Fragment 4 - Komplexe Störung
Protokoll zum Thema Existenz
von mrakkkk
und dann erzählte ein Mann, der neben mir in einem Sessel saß, das man nicht wisse, was mit dieser Frau eigentlich los sei, das sei unklar, sie sei gestern auf ihn zugekommen und habe fälschlicherweise angenommen, dass er ein Mitarbeiter sei, sie sei an Krücken durch den Flur gelaufen und der Weg von ihrem Zimmer zum vorderen Treppenhaus sei ihm doch sehr lang vorgekommen und daher habe er ihr zeigen wollen, dass es einen Aufzug in der Mitte des Flures gebe, er habe aber nicht gewusst, dass die Benutzung dieses Aufzuges dem Personal vorbehalten sei und man daher einen Schlüssel brauchte, um ihn zu öffnen und in dem Moment, in dem er das bemerkt habe, habe dann auch die Frau realisiert, dass er weder Mitarbeiter, noch gar ein Arzt sei, sondern ein Patient, wie sie selbst und wie auch ich einer war, denn man hatte mich in ein Krankenhaus verbracht und schon die Bezeichnung der Berufsgruppe, die man dort beschäftigte, deutete an, dass mein Zustand einer Heilung bedurfte und daher saß ich nun neben diesem Menschen, er sei Italiener, spreche aber auch verschiedene andere Sprachen als italienisch, was er dadurch zu unterstreichen suchte, dass er mich nun auf spanisch ansprach, worauf ich ihm in derselben Sprache, der ich ebenfalls mächtig war, in kurzen Worten antwortete und wir sprachen so eine Weile ohne zu sprechen während meine Aufmerksamkeit zunehmend von einer Frau angezogen wurde, die an einem Tisch vor einem übergroß wirkenden Puzzle saß, von dem sie bereits eine große Anzahl von Teilen zusammengesetzt hatte, vor allem den Rand, den hatte sie bereits vollständig gelöst und auch die verschiedenen Pflanzen, die das Motiv des Puzzles darstellen, waren durch die bereits zusammengesetzten Puzzleteile deutlich in ihrer Unterschiedlichkeit zu erkennen und die unsortierten Teile, die noch in der Kiste lagen, waren gegenüber den bereits auf die ein oder andere Art und Weise klassifizierten Teilen in der Minderheit und tatsächlich hatte sie mich an einem vorangegangenen Tag bereits mit einer Bemerkung, die man in diese Richtung deuten konnte, zum Mitmachen eingeladen und da mir nichts besseres eingefallen war, hatte ich ein wenig in den unsortierten Teilen herumgesehen und ein oder zwei Teile hin- und hergeschoben, ohne damit irgendein Ziel zu verfolgen, bis ich mein Interesse nicht länger hatte vorspielen können und irgendeiner anderen Beschäftigung nachgegangen war, denn darum ging es hier, sich zu beschäftigen, bis man geheilt worden war und ich war ja auch nicht bettlägerig und das war kein normales Krankenhaus, man nannte es eine Klinik und man hatte mir nach eingehender Diagnose hier das Attribut komplex zugeschrieben und das war einerseits gut, denn es erklärte rückblickend doch so einiges, andererseits war ich nun in einer misslichen Lage, denn da komplex das Gegenteil von einfach war, würde es die hier beschäftigten Menschen wahrscheinlich einige Mühe kosten, mich zu behandeln und der erneute Anruf von Hans, der nun mein Handy vibrieren ließ, war ein fast willkommener Anlass, diese Gedanken beiseite zu schieben und deshalb nahm ich dieses Mal ab, was in dieser Art von Krankenhaus nicht nur nicht verboten war sondern geradezu gefördert wurde, denn man sollte ja sprechen, das sei der Heilung zuträglich, wenn man jemanden zum Sprechen habe, so sagten das die Pfleger, wie sie sich nannten, oft und das sagte nun auch Hans, dem ich meine Situation in der Hoffnung erklärt hatte, ihn wenn schon nicht endgültig, dann doch immerhin für die nächsten Wochen ruhigzustellen, denn