Fragment 3 - Rechtsprechung

Protokoll zum Thema Existenz

von  mrakkkk

und diese ganzen Erinnerungen machten mich traurig und ich war dann wieder da, von wo aus ich diese Zeitreise begonnen hatte, in einer Stadt, die ich zu kennen geglaubt hatte, immerhin lebte ich ja schon fast zehn Jahre hier und zehn Jahre, wie oft macht man im Leben denn zehn Jahre voll, vielleicht mit Glück achtmal oder so oder auch weniger, bevor man dann kein weiteres Jahrzehnt mehr vollmacht, sondern nur noch ein paar vereinzelte Jahre und vier Jahrzehnte hatte ich ja schon vollgemacht, es war also schon Halbzeit und mein Handy klingelte und ich erschreckte mich und sah auf dem Display, dass es Hans war, ja, wer sonst, außer Hans, der ja gesagt hatte, dass ihm ein wenig Gesellschaft gut tun könnte und wahrscheinlich hatte er für heute genügend Papiere verwaltet, immerhin, im Gegensatz zu mir hatte der sein Soll offenbar erfüllt und durfte sich erlauben Feierabend zu machen, während ich nach einem Grund suchte, die Einladung zu einem Treffen, die ich als Grund für seinen Anruf vermutete, abzulehnen und keinen finden konnte, denn ich tat ja nichts und hatte auch nichts vor, weder jetzt gerade tat ich etwas, noch hatte ich für heute irgendetwas vorzuweisen, das ich später tun würde und das fühlte sich nicht gut an und das Handy vibrierte in meiner Hand und ich blickte angespannt darauf und stellte mir vor, wie es wäre, jetzt mit Hans zu sprechen, er würde ja früher oder später und wahrscheinlich sogar eher früher als später auch fragen, was ich denn so heute noch mache und das fühlte sich noch schlechter an und der Name von Hans vibrierte in meinem Kopf und dann hörte das Handy endlich auf zu klingeln und ich konnte wieder richtig atmen und jetzt ödeten mich diese ewigen Gänse und Enten in ihrem Teich und auf ihrer Insel noch mehr an und ich dachte darüber nach, dass so ein Kabelverleger ja auch ganz schön viel machen musste, das war, wenn man es sich richtig überlegte, doch gar nicht so einfach, dieses Kabelverlegen, da musste man verschiedene Maschinen bedienen und Löcher graben und so weiter und dann überlegte ich, dass es eigentlich doch komplizierter ist, als man von vornherein annehmen könnte, da gab es doch richtige Spezialisten auf diesen Baustellen, da gab es welche, die das Loch gruben, andere legten das Kabel hinein, das waren die eigentlichen Kabelverleger, die anderen waren doch eher Lochgräber oder Schaufelträger oder Baggerbediener und diese Bagger, die wurden doch irgendwo gebaut und auch die Kabel wurden irgendwo hergestellt und irgendwer musste doch auch einen Plan machen, wo sollen die Kabel hin, wie tief sollen die liegen, all das waren doch Sachen, die mussten irgendwie gemacht und geplant werden und ich machte und plante überhaupt nichts davon und auch Hans, der Papiere verwaltete, der musste doch auch wissen, welches Papier zum Beispiel in welchen Ordner geheftet werden sollte oder ob es vielleicht von einem anderen Verwalter in einem anderen Zimmer abgeheftet werden musste, das waren alles Sachen, die Hans machte und offenbar machte er das immerhin so gut, dass man ihn das weityerhin weitermachen ließ und dann die ganze Rechtsprechung, das war auch alles nicht so einfach, immerhin musste man wissen, wo links und rechts ist und wenn man das Pech hatte, sein Büro ganz rechts zu haben, dann musste man sogar sprechen und bis eine Angelegenheit ganz rechts angekommen war, musste sie ja von ganz links immer und immer wieder ins Zimmer rechts vom eigenen Zimmer weitergetragen werden und wahrscheinlich ging es sogar um noch mehr, als nur darum zu wissen, wo links und wo rechts ist, denn ich konnte mir fast nicht vorstellen, dass alle Angelegenheiten, die besprochen werden mussten, immer bis ganz nach rechts weitergegeben wurden, wahrscheinlich war es doch eher so, dass manche Angelegenheiten schon ganz links besprochen wurden während andere weitergetragen wurden, vielleicht je nach Schweregrad der Angelegenheit, das wusste ich nicht, konnte es mir aber vorstellen und vielleicht oder wahrscheinlich zeigte es sich bei manchen Angelegenheiten auch, dass die in Wirklichkeit gar nicht als eine einzelne Angelegenheit behandelt werden konnten, manche musste man sicher in ihre Bestandteile zerlegen, bevor man sie besprechen konnte, das leuchtete mir ein und so musste