Nächtliches Gespräch mit einem gewissen Herrn Mephistopheles

Reportage zum Thema Erlösung

von  kirchheimrunner

Inhalt

Freitag, der 13. Spätabends, der Disput 1

Was ist Wahrheit 2

Ist Gott wirklich tot?. 4

Adam und Eva im Paradies. 5

Religion; das höchste der Gefühle. 7

Jemand kommt Mephistopheles in die Quere. 9

Also, auch nur ein Mensch. 11

Die Höllenfahrt des Nazoräers. 12

 

Freitag, der 13. Spätabends, der Disput

 

Es war ein schöner, warmer, klarer Tag Ende August. Die Zusammenkunft mit Dr. Mephistopheles war für Freitag, den 13. spätabends verabredet. Nachträglich - und nach längerem Nachdenken und schwerem Kopf; - war ich mir selbst nicht mehr im Klaren, wie und warum ich um alles in der Welt dem Treffen zu einem sophistisch philosophischen Streitgespräch mit dem hochgebildeten Mephistopheles zustimmen konnte.

Im Nachhinein - und heute Abend bei klarem Verstand; war ich mehr oder weniger darüber im Zweifel wie ich mich in Gottes Namen zu einem so fragwürdigen und dubiosen Gespräch mit unklaren Inhalten und Themen hinreißen lassen konnte; - letztlich mahnte mich mein Gewissen auch vor den sophistischen Wortklaubereien, die das Ergebnis solcher Gespräche sind.
Na ja auch wegen meiner schwachen Widerstandskraft gegenüber zwingend logischen ‚Argumenten, die mein Gast vortragen könnte um mein bisheriges Weltbild zu erschüttern.

 

Manche meiner Studienkollegen meinten sogar, dass dieser orientalische Philosoph einen unglaublich manipulativen Charakter hat und selbst althergebrachte Kernsätze der Wahrheitsfindung in Frage stellt, sie verdreht und mit unglaublicher intellektueller Gedankenschärfe ein völlig neues theozentrisches Weltbild erschaffen kann, das nach Meinung vieler trotz aller Anstößigkeit völlig konsistent und widerspruchsfrei sein könnte.

Wie dem auch sei, Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen Und mir bleibt nichts anderes übrig, als einem im besten Falle konstruktiven und erkenntnisreichen Gespräch auf theologisch- philosophischer Basis entgegenzusehen.

Ich versuchte mich zu beruhigen: Sicherlich – bei dem wissenschaftlichen Ruf des promovierten Gelehrten kann es keine Zweifel über seine akademische Reputation geben; -auch wenn in seinen, in einschlägigen Fachblättern publizierten Sachbeiträgen immer wieder und immer mehr deutlich wird, dass sich in der Summe seiner langjährigen Studien der Anschein verfestigt hat, dass er selbst auf die existentiellen Fragen der Menschheit ebenso radikal wie z.B. die historisch gesicherten Nachweise der Erkenntnistheorie für unser Gottesbild keine Rücksicht nimmt.; - sie sogar auf den Kopf stellt.


Was
ist Wahrheit

 

Nun da die Stunde der Wahrheit gekommen ist, möchte ich ein paar Worte über meinen sonderbaren Gast verlieren: Mit einer unerhörten Eloquenz und einem gehörigen Maß an Selbstbewusstsein saß er mir Pfeife rauchend und mit einem kalten Lächeln zwischen den blutleeren Lippen gegenüber.


Bitteschön mein Herr sagte er, und kam ohne Umschweife auf den Grund unseres Treffens zu sprechen:

Verzichten wir doch auf äußerliche Höflichkeiten, akademische Titel und den weihrauchschwangeren Verdiensten unserer bisherigen Arbeit an Philosophie und theologischen Erkenntnistheorien. Bleiben wir am besten restlos und ungeteilt bei uns. Bleiben wir bei und in der Wahrheit; ja dringen wir ohne lange Vorreden zu ihrem Kern vor.

Sie meinen wohl die Einzig und allein gültige Wahrheit, versuchte ich einzuwerfen um seinen Redefluss zu unterbrechen!

Doch mein Gast konterte sofort: Jeglicher Absolutheitsanspruch auf die Geltung eines einzigen Prinzips als allein richtige und eine wahrheitsgemäße Lehre ist mir vom Grundsatz her zuwider.

