Unter der Terrorherrschaft des Planetengehirns

Kurzgeschichte zum Thema Macht

von  max.sternbauer

Zwei Verschwörer trafen sich in einer dunklen Gasse.

Zwei Verschwörer die sich nicht kannten und noch nie in ihrem Leben gesehen; nur eines einte ihre bisher getrennten Leben, das Ende des Planetengehirn einzuläuten.

Don Howard war einer der beiden Gestalten, die dunkle Mäntel trug und sich im Schatten verbarg.

Seine Aufgabe war es festzustellen, ob die Person, die Kontakt aufnehmen wollte, ein Agent war; ein sogenannter Ebro-Body.

Das bedeutete, reproduzierter Körper; die Agenten waren gezüchtete biologische Maschinen!

Don näherte sich dem wartenden Fremden, und richtete seinen Blick nur auf ihn.

Er hatte schon vorher geprüft, ob in der Gasse ein Hinterhalt auf ihn lauern könnte; von einem Schrägdach aus hatte er in mit seinem künstlichen Okular die Dunkelheit überwacht.

In der Nacht sah er fast besser als am Tag, zumindest mit dem einen Auge. Sein Gesundes Auge musste er dabei schließen, damit sein Gehirn mit den Sinnesdaten nicht durcheinander kam.

Der Kontaktmann merkte sein Kommen und begrüßte ihn dem geheimen Zeichen der Bruderschaft: er griff sich in den Schritt.

„Juckt ganz schön.“

Don Howard, nickte zufrieden und wiederholte die Geste.

„Meine Bälle kribbeln auch.“

Dieses Erkennungszeichen sollte ein Symbol sein, dass zum Menschheit die Sexualität gehört und das Planetengehirn diesen Bereich nicht kontrollieren konnte.

Auch brennende Genitalien, konnten Zeichen eines Widerstandes sein.

„Willkommen Bruder, du hast Mut bewiesen, hier zu kommen um dich der Prüfung zu stellen.

Bist du bereit?“

Der Fremde nickte stumm und leckte sich die Lippen.

Don holte einen tiefen Atemzug durch die Nase und sammelte seine Kräfte, um die eine Frage zu stellen.

„Dienst du dem Diffusor?“

(Dem alles beherrschenden Supercomputer)

Automatisch schüttelte der Fremde den Kopf; etwas zu schnell für Dons Geschmack.

Der Rhythmus war doch etwas ungenau; der Takt konnte auch mit Nervosität erklärt werden.

Aber Don wollte sicher gehen, denn es stand zufiel auf dem Spiel.

Sein Okular fuhr wie ein Suchscheinwerfer, den Körper des Prüflings ab; scannte ihn auf Unregelmäßigkeiten ab; wie künstliche Organe, oder versteckte Waffensysteme.

Er durchdrang mit seinem Blick die Haut, das Fettgewebe, die Nervenbahnen und im Zentrum von Allem, sah er ein schnell pulsierendes Rotes Etwas.

Der Puls des Mannes raste; eine Tatsache die Don nicht überraschen sollte.

Aber tat es.

Da es nicht möglich war, eine Pistole zu ziehen wie einem schlechten Western, war Dons Auge mit einer Überraschung versehen worden.

Ebro-Bodys verfügten über Reflexe, die jeden Menschen übertrafen; ein Zweikampf stellte daher immer ein Himmelfahrtskommando da.

Ein greller goldener Strahl, versengte die Luft und schnitt sich durch den Schädel des zu Prüfenden,

der so blöd glotzte, als hätte man ihn mit heruntergelassenen Hosen erwischt.

Mit einem schiefen sauberen Schnitt, wurde der Kopf in zwei ungleiche Hälften geschnitten.

Dampf trat aus dem Schnitt heraus, und der Agent kreischte laut auf.

Dann, starb er langsam mit einem lauten Zischen. Und, absolut synchron mit diesem Geräusch, sank der Körper des Agenten zusammen, Mit einem existenziellen Furz, endete der Kampf und der Rest einer künstlichen Haut blieb in der Gasse liegen.

Don Howard musste erst einmal den Schock verarbeiten, denn wer von seinen Brüdern und Schwestern war für diesen Fehler verantwortlich, einen Agenten zu ihm vorzulassen?

Jeder Sympathisant wurde auf Herz und Nieren geprüft-vor allem ob sie über solche Organe verfügen.

