Fragment 1 - Ankunft

Text zum Thema Existenz

von  mrakkkk

Früher habe man noch gewusst, wofür diese Kabel gewesen seien und überhaupt, “Wo führen die denn hin?”, da laufe doch normalerweise irgendwas durch, meistens wohl Strom oder Wasser, aber heute lege man die einfach in den Boden und “Wissen Sie was?”, es funktioniere doch immer noch alles ganz gut und früher, als die Kabelverleger noch Bundesnetzagentur gehießen hätten, da habe es auch manchmal Fehler gegeben und ob jetzt wirklich mehr Fehler gemacht würden, das könne man doch so genau gar nicht sagen, es gäbe keine belastbaren Zahlen und man könne doch immer noch alles ganz gut kompensieren, “Sehen Sie”, leitete mein Gegenüber den nächsten Satz nun ein, “der Brunnen hier” und er deutete auf den runden Brunnen, dessen gluckernde und plätschernde Geräusche mich beständig von seinen Erklärungen ablenkten, der funktioniere doch die meiste Zeit und sprudele Wasser in die Luft, weshalb er durchaus keinen Trend eines allgemeinen Verfalls erkennen könne und diese ewige “Früher war alles besser”, das sei leicht dahingesagt und er frage sich, “Was denn?”, was sei denn besser gewesen, “Gar nichts!”, es sei eben anders gewesen das sei seine Meinung und er fragte mich, ob ich das denn nicht auch so sähe und ich sah das überhaupt nicht so und wunderte mich sehr über die Menge an umherlaufenden Menschen, “Das sind Wanderarbeiter”, bemerkte mein Gegenüber, das meinen Blick bemerkt zu haben schien und ich wunderte mich auch über die aufgerissenen Straßen, es fiel schon ins Auge, da die Rohrverleger, da die Kabelverleger auf den aufgerissenen Straßen, auf denen kaum Autos fuhren, denn die parkten alle auf dem Autoparkplatz, der sich fast über den gesamten Platz erstreckte, der einmal ein Umsteigeplatz eines Straßenbahnnetzes gewesen sein mochte und noch früher ein Exerzierplatz vielleicht oder so etwas, jedenfalls stand in seiner Mitte ein recht hohes Denkmal, feierlich, aber doch auch ein wenig einfallslos, ein Mensch in einer Art Gewand auf einer überhohen Säule, an deren Sockel sich auf drei hohen Stufen allerlei Menschen versammelt hatten, die nicht zu den Wanderarbeitern zu gehören schienen, sich von diesen aber auch äußerlich wenig unterschieden, kurzum, ich war anderer Meinung, wollte aber mein Gegenüber, das sich gerade die zweite Zigarette seit Beginn seiner Erklärungen angezündet hatte, nicht verärgern, nickte daher und fragte, wo er denn arbeite, “Bankwesen”, war die knappe Antwort und er deutete nun mit der Hand, zwischen deren Zeige- und Mittelfinger seine Zigarette wippte auf ein vielleicht fünfstöckiges Gebäude hinter uns, das zwar ein wenig in die Jahre gekommen zu sein schien, aber doch noch gut als Behördengebäude erkennbar war, er arbeite da mit Papieren, Verwaltung nenne man das und die Papiere kämen von überallher und er senkte die Stimme, “Papiere aus aller Welt kommen da an, sogar aus Amerika”, was man ja heute nicht mehr so laut sagen dürfe, er habe aber nichts gegen die Amerikaner und so weiter, ja, jedenfalls Papiere verwalten, das sei sein Job und ich fragte nicht weiter, bot ihm aber die Berufsbezeichnung “Papierverwalter” an und die gefiel ihm, ja, das gefalle ihm, “Das trifft doch den Nagel auf den Kopf!”, sagte er und er wolle das mit seinen Vorgesetzten besprechen, “Das sollte man wirklich offiziell einführen”, solch treffende Berufsbezeichnungen, die würden doch manches erleichtern, vielleicht werde man seinen Vorschlag annehmen, dann wolle er ein Bier auf mich trinken und “Achso”, leitete er seine nächste Frage ein, wohin ich denn eigentlich wolle, ja, das wisse ich selbst noch nicht so genau, das sei schwer zu sagen, erklärte ich, denn ich wolle mich erst einmal umsehen und überlegen, ob ich hier bleiben könne, es sei doch alles auf den ersten Blick sehr fremd und “ich kenne hier ja auch niemanden”, sagte ich, “Nun, nun kennen Sie ja mich” antwortete er und nebenbei gesagt, ihm würde ein wenig Gesellschaft guttun “Und mit Ihnen kann man reden”, meinte er und so jemand wie ich sei heute selten anzutreffen und man merke gleich, dass ich nicht von hier sei, hier höre doch niemand mehr zu, ich solle mir doch nur die politischen Debatten ansehen, da höre doch auch niemand mehr hin, die Alteingesessenen, die versprächen immer das Blaue vom Himmel und dann hinterher geschehe das Gegemteil oder gar nichts, seit Jahrzehnten sei das dieselbe korrupte Bande, das sei seine