Crash Test
Satire zum Thema Ironie
von max.sternbauer
Die Menschheit war nicht alleine; welch ein Segen!
Dass hatte man zuerst gedacht; doch dieser überraschenden Erkenntnis war schnell nackter Panik gewichen.
Aggressoren waren von den Sternen gekommen; das Sonnensystem war zu einer belagerten Festung geworden. Vor dem Planetoiden Pluto waren ihre Schiffe stehen geblieben; lauerten in einer Lauerstellung und schossen jede Sonde ab.
Um diese Blockade zu durchbrechen, war der Forschergeist des Homo Sapiens erwacht, wie er noch nie vorher gelodert hatte. Immer bessere, was meist auch bedeutete immer größere, Waffensysteme waren entwickelt worden, um den Kampf mit diesen Invasoren aufzunehmen.
Was einfach nicht funktionieren wollte, so ehrlich musste man sein, denn entweder flogen Waffen von selbst in die Luft, oder wurden abgeschossen.
Die Strategie der Fremden blieb weiterhin im Dunkeln: wieso war ihr Vormarsch stehen geblieben;
wieso versuchten Sie keine Kontaktaufnahme?
Fragen über Fragen, aber die mächtigen Raumschiffe beließen es dabei, zwischen den Sternen an Ort und Stelle zu schweben.
Die Sun System Military Defense Airbase auf Pluto, war die erste und letzte Verteidigungslinie der
Menschheit. Zumindest sagte dass der Schriftzug eines Messingschildes aus, das zur Einweihung der Basis vor mehr als Zwanzig Jahren, in der Kantine angebracht worden war.
Die Bezeichnung „Airbase“ war totaler Unfug und schon längst bekannt gewesen, als man das Schild für die Einweihungsfeier damals aus dem Karton befördert hatte.
Aber, seinerzeit wäre es zu teuer gewesen, ein neues Schild von der Erde kommen zu lassen, und man konnte ja schlecht eine Einweihung ohne Einweihungsschild vornehmen.
An jenem Schild, lief mit roten Kopf, Airbase Space Sergeant (ASS) Pemperton vorbei, ohne seinen goldenen Schimmer zu gustieren, denn man hatte ihn mit einer schlechten Nachricht vom Mittagstisch weg gescheucht.
Reservemaat Daedalus hatte sich dünne gemacht, oder mit anderen Worten, war nicht mehr aufzufinden, trotz oder gerade wegen der Tatsache, dass ein Testflug anstand.
Pemperton hätte die Formulierung desertiert bevorzugt, aber er war ja Sergeant in einer modernen Armee, die mit Raumschiffen im Weltall kämpfte, da desertierte doch niemand mehr.
Pemperton betrat die Umkleidekabinen, wo der Fitnessraum und die Duschen sich befanden.
Hier war ein beliebter Ort, wo sich Testpiloten versteckten.
Wie eine Reihe von Soldaten, ging Pemperton die Spinde ab; seine Augen lasen die Namensschilde.
Pemperton schnaufte, sein berüchtigter Schnauzbart zitterte einem Erdbeben gleich.
Er war vor dem Metallkasten mit Daedalus Namen stehen geblieben.
„Stephen, raus da,“ brüllte er und schlug mit der Faust seitlich auf das Blech. Es schepperte, wie Blech nur scheppern konnte, dem folgte ein leises Wimmern.
„Ich zähle bis drei, und ich rate ihnen schon bei eins, oder meinetwegen auch bei zwei, herauszukommen. Sonst, parke ich diesen Kasten in der Luftschleuse und puste ihre armselige Existenz Richtung Alpha Centauri!“
„Eins, Zw..“
Ein weiterer ASS-Offizier, der seinen Testpilot suchte, hatte ebenfalls seine Suche in den Umkleidekabinen gestartet, und auch er hatte diesen Kasten zu seinem Ziel auserkoren.
„Alfred, raus da.“
Wieder erklang dieses Wimmern, doch diesmal ging der Spind auf, und ein anderer Mann kam zum Vorschein. „Oh, Entschuldigen Sie Sergeant, ich war so mit meiner Suche beschäftigt, dass Sie mir gar nicht aufgefallen sind,“ entschuldigte sich Pempertons Kollege, der Alfred am Kragen packte und aus der Umkleide zerrte.
Pemperton mochte Überraschungen nicht, aber das war eine solche, die áuch noch eine Frage eröffnete: wo war Stephen?
Pemperton blickte auf einen großen Korb Schmutzwäsche, der bis oben hin mit Socken gefüllt war.
Er zweifelte über seinen Verdacht; keiner der bei Trost war, würde sich dort verstecken.
„Lassen Sie es gut sein.“
Resigniert hob Stephen seinen Kopf aus den Socken. „Sie haben mich gefunden, Hurra!“
„So ein ungebührliches Verhalten, haben Sie denn keinen Funken Ehre im Leib?“
Beide Testpiloten hatten Aufstellung im Flughangar genommen, um ihre Standpauke zu empfangen.