Dabei schüttelte der Philosoph schüttelte verächtlich den Kopf: Die einzig gültige Wahrheit, das meinen sie doch nicht wirklich! Wenn sie alleine steht, ist diese Wahrheit selten rein und niemals passend zur Lösung von Problemen. Wahrheit ist mannigfaltig und entwickelt sich; je nach persönlichen Standpunkten hin bis zu einer nahezu unendlichen Menge an konsistenten Realitäten. Aus einer Wahrheit gehen tausend andere hervor.

Ich erschrak. So eine diabolische Direktheit War ich nicht gewohnt.

Doch mein Gast ließ sich nicht durch meine Verwunderung und meinen Vorbehalten davon abhalten, mir seine Wahrheiten, Erkenntnisse – wie er ohne Umschweife bemerkte – und die „nicht zu widerlegenden Ansichten“, frei und schonungslos ins Gesicht zu sagen.

Ich war wie gelähmt. Mein Mund war trocken Ich brachte kein vernünftiges Wort heraus. Mephisto fühlte sich schon nach kurzer Zeit (zu Recht) mir grenzenlos überlegen. Er war in seinem Element, neigte den Kopf und sah mit dem krummen Blick seiner schwarzen Augen mitleidig an:

Mehr als tausend Fragen lese ich aus ihrem Gesicht, mein Bester. Ich bin dabei sie zu verwirren. Das war in keinster Weise meine Absicht.

Ich war konsterniert, ja fast fassungslos. Geben Sie mir und meiner Betroffenheit eine Minute Zeit mich zu fassen. Denn Philosophie und Logik ist doch nicht das einzige Forschungsgebiet mit dem sie sich beschäftigen.

Darum bitte ich sie in aller gebotenen Kollegialität sich zu erklären. Wie kommen sie auf solche Gedanken die alles im Ungefähren lassen. Wir betreiben doch Philosophie und nicht die Unschärferelation  der Quantenphysiker. Ist denn die Unbestimmtheit von Wahrheit ihr absolutes Credo, fragte ich meinen Gast etwas zögernd.

Richtig mein Freund! Die Wahrheit, die Sie meinen ist weder erforschbar noch erkennbar. Wahrheit ist immer abhängig vom Standpunkt des Betrachters aus, bzw. um nicht kleinlich sein, vom inneren Bewusstsein der Person. Wo und Wann ich lebe möchten sie mit der Frage nach der Unbestimmtheit klären. Sie scheinen sehr welt-erd-ort und zeitgebunden zu sein.

Ich für meinen Teil bin das Gegenteil.

Ich staunte und stutzte:

Er aber grinste in sich hinein und dozierte in einem ganz und gar hochfahrenden Ton: Ich bin immer und überall. Ich war einmal und werde immer sein. Wo auch immer!

Ich lebe nicht mit und in den Tönen der Musik wie andere, so humanistisch gebildete Menschen; nein, du liebe Zeit; - das fehlte noch! – Zurzeit und bis auf weiteres lebe ich am liebsten in der Stille – im Nichts - zwischen den Tönen von Mozarts Requiem. Dort ist es ruhig, dort fühle ich mich wohl! Dort bin ich frei! Dort gründet meine, die EINE vielfältige Wahrheit, die unaussprechlich ist. Vermutlich bin ich auch im zersprungenen Glas der Spiegel zu finden. Herrlich ist es, eitle Damen und Mädchen beim „Putz“ zu beobachten. Auch im Rauch und Feuer fühle ich mich wohl. Auch wenn sie es mir nicht glauben, in allen Religionen dieser Welt fühle ich mich wie zu Hause; - aber dazu später.

Bedenken Sie bitte: Dies alles begründet mein Wesen, meine Existenz. Wer ich einstmals war, wer ich bin und wie viele ich sein werde. Dieser Gedanke treibt sie doch unaufhörlich um. Nicht wahr?

Wie dem auch sei: Ich bin, was du sein wirst, wenn einst ein Richter erscheint, der sich deine ganze Schuld in Heller und Pfennig in die Hände zahlen lassen wird. Und was du jetzt bist; - wissbegierig, nichtsahnend und mit lächerlicher Treuherzigkeit, zuverlässig auf dem falschen Weg; ja – das war ich einst – vor langer Zeit.

Ich war wie gelähmt, ja fast versteinert. Die Dreistigkeit des sogenannten Sophisten war nicht mehr zu überbieten. Ich konnte kaum Luft holen, doch er sprach er weiter; - redegewandt – unaufhörlich – ohne Pause - wie ein Wasserfall. Mir war sofort klar:

Nur eins ist wahr und sehr gewiss, lebendiges, betörendes und trunken machendes redendes und bitteres Wasser war in ihm. – Ein wahrhaft tödlicher Schierlingsbecher  verborgen unter einem philosophischen Deckmäntelchen. Er steht vor der Tür und klopft auch an, Aber er ist derjenige der vor dem Haus hin- und herschleicht und lauert wie ein Dieb.