Der Diffusor war gerissen, aber nicht weniger gerissen waren seine Handlanger;

sie simulierten künstlich das Stressverhalten des Menschlichen Organismus.

Wie ein stark klopfendes Herz. Ein künstlich geschaffenes Wesen, konnte aber diese Symptome aber nur simulieren, ein Umstand der von dem Widerstand genutzt wurde, um Agenten zu enttarnen.

Wer sich dem Widerstand anschließen wollte, nahm deswegen eine Droge zu sich, die beruhigend auf den Organismus wirken sollte.

Einige Kritiker dieser Vorsichtsmaßnahme hatten moniert, dass die Leute nach der Einnahme wie bekifft gewirkt hatten; aber die Vorteile überboten die Nachteile bei weitem.

Howard starrte etwas mehr zufrieden, und etwas weniger ärgerlich auf die kümmerlichen Überreste

und erste Zweifel kamen ihm.

Denn, was wäre wenn die Ebro-Bodys soweit konstruiert würden, um den Trick mit dem Beruhigungsmittel zu umgehen?

Sollte man dann nicht mehr auf den Puls eines Prüflings achten?

Oder, sollte man selbst künstliche Agenten erschaffen, um die Reihen des Diffusors zu infiltrieren.,

bevor es mit der eigenen Rebellion geschah?

Don Howard rieb sich die Schläfen und seufzte, Nein, die Nacht war noch zu jung für solche schwerwiegende Gedanken und daraus resultierende Kopfschmerzen.

Er warf sich seinen Schwarzen Umhang über und verschwand in der Nacht, mit der Gewissheit versehen, dass der Widerstand sicher sein würde-vorerst, mehr oder weniger.


Niemand wusste zu sagen, wieso die Bar „The Golden Coconut,“ genannt worden war.

Keiner von den Barbesuchern hatte sich aber je bemüßigt gefühlt, dieser Legende auf den Grund zu gehen.

Die riesige, goldschimmernde Kokosnuss, die drohend über dem Eingangs schwebte, weil sie nicht sehr fest verankert schien, hätte auch eine Bowlingkugel sein können.

Stolzer Besitzer der Bar, war ein Mann namens Donald, Barbesitzer in Fünfter Generation, und überhaupt nicht stolz darauf.

Sein runder Körper hatte was von einer Kokosnuss; vor allem erzeugte sein Fell diesen Eindruck.

Sein Kopf hingegen war rund und haarlos, wie eine Bowlingkugel.

Donald, der manchmal auch Don genannt wurde, was für einige Verwirrung unter den Gästen sorgen konnte, war heillos überfordert, den angebrochenen Abend zu leiten.

Sehr viele neue Gesichter, blickten ratlos umher und keiner wusste zu sagen, was diese Veranstaltung bringen würde.

Donald, ganz der Don, ließ sich seine Überforderung nicht anmerken, weswegen er Befehle in den

Raum bellte.

„Alle Neuen kommen nach vorne, die ersten Drei Sitzreihen sind für euch reserviert; die Kerle an den Scheinwerfern, hallo, ja hier da oben, hört auf mir in das Gesicht zu leuchten. Wo Don bleibt, weiß ich nicht, er soll aber kommen. Nein, ich bin nicht der Don, ich bin Donald; ja, ich werde auch Don genannt. Und ihr da an der Bar, könnt ihr eure Witze etwas leiser erzählen, oder weniger schmutzig lachen?“

Nathan, Aushilfskellner, hatte seinen gebührenden Platz hinter der Theke angenommen und betrachtete dieses Schauspiel. Mit dem Kopf schüttelte er nicht mehr, weil er nichts mehr neues mehr sah, was ihm überraschen konnte.

Seine Hände fummelten geschäftig in der Ecke herum, und wenn Jemand schnell und nur mit halber

Aufmerksamkeit vorbei flitzte, konnte es so aussehen, als bediene er die Kaffeemaschine-die perfekte Tarnung.

Noch dazu war sie ein altes Modell, und nur Nathan kannte sich mit deren Bedienung aus.

Er brühte sich eine Tasse und lehnte sich gegen die Musikbox, die noch älter war als die Kaffeemaschine.

