Das falsche heute

Erzählung

von  Imitologiker

Die Bienen von Ceres
Kapitel6 - Das falsche heute
Auf der Brücke
„Ähm … ihr wisst doch, dass ich dieses Hobby habe?“ Niemand antwortete. Natürlich wussten sie es. Jeder an Bord wusste es. Die Funkoffizierin sammelte historische Datenmodelle. Andere sammelten alte Spiele. Sie sammelte Zeitrechnungen.
„Ich habe die alten Archive durchsucht.“ „Welche alten Archive?“ „Alle.“ Nun blickten einige von ihren Anzeigen auf. Das war keine beruhigende Antwort.  „Ich habe nach einem sehr alten Klassifikationsschema gesucht. Archäologen haben es früher benutzt, um Lebensläufe zu analysieren.“
Der Kommandant sah sie an.„Und?“ „Ich habe es auf mich angewandt.“ „Warum?“ „Weil mir langweilig war.“ Das erschien allen plausibel.
Sie fuhr fort:
„Geburt. Schule. Akademie. Spezialisierung. Dienstbeginn. Harmonia V.“
Auf dem Hauptschirm erschienen Zeitlinien.
Dutzende. Dann Hunderte. Dann Tausende. „Das Exelsystem hat gefragt: Was bedeutet ‚heute‘?“ „Das ist eine philosophische Frage.“ „Nein“, sagte die Funkoffizierin. „Es war eine Datenbankfrage.“
Jetzt hörte jeder zu.
„Das System wollte wissen, welche Beziehung zwischen meinem Eintritt in die Akademie, dem Marschbefehl der Harmonia V und dem Studiengang Zeitstruktur existiert.“ „Und?“ „Ich habe die Analyse gestartet.“ „Und?“ „Es kamen 14.000 Tabellen heraus.“
Stille. „Außerdem 800 mathematische Modelle.“ „Und?“ „Und das System begann plötzlich, Zusammenhänge zwischen altägyptischen Chronologien, Python-Programmen und alten Funkprotokollen zu suchen.“
„Warum?“
„Das versuche ich gerade herauszufinden.“
Der Kommandant seufzte.
„Was ist das Ergebnis?“
Die Funkoffizierin schwieg einen Moment.
Dann sagte sie:
„Vielleicht suchen wir am falschen Ort.“ „Wie meinst du das?“ „Wenn die Zeitstempel nicht stimmen, dann könnte jede Koordinate korrekt sein.“ „Und?“ „Dann suchen wir nicht im falschen Raum.“ Sie zeigte auf die Suchkarte. „Sondern im falschen Heute.“


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