Liebe Kristina,
Meine Mutter ist tot. Eine Beinamputation, eine Isolation wegen des Krankenhauskeims, zwei
Transfusionen wegen starkem Blutverlust bei einer erst nach Stunden entdeckten geplatzten
Krampfader, mehreren Delirien, weil die Schmerzmedikation nicht korrekt ausgeführt wurde, einer
schweren Allergie durch dieselbe, die immer wieder aufloderte, weil sie nicht als Allergie erkannt
wurde, haben ihr geholfen zu gehen.
Ich gebe zu, ich war verzweifelt über die vielen Pflege - Grenzen, die meine Mama noch erdulden
musste.
Es gab eine Bestattung ohne Gott, in strahlendem Sonnenschein, mit Luftballons, mit meiner
eigenen Abschiedsrede, die vermutlich in Tränen erstickt wäre, wenn die Hand meiner Freundin
nicht meinen Rücken gestärkt hätte. Ein Papierschiffchen sank neben die Urne, damit sie sicher
über den Hades kam.
Vier Wochen später feierten wir ihr Andenken, keine Trauerfeier mit Filterkaffee und
Zuckerkuchen, Schnaps und dumpfem Gemurmel.
Meine Söhne zeigten einen humorvollen Videoclip, den sie selbst über die Oma gedreht hatten,
Geschichten wurden erzählt und Fotos herumgereicht. So durfte ich meine Mutter noch einmal aus
völlig überraschenden Perspektiven erleben. Auch die Kritiker/innen kamen zu Wort und warfen
mir diese unorthodoxe Bestattungsrituale vor.
Jetzt lebe ich eine glückliche und zufriedene Zeit. Vom Keller bis zum Dachboden(lach) ist alles
aufgeräumt, jetzt "schmeiße" ich mich in die Gesellschaft der reflektierten Alten, leider gibt es viel
zu wenig davon.
Manchmal schäme ich mich ein bisschen, weil wir Senioren viel zu wenig und nicht nachhaltig
genug für Sie, liebe Kristina und natürlich für unsere Kinder und Enkel tun.
Ich wünsche Ihnen nun alles Gute, jede von uns geht ihren eigenen Weg, aber wer weiß?
Sie waren ein wichtiges "Legosteinchen" in meinem Baukasten, jetzt baue ich Luftschlösser aus
Wind und Atem und aus Lachen über diese absurde Welt. Und Sie?
Ich brauche keine Antwort, ich weiß, dass Sie auch fliegen können.
In Liebe Hanna