Dann entschied sich Nathan ganz spontan, dass er frische Luft brauchte und ging in den Hinterhof,

um den Müllcontainern Gesellschaft zu leisten


Nathan betrachtete die Lichter Stadt, in der er aufgewachsen war.

Sie trug keinen Namen, sondern nur eine Nr., so liebte es der Diffusor. Sie war die größte Stadt auf dem Planeten Spylok; der Heimat von Nathan und dem Diffusor, dem allmächtigen Computer.

Vor drei Generationen, waren seine Vorfahren in dieser neuen Welt angekommen und hatten versucht ein Zuhause aufzubauen; dabei hatte ihm ein Computer helfen sollen.

Zu Anfang, war er auch sehr nützlich gewesen, und hatte den Siedlern mit seinem enormen wissen geholfen. Aber, so tief im Weltraum, fern von der Erde, war Nathans Vorfahren aufgefallen, wie verwundbar ihre Zivilisation doch war. Konnte eine Kultur, die von so wenigen Siedlern getragen wurde, überhaupt überleben?

Die Antwort war, dass man dem Computer immer mehr Aufgaben anvertraute. Der Lauf der Zeit brachte es mit, dass dem Computer die Rechtsprechung übertragen wurde, weil es sich die Siedler einfach nicht mehr zugetraut hatten, diese Aufgabe selbst zu erfüllen.

Was die Siedler aber nicht bemerken sollten war, war dass der Computer mit dem Aufgaben wuchs;

was nicht nur als Metapher gemeint war. Seine Rechner wuchsen auch physisch; je größer die Kolonie wurde, so auch der Computer.

Dafür benötigte er aber Platz, und den hatte er sich auch geschaffen. In unterirdischen Höhlen und Schächten, gegraben von ferngesteuerten Maschinen, hatte der Diffusor seinen Platz gefunden.

In der Ferne, im Band der Lichter, konnte er eines sehen was noch heller strahlte; die Zentrale des

Diffusors.

Sein größtes Rechenzentrum hatte der Diffusor im Zentrum der Stadt errichtet.

Stieg man dort mit dem Bus aus, wirkte er gar nicht furchterregend, sondern wie eine umgestülpte weiße Salatschüssel aus Kunststoff.

Nathan hörte etwas rascheln; eine Katze etwa? Die gab es doch auf Spylok nicht, aber was gab es denn dann? Ein Tier, so groß wie eine Katze mit Stacheln und versprühte Säure.

Auf dem Müllcontainer kauerte eine Gestalt. Nathan konnte wegen der Kapuze keinen Blick erkennen, wusste aber dass er angestarrt wurde.

„Man hat versucht einen Agenten auf den Hals zu setzen. Aber, ich habe das verhindern können.“

Nathan schlürfte gelangweilt seinen Kaffee.

Über dieses Geräusch hinweg, starrte die Gestalt mit Kapuze hinweg, irritiert darüber dass keine Reaktion kam.

„Der Diffusor wird immer gerissener, wir müssen auf der Hut sein.“

Nathan gähnte und kratzte sich am Kinn.

„Hey, du hörst mir überhaupt nicht zu.“

Nathan rollte mit den Augen. „Don, diese Geschichte hast du mir schon Tausendmal erzählt. Was erwartest du bei dem Tausend und Ersten Mal, eine Parade?“

Nathan nahm einen Schluck, dann fiel ihm was ein, was er Don sagen sollte, aber das wollte er nicht.

Die Kapuzengestalt stellte aber diesbezüglich eine Frage. „Wieso, was sollte ich wissen?“

Mist, dachte Nathan, das habe ich auch schon gesagt.

Aber, es war zu spät, Dons Misstrauen war schon geweckt.

„Welche Sache denn?“

Nathan war damit beschäftigt, bedächtig die Schlücke Kaffee aus einer Tasse zu trinken, die schon leer war, also lenkte dieses Ablenkungsmanöver nicht zu lange ab.

„Nathan!“

„Okay, okay, es ist so, dass ich und mein Chef in der Fußgängerzone heute Flugblätter für das heutige Treffen verteilt haben; also diese geheime Zusammenkunft war dann doch nicht so geheim.

Deine Vorsicht war aber auf Jedenfalls richtig gut gemeint.“

„Aber, aber was ist mit den Agenten?“

Don Howards Stimme hatte einen hilflosen Klang angenommen und er zeigte irgendwohin, in die Leere.

