Der Islam hat keine Gardinen
Kurzgeschichte zum Thema Weltanschauung
von Moppel
Beim morgendlichen Hundespaziergang gleitet mein Blick über die Fassaden unserer Eigentumswohnanlage. Vor einigen Jahren sah es hier noch ganz anders aus. Viele alte Wohnungsbesitzer sind gestorben, die Wohnungen wurden lukrativ vermietet an muslimische Migranten und nun schauen zahlreiche Fenster wie Löcher aus den Mauern. Nicht eine Gardine. Nicht mal Bistro oder ein kleines Fensterbild, wie man es in Holland findet. Der Islam hat keine Gardinen. Und ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit diesem Gedanken vor 40 Jahren.
Schon mit vierzehn reizte mich die große Welt. Nicht die hinter der sauerländischen Kleinstadt, wo wir hinfuhren, um eine neue Winterjacke zu kaufen. Sondern die richtige Welt. Die da draußen. Ein bisschen pflegte ich diese Schwärmerei durch meine zahlreichen Brieffreundschaften. Ich tauchte ein in ihre spannende, ferne Welt und vergaß für den Moment der Briefe das Dorf und seine Abgeschiedenheit.
Zwei Franzosen, eine Engländerin, ein Ghanaer, ein Portugiese und ein Algerier kommunizierten mit mir. Jahrelang. Irgendwann wuchs der Wunsch, sich persönlich kennenzulernen. So viel hatten wir uns alle voneinander erzählt. Und doch waren wir Fremde, als wir uns dann trafen. Diane aus Manchester entpuppte sich als Zicke, die kein deutsches Essen mochte, als sie mich besuchte. Und Antonio verabscheute die Siedlung und die Sozialwohnung, in der wir wohnten. Kam er doch aus einer Arztvilla in Albufeira. Schon mit 16 wurde mir schlagartig klar, Völkerverständigung ist nicht so einfach wie man denkt, denn jeder bringt seine eigene Kultur mit.
Ganz anders war das bei den palästinensischen Studenten, die ich ein paar Jahre später kennenlernte. Sie wohnten in der Studenten-WG unter uns, passten sich an. Respektierten uns Frauen, wurden Freunde.
Irgendwann erzählte ich Azmi von Abderrahman, dem ich seit so vielen Jahren schrieb und der nun in Paris Medizin studierte. Auch er wohnte in einer WG und hatte mich eingeladen, ihn zu besuchen. Azmi zog eine Augenbraue hoch: Algerier? fragte er, nicht gut! Nicht gut zu Frauen. Sehr streng mit dem Islam. Fahr nicht, Moni!
Nachdenklich ordnete ich meine Bücher für meine Hausarbeit über „Die gesellschaftliche Rolle der Frau in den Romanen Molières“. Nie hätte ich gedacht, dass die Araber so unterschiedlich wären und den Islam so anders auslegen. Ich überlegte vier Wochen lang. Abderrahman drängte und ich dachte: Mensch, ich bin 19. Ich kann tun, was ich will. Und kaufte die Fahrkarte.
Heute ist es nun soweit. „Unsere“ Palästinenser kommen hoch zum Abschied.
Zieh mal einen Cowboystiefel aus, sagt meine Freundin lächelnd. Und gibt ihn Azmi. Wir haben alle zusammengelegt, brummt der, während er einen Hundert-Mark-Schein unter die Innensohle schiebt. Für den Notfall. Dann nimm dir ein Hotel! Ich bin gerührt und ein wenig mulmig ist mir nun doch. Ich überspiele es mit einem OK, Baba. Aber Azmi verzieht keine Miene. Wenn was ist, ruf an! betont er eindringlich, wir kommen und holen dich.
Eine letzte herzliche Umarmung von allen. Mensch Leute, ich fahr nur nach Paris. Nicht nach Saudi Arabien, scherze ich. Jung, naiv, völlig unwissend.
Nun sitze ich im ICE und bin ein bisschen aufgeregt. Wie würde er sein, mein toller Freund, dem ich schon seit fünf Jahren alles anvertraute?
Am Bahnhof in Paris holt er mich ab. Ich erkenne ihn sofort, den schlanken, jungen Mann mit den wirren, dunklen Locken. Er strahlt mich an, umarmt mich aber nicht. Was ich seltsam finde. Ein klappriger, roter Renault bringt uns in die Banlieus. Damals eine völlig normale Hochhaussiedlung wie unser Querenburg in Bochum - heute eine No-Go-Aria.
