Mama ist tot (Tagebucheintragung von 2014, über einen Dialog mit einer Beraterin im Netz) Teil 1
Text
von HannaScotti
Tagebucheintragungen über einen Dialog mit einer virtuellen Beraterin über die
Begleitung meiner sterbenden Mutter.
Entscheidungsfreiheit?
Guten Tag, hier bin ich also mit meinen ersten Gedanken, die ich gerne mit "Ihnen" teilen möchte:
Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob meine hochbetagte Mutter noch selbständig entscheiden
kann. Offiziell bin ich ihre Betreuerin, aber heißt das gleich, dass ich, moralisch gesehen, ihr
aufdrücken kann oder muss, was ich möchte?
Konkret : Sie müsste ins Krankenhaus, will aber nicht. Ich glaube, dass sie die Mitteilung über die
Konsequenzen einer Nichtbehandlung verstanden hat. Sie hat verstanden, dass sie dann sterben
wird. Sie ist damit einverstanden, hat aber am nächsten Tag den ganzen Disput vergessen. Ihre
Grundhaltung: Hochneurotische Angst vorm Krankenhaus, Panik vor jeder unüberschaubaren
Situation und chronische melancholische Verstimmungen (immer schon). Über diese seelischen
Belange kann ich mit ihrer Hausärztin nicht reden.
Meine inneren Bedenken :
Obwohl ich durchaus in der Lage bin, Entscheidungen zu treffen, möchte ich meine Mutter nicht
bevormunden. Das entspricht nicht meinem ethischen Verständnis. Muss ich einen Menschen zu
seinem "Glück" zwingen? Nein, weil niemand beurteilen kann, was ihr Glück ist und ob sie selbst
die Tragweite erfassen kann oder nicht?
Sie sehen, ich habe bereits eine Haltung dazu, aber niemand in unserem Umfeld will oder kann mir
gedanklich folgen. Das macht mich einsam und unsicher. Im Augenblick neige ich dazu, die Dinge
einfach laufen zu lassen und mich der Übermacht "der lebenserhaltenden Maßnahmen um jeden
Preis" wider eigenes Bedenken, unterzuordnen.
Das ist eine existenzielle Frage, die ich nur selbst beantworten und dafür die Verantwortung
übernehmen muss. Ich wünsche mir jedoch sehr einen Menschen, die/der diese "Grübeleien" nicht
einfach in den Müllsack steckt, weil praktische Dinge so viel wichtiger sind. Gibt es bei Ihnen
solche Menschen?
Diese Form, sich im Internet zu begegnen, gefällt mir gut. Ich schreibe gerne, weil ich mich dann
nicht im Schwatzen verliere. Ein Austausch fehlt mir sehr. Gleichwohl bin ich gern allein mit
meinen eigenen vielfältigen Beschäftigungen.
Das Miteinander mit meiner Mutter gestaltet sich meistens friedlich, dank einer gehörigen Portion
Diplomatie. Diese Stille um uns zwei ist manchmal so voller Leben, dass es ein Genuss ist.
Gestern hatte ich drei Stunden "Ausgang", die Sonne schien und ich war glücklich über das Glück,
das ich empfand. Es verschwindet jedoch oft schnell in einer überwältigenden Erschöpfung.
Ich hoffe, ich habe Sie nicht gelangweilt und wünsche mir sehr eine Antwort, eine Träne im Auge
zeigt mir, wie sehr.
Hanna
Liebe Kristina
Heute morgen, gegen halb fünf ist Mutti auf dem Weg zur Toilette gefallen, das dritte Mal in dieser
Woche. Inzwischen ist sie so klein und dünn, dass ich sie fast mühelos hochheben kann. Sie ist
völlig durcheinander und aufgeregt. Ich helfe ihr in ihren Kuschelsessel und denke zum tausendsten
mal den Gedanken : ich schaff das nicht, ich schaff das nicht, wickele sie in ihre Decken, gebe ihr
zwei Schmerztabletten außer Plan, koche ihr frischen Kaffee und flüchte in mein Zimmer. Als ich
vorsichtig und etwas unruhig um die Ecke schaue, sitzt sie da und faltet ihre Decken zu kleinen
ordentlichen Päckchen. Als das nicht gelingen will, beginnt sie von vorn und ruft dann verzweifelt
nach mir. Kurz blitzen meine eigenen Bedürfnisse auf, ich will doch einfach nur ein wenig schlafen.
Etwas ungeduldig und ungelenk suche ich nach einer Verbindung zu ihr, mag sie noch so winzig
sein. Es gelingt nicht, wir wanken zurück in ihr Bett. Seit Tagen schläft sie nur noch im Sitzen,
schreckt unruhig hoch und versinkt wieder erschöpft.
Sie will, das ich bei ihr bleibe, mich zu ihr setze oder gar lege?
Irgendwie entsetzt wehre ich mich, will schlafen, in meinem Bett, renne weg, koche mir einen
Kaffee und gehe doch wieder zurück. Zögerlich nehme ich mir den einzigen Stuhl im Raum, er ist
immer leer, als warte er auf mich, damit ich mich auch in diese Form von Nähe ergebe.
Sie schaut mich an, schaut mich an und schaut, streichelt vorsichtig mit dem Fingernagel an meinen
nackten Beinen entlang. Ich bekomme "goose pimples" (ich liebe dieses Wort, zärtlich gemurmelt
klingt es so unerhört intim). Etwas schmilzt in mir. Zum ersten Mal kann ich mir vorstellen, neben
ihrem Bett zu wachen, zwischendurch einzunicken und bei ihr zu sein.
Sie schreckt immer wieder hoch, streichelt meine Beine und kichert ein wenig. Irgendwann schläft
sie doch ein, ich trinke meine Buttermilch und schreibe dies an Sie.
Es scheint mir wichtig, das auch wirklich abzuschicken, eine fiktive Protagonistin Kristina reicht
einfach nicht, noch nicht.
Tief in Gedanken nehme ich Ihr Lausbubengesichtchen in meine Hände, ganz vorsichtig, ich will
Sie nicht stören, es ist einfach gut, dass es Sie gibt.
Hanna
Kristina,
heute ist ein seltsamer Tag. Meine Mutter quält sich sehr, manchmal wimmert sie leise vor sich hin
und gleichzeitig liegt ein sonniger Frieden in der Luft. Es riecht nach Frühling. Ich kenne diese
Tage, der Bürgersteig sauber geharkt. Opa trug seine Sonntagsweste und Mutti erlaubte sich ein
Mittagsschläfchen mit dem Kopf auf dem Tisch. Mehr war nicht drin.
Hanna