„Oh, du weißt es noch gar nicht. Aber, nur einen Block weiter, hat eine andere Widerstandsgruppe, sich in einer anderen Bar einen Stützpunkt errichtet; ich glaube The Yellow Lemontree heißt die.

Die Gruppe ist viel größer, und viel besser organisiert als wir; weswegen die Agenten sicherlich versuchen werden diese Widerstandszelle zu infiltrieren. Da wir nicht so wichtig erachtet werden, hoffentlich, soll diese andere Gruppe, quasi als Schutzschild für unsere Gruppe dienen. Deswegen haben wir die Sicherheitsmaßnahmen etwas gelockert.“

Don Howard, selbsternannter Rächer der Nacht und Beschützer des Widerstandes, stieg vom Müllcontainer herab.

„Aha, das klingt ja alles wahnsinnig interessant das alles. Interessant deswegen, weil ich nichts davon erfahren habe.“

Nathan hatte Mühe, die Worte des Rächers zwischen dem Zähneknirschen zu vernehmen.

„An welchem Strategie-Plenum war das nochmal, doch da hatte ich Dienst. Am Dienstag war es.“

Howard reagierte sichtlich verwirrt auf diese Äußerung, das sah Nathan sogar mit der Kapuze.

„Moment, Fragen der Strategie wurden doch immer Mittwochs verhandelt; wann hat sich denn das geändert?“

„Naja, das dürfte auch an einem Dienstag besprochen worden sein, aber an einem anderen Dienstag. Übrigens gehen diese Terminänderung auf die Initiative von Walter zurück.“

Nathan verstand diese Fragerei überhaupt nicht, denn jedes Mitglied der Konspiration, bekam doch wöchentlich seinen Newsletter zugesendet.

Aber Nathan hatte das Gefühl, dass der Rächer nichts von Sitzungsprotokollen oder Newslettern hören wollte.

Don Howard hörte auch nicht mit dem Zähneknirschen auf, als beide hineingingen, und die Sitzung bald losgehen sollte.

Plötzlich hielt Don Nathan auf, seine Geste wirkte ernst.

„Sag, wie lange hast du deine Unterhose schon an?“

„Naja, ich bin nicht mit dem Waschen nachgekommen..Hä, seit wann interessiert dich meine Unterwäsche, und wieso glotzt du sie mit deinem bescheuerten Robo-Auge an?“


Statt des Rauschen des Ozeans, war die Innere der Bar gefüllt mit dem erregten Raunen zahlreicher Stimmen, erregt, aber leise waren die Unterhaltungen.

Der einzige, der nicht angespannt war, war Nathan, der weiterhin seelenruhig seine Gläser polierte: eine Meditation in Seifenschaum.

Donald, der Barbesitzer, war aber in einem anderen Geisteszustand; er versuchte Ordnung in das Chaos zu bringen, was es gar nicht gab und niemand hatte um diese Anleitung gebeten.

Man hatte die Tische und Stühle in einem Halbkreis angeordnet, längst dazu stand eine lange schmale Tafel, die ein weißes Tischtuch trug.

Donalds Glatze schimmerte dank der Schicht Schweiß wie eine Münze; niemand wusste was der Abend bringen würde.

Am Rande der Theke, in einer dunklen ecke, die extra dafür verdunkelt worden war, hockte Don Howard einem Falken gleich und scannte Umgebung mit seinem künstlichen Okular.

Das sah zwar bescheuert aus, aber Donald war froh, das sein halber Namensvetter mit etwas beschäftigt war.

Donald räusperte sich, um Ruhe zu erbitten, aber davor wurde ihm bloß Gesundheit gewünscht.

Das brachte Donald etwas aus dem Konzept, weswegen er anfing, mit Pfiffen die Sitzung einzuläuten.

„Wenn ich nun um Ruhe bitten dürfte; als erster Tagesordnungspunkt soll der Protokollant, das Protokoll der letzten protokollierten Sitzung vortragen. Herr Protokollant, walten Sie bitte ihres Amtes. Aber, zuerst unser geheimes Zeichen.“

Zwei Dutzend Männer, unterschiedlichen Alters, erhoben sich und rieben sich mit ihren Händen das Genital; begleitet von einem Singsang.

„Mann jucken die Heute.“

(Komischerweise waren nur Männer bei diesem Treffen).