Mein Reich, sagt Abderrahman stolz, hier wohnen fast nur Muslime. Und direkt fällt mir auf, dass die Fenster wie dunkle Löcher aus dem Mauerwerk starren. Nicht eine Blume. Nicht eine Gardine. Trostlos irgendwie. Der Islam hat keine Gardinen.
Die Wohnung teilt Abderrahman mit Tino, einem Brasilianer, seiner französischen Freundin Chantal und Alain, der aber gerade bei seinen Eltern ist, damit ich sein Zimmer haben kann. Kein Begrüßungsmahl vorbereitet, stelle ich enttäuscht fest, denn ich habe Hunger. Sollen wir Pizza holen? frag ich, ich habe da unten einen Imbiss gesehen. Nee, antwortet er bestimmt. nachher kocht Tino Hühnchen Brazil. Sie sind nur einkaufen. Da musst du jetzt eben warten! Aha, denke ich und esse in Alains Zimmer heimlich den Rest meiner Reise-Butterbrote. Auspacken kann ich nicht viel, ist ja kein Platz im Kleiderschrank. Und ist auch alles etwas ungepflegt. Naja, wir Deutschen und unser Sauberkeitsfimmel…
Abderrahman hat Tee gekocht, wir sitzen im Wohnzimmer und schlürfen das süße Minzgebräu. Ich müsste mal meine Eltern anrufen und meine Freunde, dass ich gut angekommen bin, sage ich, als mein Blick auf das Telefon fällt. Ja, mach aber nicht so lange, ist ja sehr teuer. Alles gut? fragt mein Vater, hörst dich ja nicht so begeistert an. Naja, murmele ich, Gewöhnungssache. Abderrahman will wissen, was ich gesagt habe, ich soll es übersetzen. Und ich übersetze irgendwas mit Wetter. Muss dem wohl keine Auskunft geben, was ich mit meinem Vater bespreche! denke ich. Hab schnell gelernt. Der Islam hat keine Gardinen. Und lässt sich doch nie in die Stube schauen.
Tino und Chantal kommen, bepackt mit Lebensmitteln. Ihre Begrüßung ist warmherzig. Ihr habt bestimmt viel zu erzählen, wir kochen dann mal. Aber ich habe nichts zu erzählen. Abderrahman ist ganz anders als ich ihn mir vorgestellt habe. Ich glaube, ich mag ihn nicht. Du bist so hübsch, schwärmt er und ich fliehe zur Toilette.
Nach einer unruhigen Nacht in einem unsauberen Bett stehe ich früh auf. Ich will Frühstück machen. Aber es ist nichts da. Vielleicht gibt es ja unten irgendwo einen Bäcker bei dem Imbiss. Ich laufe ein paar Blocks rechts und links und finde den Imbiss. Fröhlich geh ich hinein: Bonjour. Gibt es hier einen Bäcker? Die arabischen Männer schauen mich an, als sei ich ein Alien, einer weist mich zurecht: Dies ist ein arabisches Cafe nur für Männer! Ich weiche zurück. Tschuldigung, sag ich. Wusste ich nicht. Bin hier zu Besuch aus Deutsachland. Das gibt es bei uns nicht! Der ältere Mann hinter der Theke reicht mir ein Baguette und Croissants. Deutsche? Ich aus Jordanien, war lange Stahlwerk Bochum, sagt er auf Deutsch. Ja, deutsche Mädchen sind selbstständig. Nimm und geh schnell! Er lächelt, schaut durch die große Ladenscheibe. Da kommt dein Freund schon. Algerier? fragt er und wiegt brummend den Kopf. hm hm.
Abderrahman brüllt mich an: Was tust du hier? Du machst mich lächerlich im ganzen Quartier! Entsetzt schaue ich ihn an. Den ganzen Weg zurück murmelt er wütend auf Arabisch vor sich hin und ich denke: Du Arsch! Halt dich bloß von mir fern! Taste mit den Zehen in meinen Stiefeln nach dem Hundert-Mark-Schein unter meinen Sohlen.
Ich frühstücke, täusche Kopfschmerzen vor, packe meine Sachen und verlasse in einem unbemerkten Moment die Wohnung. Nicht, ohne mich fünf Mal umzuschauen, bevor der Fahrstuhl kommt. Achter Stock. Renne zur U-Bahn Richtung Stadt und steige in den ersten Zug nach Deutschland. Köln. Mir egal. Hauptsache weg. Auf der Fahrt habe ich Zeit, nachzudenken. Das hätte verdammt ins Auge gehen können.
Zurück in Bochum schaue ich an den Fassaden hoch. Überall Blümchen und Gardinen vor den Scheiben. Und die Sonnenblume vor meinem Zimmerfenster strahlt mir ein Willkommen entgegen.