--4-- Die Bienen von Ceres
Erzählung
von Imitologiker
Die Bienen von Ceres
Kapitel 5 – Suchmuster
Die Harmonia V befand sich auf Suchkurs. Zumindest stand das auf den Anzeigen. Die Anzeigen waren in Ordnung. Die Navigation war in Ordnung. Die Besatzung war ebenfalls in Ordnung. Das bestätigten die medizinischen Routinen regelmäßig.
Die Harmonia V war das fünfte Schiff ihrer Baureihe. Darauf war man stolz. Die ersten vier Harmonia-Schiffe hatten sämtliche Zertifizierungen bestanden. Die fünfte Generation galt als ausgereift. Fast fehlerfrei. Fast.
Leutnant Nara saß vor ihrem Terminal und betrachtete ihren Desktop. Sie hatte die Schriftfarbe erneut geändert. Das helle Blau hatte ihr gestern besser gefallen. Heute wirkte das Grün angenehmer. Sie verschob einige Fenster. Ordnete die Anzeigen neu. Löschte ein Symbol. Stellte es wieder her. Dann lehnte sie sich zurück.
„Suchraster vierzehn abgeschlossen.“ „Nichts?“, fragte der Kommandant. „Nichts.“ Der Kommandant nickte. Niemand war überrascht. Die Meldung wurde protokolliert. Weitere Raster wurden erzeugt. Weitere Wahrscheinlichkeiten berechnet. Weitere Suchmuster verteilt. Die Harmonia V setzte ihren Weg fort. Im Hintergrund liefen die Routinen.
Einige Besatzungsmitglieder spielten Simulationen. Andere überprüften Wartungsprotokolle. Ein Techniker zerlegte zum dritten Mal eine vollkommen funktionierende Baugruppe. Nur um sicherzugehen. Man hatte Zeit. Viel Zeit. Niemand sprach darüber. Man sprach überhaupt selten über Zeit. Die Stasis nahm ihr die Schärfe.
Die Übergänge verschwammen. Alarm. Schlaf. Kontrolle. Schlaf. Routine. Schlaf. Suche. Schlaf.
Der Kommandant betrachtete die Sternkarte.
„Merkwürdig.“ „Was denn?“ „Nichts.“ Er schwieg. Dann deutete er auf die Kommunikationsanzeige. „Keine Antwort.“ „Von der Erde?“ „Von wem sonst?“
Nara zuckte mit den Schultern. „Sonnenaktivität vielleicht.“ „Vielleicht.“
Das System registrierte die ausbleibende Antwort. Es bewertete die Situation. Keine Eskalation erforderlich. Kommunikationsversuch für später vorgemerkt. Ein kleines grünes Häkchen erschien. Niemand schenkte ihm Beachtung.
Draußen glitten die Sterne vorbei. Die Harmonia V suchte weiter. Systematisch.
Wenn man nicht wusste, wonach man suchte, suchte man eben noch systematischer.
Auf Ceres
Auf Ceres bemerkte niemand die Harmonia V. Warum auch. Sie war weit entfernt. Fast so weit entfernt wie manche Gedanken.
Im Bienenstock herrschte Betrieb. Waben wurden gereinigt. Pollen verarbeitet. Außenarbeiterinnen kehrten zurück. Verwalter prüften Listen. Listen wurden archiviert. Neue Listen angelegt. Alles verlief ordnungsgemäß.
Der Pförtner hatte inzwischen andere Aufgaben übernommen. Der ungewöhnliche Containervorgang war längst abgeschlossen. Die Formulare waren korrekt. Die Einträge bestätigt. Der Verstärkerbonus gutgeschrieben. Kein offener Vorgang. Keine Beanstandung.
Dennoch dachte er gelegentlich an die tanzenden Zeichen. Nicht oft. Nur manchmal. Wenn die Arbeit für einen Augenblick ruhte. Dann erschienen sie wieder. Sie bewegten sich durch seine Gedanken wie vertraute Figuren.
Er beobachtete sie.
Heute schien sich ein Muster zu wiederholen. Nicht exakt. Aber ähnlich. Als würde etwas dieselbe Geschichte auf verschiedene Weise erzählen. Der Pförtner verstand nicht, was er sah. Aber er bemerkte die Wiederkehr. Er bemerkte die Ordnung.
Und inzwischen bemerkte er auch etwas anderes. Je länger er zusah, desto weniger wirkte es wie ein Tanz. Und desto mehr wie Arbeit. Nicht die Arbeit einer einzelnen Biene. Nicht einmal die Arbeit eines Schwarms. Sondern die Arbeit einer Struktur. Einer Struktur, die niemand geplant hatte. Einer Struktur, die einfach da war. So wie Schwerkraft. So wie Licht. So wie die seltsame Tatsache, dass manche Dinge immer wieder zusammenfanden.
Weit entfernt setzte die Harmonia V ihr Suchraster fort.
Und tief im Inneren des Bienenstocks begann ein Pförtner zu ahnen, dass manche Suchvorgänge wichtiger waren als andere.
Beide suchten.
Doch nur einer wusste bereits, dass er etwas verloren hatte.