Am Kamin(3)

Erzählung

von  Imitologiker


 Kamingespräche mit einem Kalifen(3)



Eine alte Mappe lag  auf dem Tisch. Das Papier war vergilbt, an den Rändern leicht ausgefranst. 


Auf dem Deckel stand in sauberer Handschrift: »Kamingespräche mit einem Kalifen«.

Ich schlug die erste Seite auf.
Lieber Herr … hochwohlgeboren, von Allah geliebt … und was dergleichen höfliche Anreden mehr erforderlich sind …
»Sagt mir«, begann der Kalif, »wie gelangt ihr in eurer Zeit zur Moschee?«
Der Erzähler räusperte sich. »Eure Hoheit, in zweitausend Jahren gibt es an der Stelle Eures Palastes viele Wohnungen. Ich verlasse meine Wohnung, gehe zu einer Bushaltestelle und alle zehn Minuten hält dort eine Kutsche – wir nennen sie Bus.«
Der Kalif runzelte die Stirn. »Alle zehn Minuten? Dann müssen den ganzen Tag Kutschen unterwegs sein!«
»Ja.« »Und an der nächsten Haltestelle wartet gleichzeitig schon die nächste?«
»Ja.« Der Kalif begann im Kopf zu rechnen. Plötzlich hob er die Hand. »Halt! Allein die Pferdeäpfel! Wer räumt sie weg? Wer versorgt all diese Pferde? Wer bezahlt die Stallungen?«


Als ich dir dies vorlas musstest du unwillkürlich lächeln.

Ich hob den Blick von der Mappe 

Langsam verstand ich.
Es ging in dieser Geschichte überhaupt nicht um Pferde.


Es ging:

Um Versorgung.
Um Wartung.
Um all die unscheinbaren Dinge, die niemand bemerkte, solange sie funktionierten.






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