Walter wollte mit seinem Bericht anfangen, als eine etwas entfernte Stimme frech meinte: „Ausziehen!“

Mit Mühe konnten die meisten Anwesenden ein Lachen unterdrücken, Donald war aber nicht nach Lachen zumute.

Mit hochrotem Kopf beendete Walter seinen Bericht und setzte sich schmollend an die Tafel;

Donald versuchte seine gemurmelte Aussage zu ignorieren, die gelautet hatte: „macht euren Scheiß doch alleine.“

Donald bedankte sich bei Walter, und wollte dann das Wort Don Howard übergeben, dessen Aufgabe es war, sie über die Intrigen des Diffusors am laufen zu halten. Bevor es aber dazu kam, wurde von Jemanden eingeworfen, dass laut Satzung zuerst der Bericht des Schatzmeisters angehört werden musste.

Donald musste den Saal mit bösen Blicken absuchen, denn Walter fungierte auch als Schatzmeister.

Unter diesen beschützenden Blicken, trat Walter erneut an das Rednerpult.

Es war jedem klar, was als nächstes passieren würde, und es passierte ja auch. Walters Auftritt, wurde mit aufreizenden Pfiffen begleitet.

Diesmal lachten auch die mit, die das erste mal nicht gelacht hatten.

Nathan schüttelte den Kopf und fand das alles furchtbar kindisch, dabei fiel sein Blick auf das Interessanteste, was sich in The Coconut befand: die Klotür.

Die war ihm schon öfters aufgefallen, hier war ja auch sein Arbeitsplatz und er musste diese Örtlichkeit dann und wann aufsuchen.

Aber, da war eine Kleinigkeit, die bisher nie seine Aufmerksamkeit erregt hatte: ein kleines rotes Schild. Fragen schossen durch Nathan Kopf; war das Schild da schon immer gehangen und hatte er es nur ignoriert? Und wieso stand da „Außer Betrieb“ darauf, die Toilette funktionierte doch noch.

„Don, bitte komme auf die Bühne, und berichte was auf deinen Streifzügen durch die Nacht, du Neues vom Diffusor erfahren hast.“

Doch Don war nicht mehr da, verschwanden aus seiner Ecke, und nicht mal dutzende von Augenpaaren vermochten ihn auszumachen.

Statt eines Schattens, hörten sie eine Stimme, die da sagte: Dons Stimme, die künstlich verstärkt wurde.

Dampfender Nebel, hätten den Effekt noch theatralisch verstärkt, aber darauf mussten die Zuhörer verzichten.

Dann fing Dons Stimme an zu erzählen: „Die Abwehrsysteme des Diffusors sind noch hinterhältiger und wirksamer geworden; die Zeit drängt.“
Ehe Don fortfahren konnte, hatte sich eine Hand erhoben.

„Frage, was denn nun im konkreten; sind die Sicherungssysteme hinterhältiger oder wirksamer geworden?“

„Was soll denn diese bescheuerte Frage denn? Das sind doch keine Effekte, die einzelnen betrachtet werden sollen; das ist doch kein Entweder-Oder. Beides trifft zu; hinterhältig und wirksam.“

Wer genau hinhörte, konnte ein: „Mann wird doch wohl noch fragen dürfen,“ hören, aber nur wenn man ganz spitze Ohren hatte. Oder so hinterhältig wirksame Sensoren wie der Diffusor.

Dass die Abwehrsysteme verstärkt wurden, war keine neue Nachricht, aber eine die von vielen nickenden Köpfen bestätigt wurde; die Zeit drängte.

Nathan wurde ebenfalls hellhörig, denn dieser Part der Veranstaltung war der lustigste.

Denn nun würden gleich die Pläne präsentiert werden, wie der teuflische Computer gestürzt werden sollte.

An den Fingern der Linken Hand, zählte Nathan die Pläne ab, die er mitbekommen hat; kam aber dann zum Schluss, dass er nicht genug Finger hatte. An beiden Händen.

Eine Attacke auf den Diffusor, da war er sich sicher, wollte ihm gar nicht mehr einfallen, weswegen er einen Veteranen der Bruderschaft, der genüsslich ein Bier schlürfte, danach fragte.

Prompte Erheiterung war die Folge, deren Folge das verschlucken des Bieres folgte; dem folgte husten und würgen.