 

Mephistopheles wurde ein wenig nachdenklich, denn er hatte bemerkt, dass ich ihn ein klein Wenig durchschaut habe. – Ein böser, ganz verdorbener Mensch saß mir gegenüber. Ein Mann der die Welt aus seinen Triefaugen heraus betrachtet und mit einem zum Himmel schreienden Hochmut und vergifteten Stolz.

 

Der geistige Giftmischer fühlte sich jedoch keineswegs ertappt, er versuchte einen treuherzigen Blick, der ihm allerdings total misslingen musste; dann er erklärte sich weiter mit herrisch herumfuchtelnden Armen:

 

Ist Gott wirklich tot?

 

Woher ich komme und was ist meine Profession?

Schwer zu erraten! - Aber sei`s drum, auch meine Zeit ist kostbar; - so komme ich gleich auf den Punkt!

 

Ich musste meine Geburtsstadt dort oben verlassen. (mit dem Finger zeiget er auf verärgert einen imaginären Punkt über den Wolken. Ich war noch jung; ein nassforscher, zorniger Naseweis war ich. Ein stolzer, eigensinniger Querkopf.

 

Mit meiner Ansicht über die mannigfaltigen Wahrheiten war in dort nicht mehr gelitten. Nachdem ich meine himmlische Heimat und die Sphären des Lobpreises verlassen hatte, stieg ich (eigentlich wurde ich gestürzt) - zu euch herunter und begab mich in ein hohes  Gebirge um meiner verlorenen Heimat nahe zu sein. Hier stillte ich den Durst meines Geistes, meiner Einsamkeit und der Gewissheit der Endlichkeit der Zeitspanne, in der ich mich mit meiner selbst ergötzen konnte. Tausende Jahre nährte ich dort meinen Zorn. Und als dann irgendwann einmal Adam und Eva erschaffen wurden – war es Herausforderung und ein Gebot der Pflicht für mich, beide glücklich und frei zu machen.

 

Um mich auf die Begegnung mit ihnen vorzubereiten stand ich eines Morgens mit der Morgenröte auf, trat vor dem der alles erschaffen hatte hin, schaute die Sonne und den unsichtbaren, sogenannten Schöpfer und sprach zu IHM:

 

Kein anderer ist, der dich kennt, wie du wirklich bist, auch wenn du mich verstoßen hast; - kein Geschöpf außer deinem Engelsfürst Mephistopheles, kann deine Absichten und deine Macht erkennen. Du großes Gestirn, du Spiegel und Gesicht der Allmacht; sei ehrlich: Was wäre dein Glück, wenn du nicht mich und die anderen hättest, denen du leuchtest und über denen du richten kannst. – Ein Niemand, ein Gefangener deiner Allmacht!

 

Und weil du, der du dich in Machtvollkommenheit kleidest, keinen hast außer mir, der dich erkennt wie du bist, so sage ich es zu meinem Herzen und zu allen Geschöpfen: „Bleibt mir und der Erde treu, denn es wird wirklich: Gott ist tot – und gefangen in seiner Machtfülle und in der ihm innewohnenden, einen Wahrheit.

 

Adam und Eva im Paradies

 

Dann stand ich auf und ging fort nach Eden hin. Um mir anzusehen welche Geschöpfe es sind, die ER für den Garten Eden als ihre Wohnstatt bestimmt hat.

 

Nach dem ich die beiden tage- und nächtelang belauscht und bespitzelt habe, stand mein Urteil fest: Die Beiden waren so unbefangen naiv; - in aufrechter Verbundenheit zueinander. Kein Begehren nur ein Empfangen war da in ihren Herzen. Kurz zusammengefasst: Eine schwache, zweifelnde aber im Stolz und Hochmut unersättliche Fehlkonstruktion auf geistigem Gebiet. Ein verborgenes Flüstern von mir war alles was notwendig war um diese kitschige Harmonie zu stören:

 

Was soll das unbedeutend kleine Hindernis mit dem Baum in der Mitte eures Gartens? Hat Gott wirklich gesagt? Ich dachte, er ist reiner Geist und unsichtbar und hat keinen Mund um zu reden. Ich kann es gar nicht glauben was ihr mir erzählt! Was Gott euch nicht gönnt, dürft ihr euch nehmen! Schert euch nicht um „Seine“ Eifersucht! Ihr werdet endlich mündige Geschöpfe, die selbst erkennen und dann entscheiden, was für euch „Gut oder Böse“ ist; - dafür braucht man keinen Gott!

