
Es gibt Beobachtungen im öffentlichen Nahverkehr, die den Geist unweigerlich in die Antike zurückwerfen. Neulich im Bus: Eine junge Frau zückt mit der Präzision einer Gehirnchirurgin einen kleinen Applikator. Mit traumwandlerischer Sicherheit zieht sie eine zähflüssige Schicht über ihre Lippen. Das Ergebnis ist spektakulär: Eine Oberfläche, so perfekt hochglanzpoliert, dass das einfallende Sonnenlicht reflektiert wird und den gegenübersitzenden Fahrgast blendet. Es ist die totale Herrschaft des Lipgloss. Ein englischer Begriff, der vermutlich vom skandinavischen Wort für „Funke“ oder „Flamme“ abstammt. Die Lippe als Leuchtfeuer der Moderne.

Das linguistische Drama beginnt genau zwei Zentimeter hinter dieser spiegelnden Fassade. Dort ruht die Glossa. So nannten die alten Griechen die Zunge und die Sprache. Bei Aristoteles war die Glossa noch das scharf geschliffene Werkzeug, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie war das Organ des Intellekts.
In der Gegenwart kollidieren diese beiden Welten an der Haltestellenkante. Das perfekt illuminierte Lippenpaar öffnet sich. Man erwartet instinktiv ein rhetorisches Kunstwerk, mindestens aber einen grammatikalisch vollständigen Satz. Stattdessen entweicht dem glänzenden Schlund ein mattes: „Safe, Digga, voll cringey, Bro.“
Da steht er nun, der Mensch des 21. Jahrhunderts: Außen Gloss, innen Glossa. Es ist die perfekte Symmetrie der Inhaltslosigkeit. Je dicker und klebriger die Schicht auf den Lippen, desto dünner und flüchtiger die substanzielle Masse auf der Zunge. Der Lipgloss fungiert hier als ästhetischer Schalldämpfer. Ein hochglänzendes Blendwerk, das den evolutionären Rückzug der Sprache elegant kaschieren soll. Wir verpacken das intellektuelle Vakuum in eine schützende Hülle aus künstlichem Erdbeeraroma.
Man darf das jedoch nicht nur kritisch sehen. In einer Welt, in der die Zunge ohnehin kaum noch Substanzielles beizutragen hat, ist es nur konsequent, zumindest den Ausgang feierlich zu illuminieren. Wenn schon keine Erleuchtung von innen kommt, dann soll wenigstens die Fassade im Selfie-Licht erstrahlen...