DAS RÜCKWÄRTSLIED
Roman
von Drita
Brief an Andreína - Venezuela
Liebe Andreína,
ich kenne dein Gesicht nicht.
Vielleicht tragen deine Augen das Blau der Karibik.
Vielleicht sind sie müde geworden vom Anblick der Menschen, die ihre Heimat verlassen, von Straßen, die leerer werden, und von Hoffnungen, die schneller verblassen als das Abendlicht.
Ich weiß nicht, in welchem Teil Venezuelas du lebst.
Vielleicht wachst du noch vor Sonnenaufgang auf - nicht, weil du den Morgen liebst, sondern weil die Warteschlangen früh beginnen.
Vielleicht hältst du eine leere Tasche in den Händen und in deinem Herzen nur einen einzigen Wunsch: dass deine Kinder heute Abend nicht hungrig einschlafen.
Oder vielleicht ist Hunger gar nicht deine größte Angst.
Vielleicht ist es das Klopfen an der Tür nach Mitternacht.
Vielleicht sind es Schritte hinter dir.
Vielleicht ist es die Gewalt, die mit dem Gesicht eines Menschen nach Hause kommt, den du kennst.
Man hat mir erzählt, dass es Orte gibt, an denen die Menschen nicht mehr die Tage zählen, sondern die Verluste.
Den Verlust von Brot.
Den Verlust von Medikamenten.
Den Verlust derer, die fortgegangen sind und nie wieder zurückkehrten.
Auch ich habe gelernt, Verluste zu zählen.
Nur war es bei mir nicht das Brot.
Es war ich selbst.
Eines Tages nahm mir jemand mein eigenes Leben und ließ mir nur meinen Körper zurück - wie ein verlassenes Haus.
In meiner Geschichte lehrte meine Mutter mich, dass das Gift einer Schlange den Körper verlassen könne, wenn man ein Lied rückwärts singt.
Viele Jahre lang habe ich ihr geglaubt.
Heute weiß ich:
Nicht jedes Gift verlässt den Körper.
Manches wird zu Blut.
Zu Erinnerung.
Zu Leben.
An jenem Tag begriff ich, dass Gewalt nicht mit einem Schlag beginnt.
Nicht mit einem Schrei.
Sie beginnt viel früher.
Mit der Überzeugung eines Menschen, über dein Leben bestimmen zu dürfen.
Über deinen Körper.
Über dein Schweigen.
Ich habe gehört, dass es in deinem Land Mütter gibt, die jeden Abend darauf warten, dass ihre Söhne nach Hause kommen.
Frauen, die hoffen, dass ihre Männer die Tür öffnen, ohne Zorn in den Augen.
Mädchen, die schon vor dem Verlassen des Hauses überlegen, welchen Weg sie gehen und welchen sie besser meiden.
Auch ich habe gelernt, Wege abzuwägen.
Nicht, um mich nicht zu verirren.
Sondern um meiner Erinnerung nicht zu begegnen.
Viele Menschen glauben, Gewalt sei vorbei, sobald der Täter gegangen ist.
Sie irren sich.
Er verlässt nur den Raum.
Dann geht er weiter.
In dein Blut.
In deinen Atem.
In die Art, wie du abends die Tür verschließt.
In die Art, wie du dein Kind umarmst.
In die Art, wie du in den Spiegel blickst.
In die Art, wie du die Stille hörst.
Darum schreibe ich dir nicht, um dich zu trösten.
Es gibt keine Worte, die ungeschehen machen können, was geschehen ist.
Ich schreibe dir, damit du weißt, dass weit entfernt von dir eine Frau lebt, deren Wunde dieselbe Sprache spricht wie deine.
Vielleicht spricht sie kein Spanisch.
Vielleicht kennt sie dein Land nicht.
Aber ihr Herz kennt deine Angst.
Es kennt die Scham, die niemals deine hätte sein dürfen.
Es kennt das Gewicht des Schweigens.
Wenn mich eines Tages jemand fragt, was das Rückwärtslied ist, werde ich antworten:
Es ist eine Brücke.
Eine Brücke zwischen Frauen, die sich niemals begegnet sind und sich dennoch an der Schwere ihrer Wunden erkennen.
Nicht weil sie dieselbe Geschichte erlebt haben.
Sondern weil Schmerz keinen Pass besitzt.
Keine Nation.
Keine Religion.
Er wechselt nur seine Sprache.
Sollte ich eines Tages nach Venezuela kommen, werde ich dir keine Blumen mitbringen.
Blumen verwelken.
Ich werde dir mein Schweigen bringen.
Denn nur das Schweigen einer Frau, die die Hölle gekannt hat, vermag das Schweigen einer anderen Frau zu verstehen.
Ich schicke dir diesen Brief als eine Strophe meines Rückwärtsliedes.
Denn das Gift einer Schlange kann den Körper verlassen.
Doch das Gift von Hass, Gewalt und Angst verschwindet erst dann, wenn jemand den Mut findet, die Wahrheit auszusprechen.
Bis dieses Lied seinen letzten Atemzug getan hat, werde ich dir weiterschreiben.
In Verbundenheit aus dem Rückwärtslied,
…