Meinung und die würde man ja wohl noch sagen dürfen und mir wurde mittlerweile schwindelig und ich wollte nicht einwenden, dass auch die neuen Alternativen nur herumschrieen und dass ich denen keineswegs mehr, vielleicht aber auch nicht viel weniger zutrauen würde als allen anderen und blieb stattdessen still, ich dachte aber darüber nach ihm zu sagen, dass mir schwindelig geworden war, seitdem ich eine Zigarette angenommen hatte, die er, Hans sei übrigens sein Name, mir angeboten hatte und ich mochte Filterzigaretten zwar nicht besonders, aber ja, ich rauchte dann beim Zuhören und fühlte, wie sich ein Nebel aus blauem Dunst um mein Gehirn zu legen schien und stellte mir die Hölle als ewig vernebelten Saal vor, in den hohe Damen und Herren irgendwelche Beleidigungen hineinschrien, während die Beleidigten überheblich in die  sauerstoffarme Luft lachten und war sehr erleichtert, als Hans nun verkündete, er müsse dann mal weiter, “Gott sei Dank!”, dachte ich, aber Hans sagte dann, er wolle in Kontakt bleiben, man sei doch wohl auf derselben Seite, aber bei dem Lärm der Kabelverleger, die die Straße jetzt fast direkt neben uns aufrissen, konnte ich seine Nummer nicht verstehen, also nahm er mein Handy und tippte seine Nummer ein, ich solle ihn anklingeln und so hatte er dann auch meine Nummer und verabschiedete sich, wollte dann aber doch noch meinen Namen wissen, den ich ihm nannte und alles wurde gespeichert und Hans ging zur Arbeit oder irgendwo anders hin und ich beschloss, durch den nahegelegenen Park zu gehen, der war grün und dort gab es einen kleinen Teich, da gab es auch Enten und Gänse, deren Junge jetzt schon nicht mehr so klein waren und ich setzte mich also auf eine Bank an diesen Teich, bis mein Schwindel nachließ und mich die Enten und Gänse zu langweilen begannen, “Das sind diese Nilgänse oder wie die heißen”, dachte und ich und dachte darüber nach, dass es die hier früher nicht gegeben hatte, erst seit ein paar Jahren waren die hier, vielleicht ein Defekt in der Natur, hier war ja nicht der Nil und überhaupt schien diese Stadt keinen größeren Fluss zu haben und ich schien diesen Gedanken laut ausgesprochen zu haben, denn nun war jemand stehengeblieben und erklärte, dass der Fluss, ein Bach eigentlich, kanalisiert worden sei und es schlossen sich viele Ausführungen über die Vorteile an, die das gebracht hätte, von denen mir zwar keiner einleuchtend erscheinen wollte, aber dieser Mann schien davon überzeugt zu sein und ich dankte ihm für diese Erklärungen und stand dann auf und fragte, wo ich denn hier Tabak kaufen könne und er erklärte mir, dass ich da und da lang gehen sollte, es sei eigentlich ziemlich einfach und es stellte sich heraus, dass ich zu dem Platz zurückgehen musste, von dem ich gekommen war und ich fragte, “Ach, ist das der Platz mit dem Denkmal, da, wo die Autos parken”, ja, das sei der Platz, da sei gerade Baustelle und auch das Warum wurde nun erklärt und ich wurde unruhig, denn ich brauchte ja gar keinen Tabak, ich hatte nur wegkommen wollen von den Enten und den Gänsen und diesem Teich und meiner Langeweile und nun hielt mich dieser Mensch hier fest und ich hätte mir jetzt gerne eine Zigarette gedreht und geraucht, aber das ging jetzt nicht, obwohl, doch, ich könnte ihm ja sagen, dass mein Tabak noch nicht ganz leer sei, ich aber bald neuen kaufen wolle und deshalb vorhin gefragt hätte, ja, das würde gehen, dachte ich und holte meinen Tabak hervor und drehte und es stellte sich heraus, dass der Mann überhaupt nicht zu bemerken schien, dass ich ja doch noch Tabak hatte und dass meine vorangegangene Frage nach einem Tabakgeschäft vielleicht sinnlos gewesen sein könnte und ich schaute dann auf mein Handy, es sei ja schon viertel nach Neun, sagte ich laut und wollte damit zu verstehen geben, dass ich jetzt irgendwohin musste, wobei ich keine Idee davon hatte, was das denn sein könnte, ich hatte ja keinen Termin oder dergleichen, aber das spielte keine Rolle, da der Fremde mich nun zurückließ und da ich nirgendwohin gehen konnte, oder treffender gesagt, da es mich nirgendwohin zog



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Kommentare zu diesem Text


 Verlo (31.07.26, 15:08)
Ich bin so froh, daß ich nicht mehr in einer Stadt wohne.

Hin und wieder besuche ich eine. Das ist interessant und angenehm.

Aber jeden Tag. Immer nur Stadt. Nein, danke.
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