solange sollte es bis zu meiner Heilung mindestens dauern, doch diese Hoffnung erwies sich nun als trügerisch, da Hans mir seinen Besuch anbot und er ließ keinen Zweifel daran, dass er auf diesem Besuch absolut bestehen würde, er habe die Zeit und könne sich nach mir richten, seine Stellung erlaube ihm das, das solle nicht eingebildet klingen und er bilde sich auch wirklich nichts darauf ein, dass er es über einige Jahre geschafft hatte, sich aus den untersten Ebenen emporzuarbeiten, denn angesichts der schieren Größe der Bank und ihrer Wichtigkeit könne man seine Stellung durchaus nicht als gehoben bezeichnen, aber immerhin könne er es gut vor seinen Vorgesetzten vertreten, auch über Tag eine Zeit lang dem Büro fernzubleiben und einem Besuch stünde also nichts entgegen und er bestehe sogar darauf, ich hätte ihm zugehört und nun wolle er dasselbe eben auch für mich tun, da ich doch Reden sicher sehr nötig hätte und man könne ja unmöglich alleine reden, man brauche dazu ein Gegenüber, das die Rede auch aufnehme und er habe durchaus das Gefühl, dass ich bereit sei, über gewisse Dinge neu nachzudenken und für die gute Sache, die er nicht näher beschrieb, zumindest offen sei, was ich nicht verneinte, ohne es zu bejahen, ja, unter anderem auch deshalb wolle er mich besuchen, denn, das seine Sicht der Dinge, man müsse am großen Ganzen etwas verändern, anstatt Menschen wie mich, wegzusperren und wenn er zu meiner Heilung mit seinem Zuhören und seiner Anwesenheit etwas beitragen könne, dann tue er das mit Freude und es wäre durchaus ein Gewinn auch für ihn, wenn ich dann einzusehen bereit sei, dass nicht ich, sondern das System der Heilung bedürfe, wobei er gar nicht abstreiten wolle, dass auch ich persönlich sicher das ein oder andere Problem hätte, das habe er ja gleich bemerkt, habe es aber nicht gleich ansprechen wollen, um mich nicht zu verschrecken und dennoch brauche es Menschen, wie ich seiner Meinung nach einer sei in der heutigen Zeit doch sehr dringend, er danke mir übrigens noch einmal sehr für meine Idee mit der Berufsbezeichnung, das mit dem Papierverwalter, das habe man tatsächlich auf seinen Vorschlag hin umgesetzt und wenn schon nicht aus den genannten Gründen, so doch allein schon aus Dankbarkeit fühle er sich geradezu verpflichtet dazu, einmal und zwar in nicht allzu ferner Zukunft mir einen Besuch abzustatten und diese Logik war so unwiderstehlich, dass ich andeutete, mir das vorstellen zu können, “Heute abend nicht”, nein, das gehe nicht und ich nannte einen Grund, den Hans nachvollziehen konnte, er habe aber auch morgen Zeit und es eile ja nicht, er wolle es aber auch nicht länger hinauszögern, es passe ihm am Abend, er könne aber, wie er bereits erklärt hätte, auch tagsüber einen Besuch einrichten und ich war bereits sehr ermüdet und sagte zu, ja, ein Café, das gebe es hier, bestätigte ich ihm und dort könne man sitzen und reden, ja, die Uhrzeit, das sei eine gute Frage, sagte ich dann, als er das ansprach und die Schlinge zog sich um meinen Hals enger und ich widerstand dem Impuls aufzulegen mit einiger Mühe, das Café, das schließe um siebzehn Uhr und man müsse sich also vorher treffen, “Vielleicht um sechzehn Uhr?”, schlug ich vor und hoffte, Hans so auf eine Stunde begrenzen zu können und dennoch graute es mir, als er sich einverstanden zeigte vor dieser Stunde und wir verabschiedeten uns dann und der Tag war noch quälend lang und bis zur Ankunft von Hans wollte nicht nur der heutige, sondern auch noch mehr als die Hälfte des morgigen Tages ertragen werden und das war doch eine nicht enden wollende Zeitspanne und