Deine Mutter ist mir Heimat, Clara. Entwurzelt wie ich bin und der eigenen Sprache verfremdet. Musik, die ich mit all den Heimatlosen teilte, selbstgebaute oder entlehnte Gebräuche, Sitten, das maßlose Trinken, der ein Ende oder Ziel suchende Rausch, die schwarzen Lederjacken, die Aufnäher, die eine Zugehörigkeit suggerierten, das Gerede um Bands und Konzerte. Entwurzelt, der originären Sprache verfremdet, aus dem Hort gezogen, weggenommen, geraubt.
Wie sehr ich die beneide, die geblieben sind, bleiben durften, für die alles so geblieben ist, wie es schon immer war und immer sein wird, scheinbar ohne Veränderung über Generationen und Äonen.
Auf der anderen Seite tun sie mir leid. Alles, was ich sah und noch sehen werde, all diese Welten und Geschehnisse und Menschen, bleibt ihnen fremd und verborgen, sie sind in ihrer kleinen Blase gefangen und werden nicht frei, und trotz des Neides, den ich hege, möchte ich nicht in dieser Haut stecken. Sie haben die Heimat, das stimmt, das Heim, die genealogisch verwurzelte Familie, die nichts anderes kennt, als – zuhause, die nie weg war, die ewig wiederkehrende Rückkehr zum allgleichen.
Hört sich an wie ein Fluch, Clara, damit kann ich dich vielleicht trösten, wenn ich das so niederschreibe. Und wenn du willst, kommst du auch einfach zu uns, wenn es dir schlecht geht, oder es geht dir gut, dann kommst du auch; es gibt die Bratwurst vom Metzger Kromm, und ich trinke womöglich einen Äppler vom Kelterer Schnabel, und dann bist du einfach da. Mir ist dann doch ein Segen zuteil geworden, als Fremder im fremden Landstrich.
Ich musste noch einmal darüber nachdenken, jetzt, im Alter – was?! Die Idiomatik verwirrt meine Zunge. Der nächste Text wird bestimmt wieder astreines Hochdeutsch, newaar?!
© Rainer M. Scholz