Landschaft // ein Bild

Beschreibung

von  mrakkkk

Man stelle sich einen Weg vor, dessen Ende nicht zu sehen sei. Man stelle sich ferner vor, dass dieser Weg sich um größere und kleinere Hügel winde oder auch zwischen den Hügeln liegende Täler durchquere. Diese Hügel zeichneten sich in einiger Entfernung in unregelmäßigen Abständen vor dem Horizont ab und entzögen den Weg, der einem durch die Schritte vorangegangener Wanderer in den spärlichen Pflanzenbewuchs eingetrampelten, schmalen Pfad gleiche, dem Auge des Betrachters. Man stelle sich vor, der nun sichtbar werdende Wanderer sei auf seinem Weg vor einer dieser Stellen angelangt, die für ihn nicht einsehbar sei, sei es, dass ein Felsvorsprung ihm die Sicht verdecke oder der Höhennebel ihm die Sicht bis auf wenige Meter begrenze. Der Wanderer habe schon viele solcher Wegpunkte überwunden. Weg und Wanderer seien dann für einige Zeit nicht mehr zu sehen gewesen. Und doch müssen beide weiter existiert haben, denn nach einer Weile waren sie dann, vielleicht nach einer weiteren Biegung oder einer Steigung, vielleicht aus einem zwischen zwei Hügeln sich befindenden Tal heraus wieder erschienen. Je weiter sich der Wanderer entferne, mit desto geringerer Sicherheit könne man freilich feststellen, ob es sich dann tatsächlich noch um denselben Wanderer handele, man dürfe aber vorläufig davon ausgehen, es sei derselbe.


Der Betrachter dieses Bildes verfolge den Weg des Wanderers argwöhnisch. Erneut nähere sich der Wanderer nun einer dieser Stellen und man stelle sich vor, dass der Betrachter sich in die Haare greife, ziehe, sich diese nun regelrecht vom Kopf reißen wolle, das Gesicht zu einer Fratze verzogen, die weit aufgerissenen Augen suchten und versuchten jetzt den Wanderer durch das undurchdringliche Hindernis hindurch zu sehen, versuchten, das seiner Sicht entzogene Geschehen zu erfassen und er schreie nun, schreie dem Wanderer zu, schreie das Bild an, hoffnungslos, bald schon erschöpft bis in den letzten Winkel seines Bewusstseins hinein und er spüre nun seinen Herzschlag, fühle, wie mit jedem Atemzug sich ein dunkler, schwerer Umhang um seine Brust legen wolle, die ihn zu erdrücken suche und er gestehe sich ein, dass er diesen Zustand nicht werde überleben können, bis dann, zuerst nur die Spitze des Hutes, noch glaube der Betrachter an eine Täuschung, er glaube, es könne ja nicht sein, unmöglich sei es, dass der Wanderer aus dem Tal nun wieder hervorgekommen sei und doch, man stelle sich vor, sie werde nun sichtbar, es sei doch keine Täuschung der Sinne, sondern wahrhaftig die Spitze des Hutes des Wanderers und dieser sei gegen jede Wahrscheinlichkeit und trotz der schon aufgegebenen Hoffnung des Betrachters unversehrt und ohne Zweifel nun wieder in voller Größe und in demselben gemächlichen Tempo wieder auf dem Wege zu sehen, der in dieser Entfernung dem Betrachter noch enger vorkomme und der, wenn auch nicht mit vollkommener Sicherheit, so doch dem Anschein nach derselbe einem ausgetrampelten Pfad gleichende Weg zu sein scheine, der seinen Ursprung am unteren Rande des Bildes habe.


“Sie sehen sich das Bild an”. Jemand war an ihn herangetreten, vielleicht angezogen von den Schreien, die die Stille für einige Augenblicke zerrissen hatten.
“Ja, da ich es noch nicht verstanden habe, sehe ich es an”.
“Es ist ja eine Landschaftsmalerei, was sollte es da zu verstehen geben?”
“Sie sehen die Gefahren nicht”, sagte der Betrachter nicht ohne Mitgefühl und schwieg, ohne das Bild aus den Augen zu lassen.


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