--2--Kapitel II u. III

Erzählung

von  Imitologiker

Die Bienen von Ceres
Kapitel 3 – Das Suchraster
Die Brücke füllte sich langsam. Niemand sprach viel. Die meisten waren erst seit kurzer Zeit wach. Der Übergang aus der Stasis verlief problemlos. Wie immer.
Die Reise zum Rendezvouspunkt dauerte. Das stand von Anfang an fest. Niemand empfand das als ungewöhnlich. Im Gegenteil: Die Dauer galt als gut kalkuliert.
Nach dem Aufwachen errinert man sich kaum höchstens an die Einweisung.
Und an den Satz des Ausbilders:
„Ihr werdet unterwegs mehr Zeit verlieren als Entscheidungen treffen.“

Die Besatzung der Harmonia V hatte den größten Teil der Reise im Stasisbetrieb verbracht.
Nicht aus Notwendigkeit. Sondern aus Gewohnheit. Die Systeme waren so ausgelegt, dass Wachzeit ein Ausnahmezustand war. Die Kadetten erinnerten sich später kaum an den Start.
Nur an die Einweisung.
Und an den Satz des Ausbilders:
„Ihr werdet unterwegs mehr Zeit verlieren als Entscheidungen treffen.“

Wenn sie erwachten, war nichts passiert.
Oder genauer:
Es war etwas passiert, aber außerhalb ihrer Wahrnehmung denn im Sonnensystem passierte ständig was.

die Zeit zwischen zwei Erwachenszyklen war unterschielich lang. Der menschliche Körper war sehr sensibel, zu lang in der Stasis nahm er genau so übel wie zu kurze Abstände. Manchmal weniger. Manchmal mehr. Niemand führte Buch darüber im eigenen Kopf. Dafür gab es Systeme.
Der Kommandant stand vor der Hauptprojektion. Vor ihm schwebte ein leerer Raum. Sterne. Staub. Nichts Besonderes. Er betrachtete die Anzeigen. Dann die Projektion. Dann wieder die Anzeigen.
Als die Navigationsoffizierin eintrat, fragte er: „Bestätigen Sie die Position.“ Sie setzte sich. Die Finger glitten über die Konsole. Einige Sekunden vergingen. „Position innerhalb der Toleranzen.“ „Welche Toleranzen?“ „Alle.“ Einige Crewmitglieder lachten. Der Kommandant nickte. „Gut. Dann überprüfen wir die Daten trotzdem noch einmal.“ Niemand widersprach.
Neue Schiffe kamen direkt aus der Werft. Neue Programme ebenfalls. Und gelegentlich vertauschte jemand eine Zahl. Das war selten. Aber selten war nicht dasselbe wie unmöglich. Die Sternkarte wurde erneut abgeglichen. Die Bahndaten überprüft. Die Referenzpunkte verglichen.
Schließlich sagte die Navigationsoffizierin: „Wenn die Daten falsch sind, dann auf sehr raffinierte Weise.“ „Dann hoffen wir, dass sie das nicht sind.“                                             
Der Kommandant blickte wieder auf die Projektion. Noch immer nichts. „Möglichkeiten?“ Der Sensoroffizier hob die Hand. „Der Container könnte abgedriftet sein.“  „Ursache?“„Sonnenwind. Mikrokollisionen. Fehler im Modell. Ungenauigkeit des Rendevouzpunkts.“ „Wahrscheinlichkeit?“ „Ja.“ Wieder lachte jemand. Diesmal etwas lauter. Der Kommandant ließ es zu. Die Anspannung war gering. Eigentlich gab es keinen Grund zur Sorge. „Gut“, sagte er schließlich. „Wir suchen.“ Die Projektion veränderte sich. Ein Raster legte sich über den Raum. Quadrate. Unterquadrate. Suchvektoren. Wahrscheinlichkeitsfelder.
Der Kommandant betrachtete die Darstellung. Sie erinnerte ihn an Karten aus der Akademie. Damals hatte man erklärt: Wenn man nicht weiß, wo etwas ist, sucht man systematisch.
Wenn man nicht weiß, wonach man sucht, sucht man noch systematischer.
„Quadrant Eins bis Acht den Primärsensoren.“
„Bestätigt.“ „Neun bis Sechzehn Passivortung.“ „Bestätigt.“
„Gravitationslot?“ „Aktiv.“ „Radar?“ „Aktiv.“
„Neutrinospur?“ „Negativ.“ „Warum?“ „Weil niemand glaubt, dass wir etwas finden.“
Diesmal lachte selbst der Kommandant.
„Aktivieren.“ Der Offizier nickte. Die Suche begann.
Niemand hatte das Gefühl, dass etwas Außergewöhnliches geschah.
Dafür war die Mission zu gewöhnlich. Zu oft geübt. Zu oft simuliert. Zu oft beschrieben.
Der Funkoffizier blickte auf seine Konsole. „Nachricht an Hauptquartier?“ „Ja.“ „Text?“
Der Kommandant dachte kurz nach.
Dann diktierte er:
Position erreicht. Zielobjekt nicht sichtbar. Suchraster wird abgearbeitet.
„Absenden.“ Der Funkoffizier nickte. „Abgesendet.“
Damit war alles getan. Die Brücke wurde ruhiger.
Man wartete. Man beobachtete. Man suchte.
Niemand fragte, wie lange der Unfall zurücklag.
Niemand fragte, wie lange die Nachricht unterwegs gewesen war.
Niemand fragte, wie lange sie selbst unterwegs gewesen waren.
Solche Fragen stellte man den Systemen. Nicht sich selbst.
Und während die Harmonia ihr Raster abarbeitete, war sich die gesamte Besatzung in einem Punkt völlig einig: Sie waren pünktlich angekommen.
3. Ceres – Der Verwalter des Schlauchpotentials
Auf Ceres bemerkte der Verwalter die Abweichung zuerst nicht.
Dann doch.
Dann wieder nicht.

Der Durchsatz war leicht erhöht.
Nicht dramatisch.
Aber ungewöhnlich.

Er öffnete die Übersicht.
Verglich die aktuellen Werte mit den prognostizierten.

Die Prognosen waren korrekt gewesen.
Das Problem lag nicht in der Vorhersage.
Sondern in der Realität.

Ein Container war zu früh in das System eingespeist worden.

Das war eigentlich nicht vorgesehen.

Container wurden nach festen Zyklen freigegeben.
Das System beruhte auf Stabilität.
Nicht auf Überraschung.

Er prüfte die Protokolle.
Keine Fehlermeldung.
Keine manuelle Intervention.
Keine Eskalation.

Nur ein Eintrag:
„Container nachgeschoben – automatisch kompensiert.“

Er runzelte die Stirn.

Das war ungewöhnlich.
Nicht falsch.
Nur unnötig früh.

Er öffnete das Kommunikationsprotokoll.
Kein externer Befehl.
Keine Rückfrage.
Keine Störung.

Nur ein internes Systemupdate.
Zeitstempel: vor 37 Sekunden.

Er lehnte sich zurück.

„Seltsam“, sagte er leise.

Dann schloss er das Fenster.

Im Hintergrund passten sich die Systeme bereits an.
Ohne Diskussion.
Ohne Pause.
Ohne Erinnerung daran, dass es auch anders hätte sein können.



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