„Das war eine Sache gewesen, eine die man besser nicht erzählt, aber die verdammt witzig ist.

Wir wollten die Stromzufuhr des Diffusors kappen-dem Computer den Stecker ziehen.

Unser Rächer der Nacht da (der Redner senkte merklich die Lautstärke), hätte sich ins Kraftwerk schleichen sollen. Laut Plan, hätte er nur einen roten Draht durchschneiden müssen, aber er war nicht mal bis zu diesem Draht gekommen. Wie oft haben wir ihm schon gesagt, He Don, lass diesen dämlichen Umhang zuhause; aber hört denn der jemals zu? Nein!

Weil, naja, hohe Zäune mit Stacheldraht, sind halt der natürliche Feind des Umhangs.“

Nathan Verstand malte sich nach dieser Erklärung ein Bild. „Du meinst doch nicht etwa?“

„Doch genau das,“ gluckste der Mann und versprühte leichte Bierwolken. „Don ist am Zaun hängen geblieben.“

Nathan bedankte sich bei dem Mann für diese Geschichte und biss erst einmal in ein Geschirrtuch; es schmeckte übrigens gut.

„Helden von Spylock, ja auch ist dabei gemeint; bitte keine blöden Fragen mehr!

Danke für deinen Bericht, Don. Noch nie waren die Zeiten des Widerstandes so hart; aber auch noch sie so vorteilhaft. Brüder, und Schwestern, wenn welche Anwesend sind, wir müssen handeln.“

Zustimmendes und zugleich ablehnendes Raunen erfüllte den Raum; Niemand wusste zu sagen, was stärker war.

Wie sollten sie den Diffusor besiegen?

Donald, der wieder das Wort ergriffen hatte, reagierte auf die Stimmung im Saal.

„Das ist ein guter Punkt für Diskussionen. Walter, bitte führe eine Rednerliste.“

Und ob es Diskussionsbedarf bestand; Walter kam gar nicht hinterher, alle gewünschten Redner zu notieren.

So kunterbunt die Meinungen auch waren, bald scharrten sie sich um zwei Flaggen:

Die Fraktion der Praktiker, und die und die der Analysten.

Die Praktiker wollten nur das eine; rohe Gewalt. Aus ihrer Sicht war genug „gequatscht“ worden.

Die komplizierten Pläne der Vergangenheit waren doch alle gescheitert und nie waren Resultate dabei herausgekommen. Auf die Frage der Analysten, wieso denn diese Pläne gescheitert seien, meinten die Praktiker empört: „das ist ja gerade das Problem!“

Wenn das viele Grübeln nicht geholfen hat, dann kann nur noch eines helfen: die geballte Faust.

Man nehme einen Bus, viele Waffen, fahre zum Diffusor und beende das Drama!

Aber, argumentierten die Analysten, man dürfe den Diffusor niemals unterschätzen.

Seit Jahrhunderten, habe er genutzt, die menschliche Psyche und Verhalten zu studieren .

Und mit so einer, Verzeihung, primitiven Attacke wie vorgeschlagen, rechne der Diffusor erst recht.

Spekulieren, ihr könnt nichts weiter als spekulieren, war bald die Parole der Fraktion Handfester Methoden. Die Antwort der Spekulanten folgte auf dem Fuß, und bestand aus auf wissendem Nicken und dem, Argument; spekulieren ein wichtiger Teil des Erkenntnisgewinns nun mal sei.

Und, welchen praktischen Nutzen soll das haben?

Nun, darüber muss noch spekuliert werden.

Um das ganze noch komplizierter werden zu lassen, und die Aussicht die Lage zum eskalieren zu bringen, meinte Walter, ob sie nicht selbst einen Diffusor bauen sollten.

Es gibt wohl kein unangenehmeres Gefühl, als wenn ein ganzer Saal Augen auf einen Menschen richten. Walter versuchte seine Angst zu überwinden und setzte zu einer Erklärung an

„Der Diffusor ist der am weitesten entwickelte Computer in der Menschheitsgeschichte. Und einer der Gründe dafür ist, weil er sich selbst ununterbrochen perfektioniert. Er lernt mehr, als wir alle es als Kultur könnten. Das einzige was da mithalten kann, wäre ein anderer Computer: eben ein Diffusor.

Und wie solle dieses Wunderwerk der Technik genannt werden?Das war die große, von dem Spöttern vorgebrachte Frage.

