehzahlen wahnsinnig machen, weshalb er darauf besteht, den Motor nicht höher als 4.000 U/min laufen zu lassen, was bei einer Honda CB125F im höchsten Gang nicht mehr als 50 km/h beträgt, bei einer Honda Goldwing jedoch über 140, bei einer Honda NX500 immer noch knapp 80.
– der, der das Haus nicht verlassen muß und sehr gern liest und schreibt und endlich wirklich sein Buch schreiben möchte, nicht nur mißbraucht als Quasselstrippe der anderen, die immer noch nicht schreiben können,
– die Kleinen, die sich in alle Aspekte einmischen, weil sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, die eigentlichen Herrscher und unsterblich sind.
Die Fahrt selbst ...
... habe ich bis auf die letzten 40 Minuten gefilmt, zwischen Stryn und Loen war die Batterie leer, ich wollte nicht noch einmal im Regen anhalten, um die Batterie zu wechseln, die Strecke von Stryn nach Utvik habe ich unzählige Male gefilmt.
Ich wollte überhaupt nicht anhalten, bevor ich endlich wieder zu Hause bin, die Heizung aufdrehen und die nassen Kleidung ausziehen kann.
Ich habe nicht nur das Motorrad im Wind durch den Regen gesteuert, sondern ich habe auch aufgepaßt, daß ich nicht zu schnell fahre, trotzdem immer so schnell wie es geht, damit die anderen nicht noch länger frieren müssen, die anderen, denen das alles wieder zu viel ist, die auf einmal nicht mehr da sind, die sich heute auch nicht mehr melden werden, sondern erst wieder morgen vormittag, um endlich mal wieder auf Tour zu gehen.
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Heute bin ich aber nicht auf Tour. Es regnet zu stark.
Die anderen haben sich noch nicht gemeldet, obwohl es bereits nach 15 Uhr ist.
Merkwürdig. Haben sie wohl gestern mehr bekommen, als sie vertragen können.
Ich genieße die Ruhe.
Aber bißchen Sorgen machen ich mir schon.
Ich möchte gern noch einzelne Erlebnisse der gestrigen Fahrt erzählen, aber ich werde mal fragen, vorsichtig, wie das werte Befinden der anderen ist.
Nein, brauchst du nicht, uns allen geht es gut. Hast du gestern super gemacht. Daß wir nicht nach Ålesund gekommen sind, ist nicht schlimm. War die richtige Entscheidung. Ein Abbruch ist manchmal ein Sieg. Erzähle ruhig noch von der Fahrt.
Nein, lieber nicht: schreibe ich es auf, verläßt es mich.