Besuch in der Bibliothek (10)
Heute waren wir früher als sonst in unserer Bibliothek. Die Abendsonne schien noch durch die hohen Fenster.
„Mond-o-leh … Mond-o-leh …“
„Die Fußballfans haben dich ja sehr beeindruckt.“
„Wie kommst du darauf?“, fragte ich und setzte mich auf die alte Holzbank. Mit ausgestrecktem Arm ruhte ich auf ihrer Rückenlehne.
Du lächeltest.
„Du merkst es selbst gar nicht. Du summst es schon die ganze Zeit vor dich hin.“
Erst jetzt fiel es mir auf.
„Ich weiß gar nicht, wie das Spiel ausgegangen ist.“
„Ich auch nicht“, sagtest du.
„Vielleicht war das heute gar nicht das Wichtigste.“
Eigentlich beschäftigte mich etwas ganz anderes.
Tashi Delek.
Sein Reisebericht war erstaunlich schmal. So schmal, dass ich mich fragte, ob er überhaupt alles erzählt hatte.
War er wirklich in Somnambul gewesen? Hatte er die langen Reihen der Regale durchschritten? Oder hielt er nur die Aufzeichnungen eines anderen in den Händen?
Er schrieb, die wichtigsten Schriften hätten in den obersten Regalen gestanden. Ich musste unwillkürlich zu unserer Leiter hinaufsehen. War auch er dort hinaufgestiegen?
Am ausführlichsten berichtete er von Yoga- und Tantra-Darstellungen.
Was hatte Tashi Delek wirklich in seinen Händen gehalten?
Von Ätzna Khan heißt es, eine seiner Töchter habe später die Yoga- und Tantraübungen illustriert.
Ihr Name lautete:
Ayeza Khan.
Wir schwiegen einen Augenblick.
„Diesen Namen sollten wir uns merken“, sagtest du leise.
Ich nickte.