vielleicht schon im Zimmer ganz links entschieden werden, ob eine Angelegenheit sofort erledigt oder zerlegt werden oder ob sie als ganze an das nächstrechtere Büro weitergegeben wurde und damit stellte sich mir die Frage, ob dann nicht eigentlich das Büro ganz links die Hauptlast der ganzen Arbeit trug und da das meiner Meinung nach so war, fand ich den Begriff Rechtsprechung plötzlich gar nicht mehr passend, es handelte sich doch eher um eine Linkszerteilung und im Büro ganz rechts, da konnte man sich glücklich schätzen, denn da war die eigentliche Arbeit ja schon fast getan und viele Angelegenheiten gelangten vielleicht überhaupt nicht bis zu diesem letzten Büro und wer konnte denn sagen, ob es dieses Büro überhaupt gab, vielleicht handelte es sich bei diesem letzten Büro ganz rechts vielmehr um ein hypothetisches Konstrukt und es konnte ganz gut sein, dass es immer noch ein weiteres Büro rechts vom vorangegangenen Büro gab, denn, auch wenn ein Gebäude endlich ist und also die Anzahl der Büros durch die Anzahl der verfügbaren Zimmer in ihm begrenzt war, so konnte doch diese Kette ins fast Unendliche fortgesetzt werden, wenn man bedachte, dass die Rechtsprechung im Gebäude nebenan weiterging und somit das Zimmer ganz links im Nebengebäude dem nächsten Zimmer oder Büro weiter rechts im vorangegangen Gebäude entsprach und durch die ganze Technologie und so weiter brauchten die Gebäude ja nicht einmal in räumlicher Nähe zueinander zu  stehen, die Kette war also ins Unendliche fortsetzbar und für einen Aussenstehenden war unmöglich zu erkennen, wo sie eigentlich begann und da ich mich nun an die Kabelverleger und die Rohrverleger auf ihren Baustellen erinnerte und wie dort die verschiedenen Tätigkeiten von unterschiedlichen Arbeitertrupps erledigt wurden, dachte ich jetzt darüber nach, dass es in der Rechtsprechung vielleicht ganz ähnlich war, es konnte eigentlich gar nicht anders sein, es konnte doch nicht in jedem Büro alles erledigt werden, sondern da gab es Angelegenheiten, die besser in dem oder dem Büro erledigt werden konnten, vielleicht weil man dort schon oft mit solchen oder ähnlichen Angelegenheiten zu tun gehabt hatte und wegen dieser Erfahrung war man dann vielleicht so etwas wie ein Expertenbüro und als ich das so bedachte, wurde mir klar, dass es sich eigentlich gar nicht um eine Kette handeln konnte, nein, das würde überhaupt nicht funktionieren, ich scheute den Vergleich zu einem Netz, das würde doch zu sehr an ein Spinnennetz erinnern, das sich um mich herum in meinen Gedanken aufbaute und mich einwob, das fand ich irgendwie zu pathetisch und solche pathetischen Vergleiche machten mich wütend, ich fand aber auch keinen anderen treffenden Vergleich, aber vielleicht konnte man sagen, dass es Zahnräder waren, jedes Büro ein Zahnrädchen und es gab große und kleine Zahnrädchen, denn manche Zahnrädchen mussten doch mehr Last tragen als andere, beziehungsweise, sie trugen ja keine Last, sie verrichteten Arbeit in einem physischen Sinne und dann fragte ich mich, wozu eigentlich all das gut war, ein Uhrwerk trieb die Zeiger an und die zeigten die Zeit und das war der Sinn einer Uhr, aber dieses Gewirr, denn anders als wirr konnte ich es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dieses Gewirr aus Zahnrädchen und Rädern - und Stützen oder Befestigungen, denn diese Rädchen und Räder konnten ja nicht im leeren Raum hängen oder stehen - wozu war denn all das eigentlich gut, wieso hatte sich jemand die Mühe gemacht, sich all das auszudenken und herzustellen und es machte nur Sinn, wenn man annahm, dass die Rohrverleger und die Kabelverleger und so weiter auch Zahnrädchen waren, denn die machten ja wirklich etwas, etwas, das man sehen konnte und von dem ich annahm, dass es irgendeinen Sinn machte, denn immerhin rissen die Straßen auf und legten Kabel oder Rohre hinein und das musste doch irgendwer so entschieden haben, dass das und das Kabel da und da verlegt werden soll und jetzt ergab es Sinn, wenn ich annahm, dass die Kabelverleger und die Rohrverleger und vielleicht auch die Papierverwalter die letzten ganz großen Räder waren, die dann letztendlich bewegt wurden und etwas bewegten, das ich dann auch sehen konnte, aber das widersprach allem, was ich bisher zu wissen geglaubt hatte


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