Blätterregen 14
Erzählung
von minze
Als wir eine Flugreise machen wollten, da hat Opa einfach das Esszimmer verlassen. Er kam eine Stunde später wieder und sagte mir, wir kaufen Balkonmöbel. Und das war's. Aber denk mal, wir haben die Balkonmöbel noch heute. Zu meinem siebzigsten habe ich ihm gesagt, ich gehe fliegen, ob du mitkommst, oder nicht. Und dann hatte er den Fensterplatz und es war das schönste Erlebnis für ihn.
Mara will mit Oma Memory spielen, wir spielen die Klatschvariante, das braucht nicht so viel Erinnern, aber eine schnellere Reaktion, als ständig Mara gewinnt und wieder neu Karten aufdeckt, nimmt sich Oma einfach Karten, deckt auf, Palina auch, es geht durcheinander. Omas Nase ist rot, ihre Wangen gut durchblutet, sie hat kaum Bläue im Gesicht, es reicht aus, wenn sie den Sauerstoff nimmt, wenn sie sich wieder ins Bett legt.
Sie hält ihre vier Kartenpaare auf dem Handrücken schwebend in der Luft, als wir am Ende des Spiels vergleichen wollen, wer gewonnen hat, ich! Sie schummelt so selbstverständlich, dass ich erstaunt bin. Hast du das schon ausprobiert – Brezeln und ein Käs drauf und dann in die Mikro? Das ist ganz fein. Ich freu mich, weil sie etwas macht, Palina scheint Oma zu gewähren, auch etwas zu machen. Sie hat ihren Vertrag als Pflegerin bei Oma erneut verlängert, dass sie fast zehn Monate bleiben wird. Sie sei noch nie geflogen. Oma sagt, mit mir, wir beide! Zuvor meint Palina, Oma habe sie gebeten, zu bleiben. Und dann, sie hakt sich ein bei Oma – wir beide bleiben zusammen wohnen. Zusammen.
Ich habe gehört, dass sie immer gedrängt habe, Oma solle wieder aus dem Krankenhaus zurück nach Hause, als sie fünf Wochen dort war bis zur Herz-Operation. Damals dachte ich, dass sie nicht wollen kann, dass ihr Kunde wegstirbt, jetzt glaube ich, sie will es ganz und gar nicht, dass Oma sterben könnte, wenn sie da ist und ich denke an die Pflegerin, die sich um alles gekümmert hat, als Opa starb. Sie sind umgeben von einem Schimmer, einem Geist, der mich still macht. Innen; außen will ich immer herzlich sein und es gelingt mir, manche weisen mich trotzdem zurück, wenn ich was in der Küche machen will, sind zu stolz in ihrem Arbeitsbereich; manche wollen doch, dass wir dann zusammen sind, zusammen spülen, abtrocknen. Ich lege nichts auf einem Arbeitsbereich ab, der vielleicht noch genutzt werden wird. Ich räume mich auf, wenn ich schon da bin und mich so zu Hause fühle.
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Würde ich in meiner Küche etwas anders machen, dann wollte ich die Kinderarbeitsfläche, die man ausziehen kann, dass ausziehbare Brett unter der Besteckschublade, auf dem wir Schupfnudeln gerollt haben. Aber es ist schon zu spät, weil meine Kinder nun im Grundschulalter sind, das bedauere ich; sie haben anders mitgemacht. Sitzend auf der Arbeitsfläche, entweder mit den Hosen und Strumpfhosen, die alles aufsaugen oder nur in Unterhose, praktischer. Ich erzähle es Oma nicht.
Palina findet mich streng, als die Kinder nach dem Frühstück kein zweites Eis bekommen sollen, ich hoffe, die beiden werden sich noch lange daran erinnern, was sie eingesteckt bekommen haben, von der Liebenswürdigkeit Omas und ihrer Pflegerinnen, die ebenso beide verhätscheln und ihnen über den Kopf streichen.
Immer wollte ich Oma fragen, wie sie es gehandhabt hat, als Opa sie fast verlassen hatte. Ich habe damit gewartet, bis ich dachte, dass Yann und ich vor dieser Entscheidung stehen, so gut wie. An einem Morgen um 7:00 Uhr habe ich sie angerufen und erst geweint, dann direkt raus gerückt und sie so überfallen, aber mit meiner eigenen emotionalen Betroffenheit, die es erlaubte. Sie hat mir bestätigt, was ich dachte, dass damals alles anders gewesen sei, als Frau. Sie musste abwarten und nehmen, was passierte. Welchen Hinweis sie mir geben könne.
Zwei Hinweise gab sie mir, die mich verschieden berührten, den ersten über die Kinder, dass sie nicht dazwischen gerieten, wäre eine Aufgabe gewesen und den zweiten, dass sie mit den Brüdern Opas gesprochen habe und sie alle für ihn gebetet hätten. Diese Allianz irritiert mich, aber zeigt etwas auf – diesen Bund, den alle gehalten haben, diese Verbindlichkeit und feste Hoffnung.
Die andere Perspektive ist die, die ich von Mamas Geschichte kenne: dass Opa sehr wohl Oma verlassen hätte für seinen Kurschatten, alles schon organisiert war, er selbst es seinen zwei Kindern erklärt hatte, die Koffer gepackt, dann aber diese Frau doch einen Rückzieher gemacht hatte – ihrem Mann zu Liebe - und Opa erneut vor der Türe stand. Diesen Moment sehe ich in Omas Augen immer wieder, auch als Flashback, als prägendes Element durch alle Ehejahre gehend. Es gibt Risse, die bleiben dann, sagt sie.
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Einen Nachtrag muss ich zum Verlust meines Bruders setzen. Mein Onkel erzählt mir von der Wirkung des verlorenen Bruders meiner Oma, dem immer vermissten Bub der Urgroßmutter, den Oma nie ersetzen konnte. Er, mein Onkle, sei der Ersatz gewesen und immer habe meine Oma Angst gehabt, ihn zu verlieren, wenn er auf der Straße gespielt habe, auf den Baum geklettert sei, es habe ihn gehemmt; sie konnte es nicht zulassen, ihn zu verlieren. Sie hat meine Mutter nicht umarmen können nach dem Tod meines Bruders. In mir türmt sich das still laute Entsetzen darüber, was zwischen beiden Frauen festgesetzt sein muss.