Teppichwissenschaft(4)

Erzählung

von  Imitologiker


Teppichwissenschaften(4)


Aus den Fragmenten der Lichtfarben-Gnosis des Abu Ababu
Die Anhänger des Abu Ababu vertraten die Auffassung, alle Teppiche seien ursprünglich flugfähig gewesen.

Nach ihrer Lehre besaß jeder Teppich feine Lichtfäden, die mit bloßem Auge nicht sichtbar waren. Erst deren gewaltsame Entfernung habe die große Abflugsperre verursacht. Die Monoteppichisten betrachten dieses Ereignis bis heute als barbarischen Eingriff in die Teppichseele.
Über die Motten
Eine kleine, von den meisten Gelehrten als häretisch bezeichnete Schule behauptet, Motten könnten nur deshalb fliegen, weil ihre Larven einst die Lichtfäden verschlungen hätten. Ihre Anhänger lehnen Mottenpulver und Zedernholz entschieden ab. Sie betrachten Motten als Träger eines göttlichen Funkens beziehungsweise des Odems ihres Demiurgen.
Stellungnahme der Fadenmechaniker
Die Fadenmechaniker weisen sämtliche Behauptungen der Lichtfarben-Gnosis zurück. Sie sind ausgesprochene Materialisten. Nach ihrer Auffassung besitzt ein Teppich weder Seele noch Lichtfäden. Flugfähigkeit sei ausschließlich eine Frage der richtigen Webtechnik. Den Gedanken einer göttlich verursachten Abflugsperre verhöhnen sie als Aberglauben.
Historische Anmerkung
Gesichert ist lediglich, dass unter Valentinian I. (364–375) zahlreiche gnostische Schriften vernichtet wurden. Ob sich darunter auch die Werke des Abu Ababu befanden oder ob der Verfasser selbst den Verfolgungen zum Opfer fiel, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Die Forschung dauert an.


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