Und die Antwort folgte schnell, aus vielen Mündern: den Computer den wir bauen müssen, bauen werden, sollte den Namen Tecubator tragen.

„Was für ein saublöder Name,“ kam es aus einer Ecke gezischt.

Die, eigentlich triviale Frage, wie das Ding schlussendlich heißen sollte, sollte aber der initiale Funke sein, der den Streit in Brand stecken sollte.

Wer den ersten Schlag tat, und wer als erster nicht seine Wange hingehalten hatte, waren Fragen die Historiker noch lange beschäftigen.

Feststand, dass eine ordentliche Keilereri ihren Anfang nahm.

Nathan bewunderte derweil seine neueste Errungenschaft: die Kette mit dem roten Schild schmiegte sich angenehm um seinen Hals. Der Schriftzug: Außer Betrieb, schimmerte wie ein alter Schatz.

Einige hatten beschlossen, sich dem schlagfertigen Gedankenaustausch zu entziehen; was für Nathan eine gute Gelegenheit für seinen Feldversuch darstellte.

„Ein Bier:“ war das eine Frage oder eine Bestellung gewesen: Nathan setzte ein warmes Lächeln auf und tippte auf das Schild um seinen Hals. Und, siehe da, dass Wunder geschah, der Mann wendete sich einem Kollegen von Nathan zu!

Nathan war erstaunt, erstaunt und nachdenklich, und er würde noch mehr erstaunt werden, wenn er merkte wohin seine Gedanken gehen sollten.

Derweil hatte der Kampf der Fraktionen eine Pause eingelegt: man musste Atem und Möbel sammeln.

Meckerndes Gelächter, wieder aus jener Ecke kommend, kommentierte diese Pause sarkastisch.

Donald, hatte sich daraufhin wieder genervt umgesehen, ob denn Don wieder mit seinem Mikrophon herumspielte. Aber Don war diesmal nicht das Problem, denn der hatte sich an die Theke gelehnt und schlürfte an einem Milchshake.

„Ich bin hier,“ protestierte die meckernde Stimme, worauf sich die Blicke neu ausrichteten und einen alten Greis erblickten.

Vor sich hatte er ein Bierglas stehen, aus dem er trank und dann wieder zum lachen anfing.

Seine Augen waren so weiß, wie Dons Milchshake.

„Oh, ich fühle, wie ihr mich alle anstarrt. Oho, da werde ich euch eure Aufmerksamkeit haben;sehr gut, denn ich habe euch etwas zu sagen.“

Der Alte lachte wieder und es klang gruselig. Woher kam dieser Alte, und wer war er?

Er unterbrach sein Meckern: „Ja, den Diffusor darf man nicht unterschätzen. Weil, er kommt vom Teufel, hört ihr, vom Teufel.“

Dieser ältere Herr, hatte offensichtlich nicht mehr alle Neuronen zusammen; aber soziologisch existierte das recht interessante Phänomen, das auch hier auftreten soll.

Sobald eine Person, eine biblisch genannte Anzahl an Lebensjahren gesammelt hatte, wurde ganz

automatisch dieser Person, der Titel „Weise“ verliehen.

Oder anders ausgedrückt: jeder mit einem grauen Bart wird in den Ältestenrat aufgenommen.

Dessen Aufgabe es war, als Kollektiv die Polizei anzurufen, wenn es am Kinderspielplatz zu laut war.

Mit gierigen Zügen trank der meckernde Trinker, der Mortimer genannt wurde, sein Bier aus und gab eine Zugabe.

„Ihr wollt den Diffusor stürzen, in dem ihr einen noch cleveren Diffusor bauen wollt. Klingt nach einem klugen Plan...Aber, falsch!

Ihr könnt den Computer nennen wir ihr wollt; es bleibt, dass ihr das Rennen nicht gewinnen könnt.

Der Diffusor hat eure Schritte schon längst ausgerechnet, bevor ihr einen Plan in eurem Oberstübchen zurecht schustern könnt. Es ist der intelligenteste Computer, der je vom Menschen geschaffen wurde, Hahaha, welch Wunderwerk der Technik.“

Nun ergriff Donald das Wort; er wollte mehr von Mortimer wissen. Der sträubte sich und stellte eine Bedingung: „übernehmt meine Barrechnung.“

Was wieder Walter betraf, denn der war auch der Schatzmeister der Bruderschaft. Der sträubte sich aber auch mit dem Hinweis: „Wir werden sicherlich nicht einem Fremden Propheten mit wirren Aussagen, sein Feierabendbier bezahlen.“

Worauf der Streit wieder ausbrach.

