Aus der Zeitung

Erzählung

von  Imitologiker


Geißhäuser Nord-Zeitung.
Reportage
„Reicht gemeinsamer Schutz allein?“


Im Bürgerforum wurde  die Diskussion über den Antrag wieder aufgenommen,
„Zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit sollen alle Wölfe künftig geteert und gefedert herumlaufen.“

Der Antrag hatte zunächst breite Zustimmung gefunden.

Die Geißlein-Fraktion erklärte:

„Ein geteerter und gefederter Wolf ist auf große Entfernung leichter zu erkennen als ein ungefederter Wolf.“

Der Wolf widersprach.

Er verwies auf Diskriminierung, Bewegungsfreiheit und die hohen Kosten einer regelmäßigen Neubefiederung.

Darauf meldete sich die Geißmutter zu Wort.

Und wie so oft in Geißhausen sprach sie nicht über das Thema selbst, sondern über eine Nebenwirkung.

„Was geschieht an Thanksgiving?“ fragte sie.

Daraufhin trat betretenes Schweigen ein.

Denn niemand hatte an Thanksgiving gedacht.

Der Vorsitzende des Bürgerrates blätterte hektisch in seinen Unterlagen.

Der Wolf ebenfalls.

Die Geißlein schauten einander an.

Schließlich sagte die Geißmutter:

„Wenn künftig alle Wölfe aussehen wie Truthähne, wie sollen wir dann Truthähne von Wölfen unterscheiden?“

Der Wolf nickte unerwartet zustimmend.

Daraufhin entstand eine neue Arbeitsgruppe:

Kommission zur Unterscheidung von Wölfen, Truthähnen und ähnlichen Erscheinungsformen.

Nach drei Sitzungen legte die Kommission ihren Bericht vor.

Er umfasste 847 Seiten.

Die Kernaussage lautete: „Die Frage ist komplex.“

Der Bürgerrat vertagte die Entscheidung. Bis Thanksgiving.

Der Wolf erklärte anschließend gegenüber der Presse, er sei mit diesem Ergebnis zufrieden.
Die Geißmutter ebenfalls.
Nur der Truthahnverband protestierte. Er wies darauf hin, dass in sämtlichen Be-

ratungen kein einziger Truthahn angehört worden war.
Daraufhin wurde ein Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Chefredakteur Codo der Dritte erklärte:
Wenn man nicht weiß, woran man einen Wolf erkennt, braucht man noch systematischere Truthähne.

Der Wetterbericht


Heiter bis wolkig.
Heute werden Wahlversprechen über dem Himmel stehen.
Erst nach dem Wahltag klart es wieder auf.
Regenschirme schützten auch vor zu viel Sonne. Sonst werden sie nicht benötigt.
Behalten Sie einen kühlen Kopf.




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