Reisen ist wichtiger als Fahren
Text
von Verlo
Meine Reise in Richtung Ålesund sollte auch herausfinden, ob das Schnellstraßen- und Tunnel-Problem durch ein anderes Reisegefährt gelöst werden kann.
Leider nicht.
Allerdings lassen sich die, die ein größeres Motorrad fahren wollen, nicht überzeugen. Sie argumentieren, sitzt man bequemer, kann man weiter reisen, hat man mehr Stauraum, kann man länger reisen, hat der Motor mehr Kraft, fährt es sich entspannter.
Das stimmt alles. Aber hat auch seinen Preis: je mehr Kosten durch das Gefährt entstehen, desto weniger Geld bleibt für die Reise.
Außerdem ist nicht zu unterschätzen: je stärker das Motorrad, desto schneller ist es, verleitet einen alten Raser wie mich zum Rasen. Das kann nicht nur sehr teuer werden, sondern ist auch sehr gefährlich.
Bereits die 10 PS meiner Honda CB125F haben mich mehrmals ich sehr gefährliche Situationen gebracht, die nur durch Glück und meine lange Fahrerfahrung nicht in einer Katastrophe endeten.
Im Grunde sind die 90 Kilometer pro Stunde schon zu schnell für mich, dessen Muskelgedächtnis mehr Rennrad- als Motorradfahrer gespeichert hat.
Nun gut, das läßt sich noch anpassen; einen Supersportler sollte ich mir trotzdem auf keinen Fall kaufen.
Deshalb einen dicken Tourer.
Wobei gestern 269 Kilometer vollkommen gereicht haben. Bei Strecken mit weniger Schnellstraßen und Tunneln sind es weniger.
Einmal den Berg hoch hinterm Haus. Rundumblick. Grüße an die Sonne. Und wieder nach Hause. Keine 20 Kilometer. Wozu braucht es da einen großen Tourer.
Vor wenigen Jahren bin ich das mit dem Fahrrad gefahren ...
Sorgen macht mir, daß ich nur wieder Geld ausgeben will. Mir ist da nicht zu trauen. Neulich eine Smartwatch gekauft, damit ich auf Tour nicht mehr umständlich das Telefon herauskramen muß, um die Zeit zu wissen, hatte ich während der Fahrt vergessen, die Uhr zu tragen. Erst als ich zu Hause war, stellte ich beim Ausziehen fest, daß ich die Uhr trug. Und mich ohne Grund aufgeregt hatte.
Ich sag es mal ganz deutlich: ich reise lieber mehrmals mit meinem billigen Motorrad als einmal mit einem teuren komfortabler, entspannter, schneller, wettergeschützter.
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Eigentlich war alles klar. Dann aber sehe ich heute ein Angebot für eine Honda Goldwing 1500 für 26 000 Kronen. Das sind nur 10 000 mehr als ich für meine alter 125er bezahlt habe.
Und, nicht unwichtig, die Goldwing steht nicht weit entfernt. Noch mal eine Tour wie gestern, und ich kann sie in Augenschein nehmen.
Nebenbei lerne ich ein Stück wildes Norwegen kennen, das ich noch nicht besucht habe.
Im Moment habe ich das Geld nicht, aber im Sommer ...
Ich sollte mir zum 67. Geburtstag eine (alte) Goldwing schenken.
Immerhin fuhr ich bereits in der DDR nicht nur Trabant, sondern Wolga: war Behördenfahrzeug und Taxi.
Eine Reise wird schöner, wenn man angemessen unterwegs ist.