Abschied

Gedicht zum Thema Melancholie

von  AnneSeltmann




der bahnhof
voll von abfahrten

 

als hätte jemand
das verschwinden
organisiert

 

zwischen den gleisen
dieses kalte metalllicht

 

und menschen
mit koffern voller gestern

 

du sagst noch etwas
das im lautsprecherrauschen
stecken bleibt

 

vielleicht
war es ein versprechen

 

vielleicht nur
pass auf dich auf

 

der zug atmet bereits

 

dieses tiefe
elektrische ungeduldigsein

 

eine frau zieht ihr kind weiter
ein mann faltet seine zeitung
als könne man dadurch
zeit beruhigen

und wir

stehen noch da
wie zwei
die den gleichen ort verlassen
nur auf verschiedene arten

 

deine hand
löst sich langsam
aus meiner

nicht plötzlich

 

eher
wie ein ufer
das hinter nebel gerät

 

dann die türen

dieses endgültige zischen

menschen ziehen hastig

an den fenstern vorbei

 

du hebst noch einmal die augen

 

und ich weiß nicht
ob abschied
ein moment ist

 

oder etwas
das noch lange
weiterfährt

 




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Kommentare zu diesem Text


 Hans (07.05.26, 08:13)
Beeindruckend.

 AnneSeltmann meinte dazu am 07.05.26 um 08:54:
Vielen Dank Hans!

 Saira (07.05.26, 09:33)
Moin Anne, 

dein Gedicht trägt eine stille, fast filmische Melancholie in sich. Der Bahnhof wird bei dir zu einem Ort, an dem nicht nur Züge abfahren, sondern ganze Lebensmomente.
 
In:


menschen / mit koffern voller gestern


steckt sofort eine ganze Geschichte. Auch das Ende ist wunderschön offen und schmerzhaft zugleich.

 
Liebe Grüße
Sigrun

 franky (07.05.26, 10:02)
Hi liebe Anne, 

"ein mann faltet seine zeitung
als könne man dadurch
zeit beruhigen" 

Einer von mehreren guten Einfällen. 
Gerne gelesen:-) 

Liebe Grüße von Franky 

 Vaga (07.05.26, 11:48)
Viele (fast wie fotografierte Bilder wirkende) Einzelmomentaufnahmen finde ich in diesen Zeilen. Diese bspw. mag ich besonders gern
und menschen

mit koffern voller gestern
LG - Vaga

 AchterZwerg (08.05.26, 07:15)
Liebe Anne,

eine gelungene Momentaufnahme, finde ich.  :)

Du fängst die Unausweichlichkeit ("der Zug atmet bereits") eines Abschieds mit passenden Metaphern ein - melancholisch, aber ohne falsches(!) Pathos.
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