Wir waren in eine schmale Seitenabzweigung geraten. Hier war es anders. Zwischen den vertrauten Lese- tischen mit ihren grünen Lampenschirmen stand eine alte Holzbank. Das Holz war von vielen Händen glatt geworden. Ich setzte mich einen Augenblick. Wer hier sitzt den drängt nichts zur Eile. Draußen riefen die Fußballfans immer wieder: »Olé, olé, olé…« Durch die dicken Mauern klang es hier drin wie ein vertrauter Ton, wie wenn ein Großvater seinem Enkel leise ins Ohr summt während er auf seinem Schoß sitzt. Ich meinte zu hören: »Mond-o-leh … Mond-o-leh …« Mein Blick wanderte weiter, er kletterte eine alte Leiter hinauf bis er an die Decke stieß. Heute wollte ich wissen, welche Wege die Bücher dort oben für uns bereit hielten. Langsam legte ich die Hand an das Holz. Eine Sprosse nach der anderen trug mich höher. Unten wartete die alte Holz-Bank. Vor mir reihten sich unzählige alte Folianten. Ich vermutete viele Handschriften, aber doch auch gedruckte Abschriften. „Zwischen den Folianten standen Ledermappen, in die einzelne Blätter hineingewandert waren. Daneben ruhten schmale Bände, von denen nur noch unvollständige Abschriften erhalten geblieben waren.“ Sie warteten seit Jahren auf den nächsten Wanderer. Ein dünnes Buch hielt meinen Blick fest. Auf seinem Einband stand nur: Tashi Delek. Ich zog es sanft hervor. Ich schlug den schmalen Band vorsichtig auf. Die Zeilen waren ungewohnt gesetzt. Sie verlangten keine Hast. Die Buchstaben wirkten, als habe jemand sie einzeln in den Satzspiegel gestellt. Mein Blick holperte über die erste Zeile, dann über die zweite. Die Worte bildeten keinen Text. Ich folgte dem Pfad: Tashi Delek erreichte nach einem langen Marsch Somnambul."Müde setzte ich mich auf eine schlichte Holzbank in einer alten Bibliothek" so hieß es weiter, "... während mein Blick durch den Raum wanderte, blieb ich an einer Kleinigkeit hängen. Sie lag so nahe, dass ich nur die Hand auszustrecken brauchte. Neugierig griff ich danach und schlug das Buch auf ...aus dem Nachlass von Padma Padina Sambhava. Der Weg durch die Zeilen verlor sich langsam. Der Text verschwamm vor meinen Augen.
Mein Blick kehrte langsam aus Somnambul zurück.
Stand ich noch auf der obersten Sprosse der Leiter oder saß ich selbst auf jener Holzbank in Somnambul. Vorsichtig schob ich den schmalen Band wieder an seinen Platz. Ja, ich stand hoch auf der Leiter. Das Buch hatte mich vergessen lassen, wo ich war. Langsam stieg ich wieder hinunter. Von draußen drang nur noch ein fernes Summen herein: »M … ond … o … leh …
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