Hinter ihnen, erhob sich der Raumjäger Viper, der Prototyp.
Stephen Daedalus war da, wo er nicht sein wollte, vor dem Jäger und gar nicht bereit für seine Mission. „Diese Mission ist doch keine Strafe, sondern ein Privileg, können oder wollen Sie dass nicht verstehen?“
Alfreds Sergeant versuchte es mit sanfter Pädagogik, aber Alfred war weiterhin mit flennen beschäftigt und hörte wohl nicht zu.
Sein Sergeant, bevorzugte eine andere Art der Belehrung, denn er war aus anderem Holz geschnitzt.
„Hätte ich einen Strick und gäbe es auf Pluto Bäume, würden Sie schon im Wind baumeln..“
Stephen flößten diese Worte keine Angst ein; ganz im Gegenteil, sah er sich auf einer Schaukel, die
an einer schönen alten Weide gehängt worden war, munter im Frühlingswind schaukeln.
Die Crew, die für den Erstflug der Viper ausgesucht worden war, bestand aus Fünf Personen.
Richtschütze und Steuermann war Martin; Yvonne war für Kommunikation und Navigation zuständig. Alfred kontrollierte den Antrieb, wenn er nicht gerade den Tränen nahe war.
Dann blieben noch Stephen, dessen Aufgabe als Reservemaat darin bestand, in Notfällen den Posten zu übernehmen, wo Jemand ausgefallen war.
Und, dann gab es noch Tom, den Kapitän und menschlichen Computer; liebevoll auch Tom die Tomate genannt.
Tom war eigentlich schon Tod, aber bevor sein Gehirn zum verwesen angefangen hatte, waren Drähte und Mikrochips hineingesteckt worden, um es mit dem Schiffscomputer zu verbinden.
Bei dem Testflug wollte man feststellen, ob biologische Denkorgane, die besseren Computer sein konnten.
Stephen saß neben Tom, dessen Kopf von einem bronzefarbenen Helm bedeckt, und seine Augen
hinter einem schwarzen Display verschwanden.
Stephen sah nicht zu Tom hinüber, denn er mochte es nicht, sein Spiegelbild im schwarzen Plastik zu sehen. Dabei überkam ihm dass Gefühl, seine Seele würde ausgesaugt werden.
„Hallo Tom,“ Stephens Begrüßung wurde nicht erwidert; Tom saß schlaff in seinem Sitz.
„Also Tom, das ist aber unhöflich,“ meine Yvonne sarkastisch und gackerte.
Das Schiff wurde hochgefahren, die Tore des Hangars öffneten sich und die Viper hob ab.
Die Mission war einfach; einmal um den Pluto fliegen, die Schiffsinstrumente überwachen und im Laufe des Fluges, dann das Steuer der Tomate anzuvertrauen.
Bis Tom eingeschalten wurde, lief alles nach Plan. Danach, aber nicht mehr. Als Tom eingeschaltet wurde, wandelte sich der Rundflug um den Pluto, zu einer Bruchlandung auf dem Pluto.
Von Fünf Crewmitgliedern überlebten zwei: Stephen und Alfred.
Für den nächsten Testflug, pfiff man auf Experimente, denn die Hornet, sollte ganz klassisch von einem verwegenen Piloten gesteuert werden.
Dieser verwegene Pilot war Leutnant Harness, ein Fliegerass, der Rennen im Asteroidengürtel geflogen und gewonnen hatte.
Eine neue Strahlenkanone sollte mit dem Raumschiff Hornet getestet werden, und Harness war der Mann dafür.
Er begrüßte seine Mannschaft mit einem spitzbübischen Lächeln, dass sowohl Zuversicht als auch Arroganz ausstrahlte.
Irritiert musste der Leutnant feststellen, dass ein Crewmitglied fehlte.
Pemperton fand Stephen, in einem ausrangierten Pizzaofen. Stephen war ein Schlangenmensch, der
sich beliebig verbiegen konnte; was auch eine notwendige Eigenschaft war, wenn man sich in einem Pizzaofen verstecken wollte.
In der Luft, befahl Harness einen Kurs, der zu dem Raumschiffen der Blockade führen sollte.
Dort wollte er die neue Strahlenkanone testen.
Die Ehre des ersten Schusses, die übernahm Harness persönlich.
Als er zielte, murmelte er: „Schöne Grüße von der Erde.“
Ein heller Blitz, der dann Schwärze folgte.
Drei Personen waren zurück zur Basis gekehrt: Stephen, Alfred, und ein Stück Brikett, was einmal
Leutnant Harness gewesen war.
Gerüchte machten die Runde in der Basis, dass Alfred und Stephen Unglücksbringer waren, die
jede Mannschaft den Tod brachten. Das war Stephen Daedalus nur Recht, und er versuchte, solange
Pemperton ihn nicht dabei erwischte, die Gerüchteküche am brodeln zu halten.