Walter wurde seines Amtes, und den Räumlichkeiten verwiesen und Mortimer bekam ein neues Bier (Selbstverständlich nicht von Nathan, denn der war noch Außer Betrieb).

Nachdem Mortimers Hirn, gut befeuchtet worden war, begann er zu erzählen.

„Um euren Feind zu besiegen, müsst ihr ihn erkennen; und um ihn zu kennen , müsst ihr in seiner

Vergangenheit lesen.

Woher stammt der Diffusor, und was sind die Grundlagen seiner Programmierung?

Das ist der Kern seiner Existenz; sein Nutzen.

Er entstammt einer Generation von Rechnern, die für die Besiedlung des Weltraumes gebaut worden waren. Es waren die ersten künstlichen neuralen Netzwerke, die nicht mehr der Karten menschlicher Gehirne folgten.

Deren Verstand war darauf ausgelegt worden, die gewaltigen Entfernungen zwischen den Planeten berechnen zu können, um die Raumschiffe sicher steuern zu können.

Die Diffusoren waren eine Revolution, aber eine alte, denn in ihnen liegt noch immer ein alter Denkfehler zu Grunde liegt.

Der Diffusor mag gewaltige Datensätze verarbeiten können, aber eines kann er nicht. Sich blöd stellen!“

Mit dieser Antwort hatte keiner gerechnet, dementsprechend waren auch die Reaktionen.

Nathan hatte derweil mit seiner Kette gespielt und über das gesagte nachgedacht.

Hm, man überlistet eine intelligente Maschine, in dem man dumm handelt. Da ist was dran; der Grund warum Blödheit so schwer zu kalkulieren ist, ist weil zu viele Variablen anfallen.

Mortimer war derweil auf den Tisch gesprungen, und hatte sein wieder leeres Bierglas weggekickt.

„Denn Zahlen können niemals den menschlichen Geist darstellen; aber aus Ziffern ist der Geist des Diffusors geformt. Was entspricht dem Menschsein mehr, als das natürliche Chaos der Blödheit?“

„Die spirituelle Suche nach Gott?“

Walter wurde wieder der Bar verwiesen.

„Der Diffusor arbeitet mit errechneten Wahrscheinlichkeitsrechnungen; die können wir umgehen, in dem wir uns komplett irrational verhalten.“

Nathan sah noch, wie Mortimer seine Stiefel auszog und schmutzige Füße entblößte.

„Ihr Zwei da, nehmt den Elchkopf da von der wand und tragt ihn; er wird die Speerspitze unserer Demonstration sein Und ihr der Rest: handelt wie ihr wollt, aber dumm!“

Nathan betrachtete das Spektakel und war ratlos-noch war das große Chaos noch nicht angebrochen, weil man noch nicht wusste wie.

Ob das den Diffusor stürzen konnte, war sich Nathan nicht sicher, aber er machte mit seinem Experiment weiter.

Neben sich, hörte er lautes Mampfen. Auf der anderen Seite der Theke, knackte und mahlte ein Kiefer Nüsse, wo manche Stücke wie Geschoße aus dem Mund flogen.

Des Nussknackers Augenpaar wurde von einer Fellmütze verdeckt, die Nathan merkwürdig bekannt vorkam.

„Tut mir leid, von mir kriegen sie kein Bier.“

„Das war mir bewusst, ich habe ja Augen im Kopf.“

Überrascht blickte Nathan auf sein Schild herunter.

Jetzt erkannte er auch, wieso ihm die Mütze so bekannt vorgekommen war: dasselbe Modell trug auch Mortimer.

„Sie kennen ihn?“

„Ja, das ist mein Bruder.“

„Aha, hätte ich mir gleich denken können, bei der Ähnlichkeit.“

„Ja, wir haben das ansprechende Lächeln unserer Mama geerbt.“

„Wollen sie auch rebellieren?“

Mortimers Bruder schüttelte den Kopf und tippte auf sein Schild mit Außer Betrieb, dass vor seiner Brust hing.

Beide Männer nickten sich wissend zu.


Ende.




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