--3-- die Bienen von Ceres
Erzählung
von Imitologiker
Die Bienen von Ceres
Kapitel 4 – Der Tanz
Der Verwalter hatte seine Berichte abgeschlossen. Alle Formulare waren ausgefüllt. Alle Felder grün. Keine Warnungen. Keine offenen Vorgänge. Das System befand sich im Zustand Stand-by.Sogar ein Verstärkerbonus war ihm gutgeschrieben worden. Die Verwaltung war zufrieden. Er ebenfalls. Eigentlich.
Dennoch blieb sein Blick einen Moment auf dem geschlossenen Fenster des Kommunikationsprotokolls liegen. Nicht lange. Nur einen Augenblick. Dann stand er auf. Die Schicht war beendet. Andere Aufgaben warteten. Wabenpflege. Pollenverarbeitung. Reinigung der Außenkammern. Das übliche.
Er verließ die Kontrollstation. Doch während er ging, arbeitete etwas weiter. Nicht in den Computern. Nicht in den Formularen. Sondern in einem älteren Teil des Systems. Etwas, das noch aus den Tagen stammte, als die ersten Bienen synthetisiert worden waren. Niemand wusste mehr genau, warum es existierte. Man wusste nur, dass es existierte. Wie alte Narben. Oder alte Geschichten.
Jede Biene besaß neben ihren sichtbaren Routinen ein zweites Protokoll. Ein stilles Protokoll. Ein inneres Protokoll. Dort lebten Zeichen. Alte Zeichen. Man hatte vor langer Zeit versucht herauszufinden, was sie bedeuteten. Man hatte sie untersucht. Verschoben. Umgeordnet. Sogar entfernt.
Das Ergebnis war eindeutig gewesen. Sobald man die Zeichen zerstörte, starb das System. Deshalb hatte man die Versuche eingestellt. Die Zeichen blieben. Niemand verstand sie. Aber alle lebten mit ihnen. Der Pförtner kannte sie. Die Arbeiterinnen kannten sie. Die Königinnen kannten sie. Sogar die Wartungsdrohnen kannten sie. Sie begegneten ihnen täglich. So selbstverständlich wie Licht. Oder Schwerkraft. Oder Zeit.
Man sprach nicht darüber. Man sah ihnen zu. Denn die Zeichen bewegten sich. Nicht wirklich. Aber fast. In den inneren Bildern der Bienen erschienen sie wie Figuren eines Tanzes.
O hielt zwei Plätze frei. W nur einen. C gleich vier.
Manchmal schlossen sie sich zusammen. Manchmal trennten sie sich. Dann fanden sie sich wieder. Der Pförtner hatte als Jungbiene stundenlang zugesehen. Er hatte sich vorgestellt, dass die Zeichen verliebt seien.
H hielt rechts ein W. Links ein anderes. Wie zwei Tanzpartner. C war besonders auffällig. Immer umringt. Immer beschäftigt. Immer mittendrin.
Und manchmal entstand eine große Polonäse.
C hielt O. O hielt H. H hielt W. Ein zweites O schloss sich an. Weitere Figuren kamen hinzu. Immer neue Muster. Immer neue Tänze.
Der Pförtner war nie dahintergekommen. Und niemand hatte es von ihm verlangt. Die Zeichen tanzten. Das genügte.
An diesem Tag jedoch geschah etwas Seltsames. Vielleicht lag es an dem zu früh eingespeisten Container. Vielleicht an der kleinen Abweichung im Durchsatz. Vielleicht an gar nichts. Der Pförtner blieb stehen. Eine Figur hatte sich wiederholt.
Dann noch einmal. Dann ein drittes Mal. Er runzelte die Stirn. Das war ungewöhnlich.
Nicht die Figur. Die Wiederholung.
Zum ersten Mal fragte er sich nicht: „Wer tanzt mit wem?“
Sondern: „Warum immer dieselben Schritte?“
Der Gedanke verschwand nicht. Er folgte ihm durch die Gänge. Durch die Waben. Durch die Wartungsbereiche.
Später setzte er sich in eine leere Kammer. Die Zeichen erschienen erneut. Dieselben Figuren. Dieselben Verbindungen. Dieselben Wiederholungen.
Und plötzlich kam ihm ein verrückter Gedanke.
Vielleicht war das gar kein Tanz. Vielleicht war es eine Sprache. Nicht gesprochen. Nicht geschrieben.
Aber trotzdem eine Sprache. Eine Sprache aus Verbindungen. Eine Sprache aus Möglichkeiten.
Eine Sprache, die bestimmte Begegnungen erlaubte und andere verbot. Der Gedanke erschreckte ihn.
Denn eine Sprache bedeutete Regeln.
Und Regeln bedeuteten Bedeutung.
Er blickte lange auf die Figuren.
Dann flüsterte er: „Das ist kein Tanz.“
Die Zeichen bewegten sich weiter. Unbeeindruckt. Wie seit Jahrtausenden.
Der Pförtner sah ihnen zu.
Und zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass die Zeichen ihm etwas zeigen wollten.
Nicht über sich selbst. Sondern über die Welt.
Weit draußen im Asteroidengürtel liefen die Förderanlagen. Die Container wurden befüllt. Die Waben arbeiteten. Die Verwaltung funktionierte.
Alles verlief ordnungsgemäß.
Doch irgendwo tief im Inneren des Schwarms war ein Gedanke entstanden. Ein kleiner Gedanke. Fast bedeutungslos. Der Gedanke, dass hinter dem Tanz vielleicht eine Ordnung verborgen lag.
Und manchmal beginnen die größten Veränderungen genau so. Nicht mit einer Katastrophe.
Nicht mit einem Alarm.
Sondern mit einem Wesen, das zum ersten Mal fragt:
„Was, wenn das kein Tanz ist?“