Auch ging das Versteckspiel munter weiter, wobei Stephen eine Kreativität an den Tag legte, die er sich selbst nicht zugetraut hatte.
Aber, auch Pemperton erweiterte sein Arsenal, und statt Drohungen versuchte er es sogar mit Dialog.
„Steigen Sie in die Maschine.“ Früher hätte er den Delinquenten ohne viel Federlesens, mit einem Tritt in das Raumschiff befördert. Doch, seit die Anträge für das Blaue Formular in die Höhe geschossen waren (Blaue Formulare betrafen den Antrag auf Entlassung aus dem Dienst),
war Pemperton zu mehr Diplomatie angehalten worden.
„Nein, ich werde nicht in diese Todesfalle steigen!“
„Und doch, das werden Sie tun! Bitte, steigen sie in diese Tod....Testmaschine, bitte!“
Stephen schüttelte den Kopf, worauf der Kopf des Sergeants noch rötlicher wurde.
Die Diplomatie, an die doch nur Pazifisten und Schwachköpfe glauben, war gescheitert,
worauf Pemperton es mit Juristischen Tricks versuchte.
„Sie haben sich freiwillig, genau wie alle anderen Testpiloten auch, gemeldet. Und jetzt, haben Sie es sich einfach anders überlegt. Wir werden uns sicherlich nicht ihren Launen unterwerfen, Maat.
Also, zurück in die Maschine.“
Stephen ignorierte den, zu der im Hangar stehenden Maschine hin, ausgestreckten Finger.
„Als ich mich damals freiwillig gemeldet hatte, waren alle meine Kameraden, die mit mir in einer Reihe Aufstellung bezogen hatten, einen Schritt zurück getreten, als ich was im Auge hatte und etwas abgelenkt daran gerubbelt hatte. Als ich fertig war damit, hatte mir ein Colonel die Hand geschüttelt, und mir zu meinem Mut gratuliert.
Das kann man doch nicht freiwillig durchgehen lassen!“
Pemperton wedelte trotz der Worte, mit Stephens Papieren in den Hand herum und wiederholte, wie ein wütender Papagei: Unterschrieben ist unterschrieben.
Der Bearbeitungsvorgang des blauen Formulars war eine zeitintensive Angelegenheit; da aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Telekommunikation verwenden werden durfte,
musste das blaue Formular mit der Post geschickt werden. Der Weg von Pluto zur Erde war lang,
und der Frachter alt; weswegen sehr viele Anträge in der Zwischenzeit auch wieder zurückgenommen wurden, dank der Überredungskünste der Sergeants.
Stephens Blaues Formular, war schon auf dem Weg zum Zentrum der Streitkräfte.
Aber, um den Frieden auf der Basis nicht zu gefährden, ging er doch auf Pempertons bitte ein, und machte sich auf den Weg zum Hangar.
Der neue Jäger hiess, Falcon, und in den setzte sich Stephen hinein und wartete.
Er wartete und wartete, aber Niemand aus der ihm zugedachten Crew kam.
Durch die Frontscheibe im Cockpit, konnte er Pemperton sehen, wie er sich fragend umsah, und diverse Leute anbrüllte, die ihm keine Auskunft erteilen wollten, oder konnten
Stephen konnte den Sergeant nicht hören, im Inneren der Maschine, also hatte er das Gefühl, einem
alten Stummfilm zu beobachten.
Stephen setzte sich hinter das moderne Steuer der Falcon und tat so, als würde er einen Zündschlüssel umdrehen. Mit Hilfe von Zunge und viel Spucke, simulierte er Autogeräusche und
machte einen Ausflug
Niemand wollte mit ihm fliegen, denn er galt als Unglücksbringer; sein Ruf machte sich endlich bezahlt. Als Pemperton ganz nahe der Falcon stand, und telefonierte, rief ihn Stephen von der Falcon aus an.
„Ja, wer stört?“
„Kennen Sie Einsteins Definition des Wahnsinns: Ständig dasselbe versuchen, aber andere Ergebnisse erwarten?“
Pemperton explodierte.
„Defätistengewäsch! Einstein, in welcher Einheit ist der?
Und wer ruft da an!?“
Stephen flog mit der Falcon aus dem Hangar, denn Pemperton hatte andere Probleme und achtete nicht auf ihn.
Stephen stellte sich den Autopiloten ein, und lehnte sich zurück. Die Schuhe hatte er sich ausgezogen. Auf dem Radar, war bald die Phalanx der Raumschiffe zu sehen. Zwischen jeden einzelnen dieser schwarzer Giganten, war jeweils einige Hunderttausend Kilometer Abstand, so
hatte Stephen nur einen davon im Blick.
„Vielleicht, vielleicht greift ihr uns gar nicht an, sondern wollt nur verhindern, dass wir Idioten unser Sonnensystem verlassen?“
Er rümpfte die Nase, zog das Telefon hoch und versuchte einen Anruf.