 

Ich warf bestürzt ein:

Du hast sie also belogen und betrogen, unterbrach ich den gemeinen Schwätzer.

Mit erhobener Hand wehrte er ab: Nein, nein, belogen habe ich Adam und Eva nicht. Ihnen wurden im Nu die Augen aufgetan, und im Handumdrehen waren sie wie Gott. – Ist das nichts? Sie wussten nun selbst, was gut und böse ist; - jedenfalls für Sie selbst. Sie hatten sich an die Stelle Gottes gesetzt; nun gut! Sie haben aber das getan, was notwendig war: Sie haben ihn vom Thron ihres Herzens gestürzt. – Sie waren nun frei von aller Bevormundung und Begrenzung. Nun waren sie selbst wie Gott und konnten – nach ihrem Gusto für sich selbst entscheiden was Gut und was Böse ist. –

Was daraus geworden ist, - Mephistopheles lächelte wissend; - das kann niemand verborgen bleiben. Der Baum der Erkenntnis, - da gibt du mir sicherlich Recht – wurde seitdem von allen Generationen der Menschen leer gegessen.

Der Preis dafür: Na ja – billig war diese Angelegenheit nicht. Von diesem Tage an mussten sie sich die Liebe erkaufen. Was vorher für sie kostenlos war:

Nämlich die Freiheit der Liebe als Gottesgabe!

Eine Liebe die langmütig ist, gütig, nicht eifersüchtig, die nicht prahlt oder sich vor anderen aufbläst, die nicht den eigenen Vorteil sucht, sich niemals zum Zorn reizen lässt und zu keiner Stunde das Böse nachträgt, die sich an der allgegenwärtigen Wahrheit, die sie in sich trägt freut.

 Na ja, - ich und du wissen es: Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Und dann: Die Liebe hört niemals auf.

Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen, Treue und das ganze menschliche Gedöns mussten sie sich nun gegenseitig selbst geben. – Alles hatte nun seinen Preis.

Die armen Geschöpfe, - leid könnten sie einem tun ihn ihrer Schwachheit. Hätten Sie mich nicht als Beistand, - als guten Zuhörer, als verständigen Tröster; - aus Verzweiflung würden sie sich selbst aufgeben. 

Dafür hatten sie eine Gnade, eine Gabe, um die ich sie bis zum Exzess beneide: Ich schaute ihm verdutzt und ungläubig an. Ja, schauen Sie nur, mein Bester: Es ist die Sterblichkeit. Kein unendlich langes Leiden bei der falschen Wahl zu Gut und Böse. Ewiglanger Schlaf; - natürlich nur bis zum heraufziehen des Gerichts am Ende der Tage.

Summasummarum, Tod, Leid und Krankheit sind also zu befürworten Da sie dem Leben einen Sinn geben Heilung gegen die Unsterblichkeit. Die Abwesenheit von Leid dagegen ist nur als Aufschub für eine noch größere Seelennot.

Mir selbst bleibt die Gnade der Sterblichkeit verwehrt. Darum rate ich euch gut, liebe Menschenkinder:  Wenn es euch irgend möglich ist, verbergt euer Antlitz vor ihm und geht Schritt für Schritt weiter: liebt euch selber aus Gnade, – dann habt ihr euren Gott gar nicht mehr nötig, und das ganze Drama von Sündenfall und Erlösung spielt sich in euch selber zu Ende! – In euch selbst! - versteht ihr? Es ist ganz einfach: Werdet mit mir ein Teil jeder Macht, die stehts das Gute will und doch das Böse schafft. Adam und Eva haben es besser als diejenigen, die aus der Tiefe zu ihm Rufen; - de profundis – aber immer ohne passende Antwort zu bekommen.

Während ich überlegt habe, wie ich diesen Mephistopheles auf dem schnellsten Wege loswerden konnte, fragte er mich allen Ernstes: Guter Mann:  Sind sie nicht auch darüber erstaunt, dass unser Hoffen und Glauben nur auf zweierlei hinauslaufen kann, als das nicht zu beweisende und fragliche Wesen Gottes und damit eine Einladung zu einer strikten Verneinung der Güte und Allmacht eines Gottes, der nichts mehr zu sagen hat, und wir uns gedemütigt vom Leiden, wiederfinden. So geht der persönliche Gott – ohne auch nur einen Finger zu rühren zu Grunde.

Als Ausweg bleibt den Menschenkindern nur als Zweites, das Bild von einem zornglühenden und Blitze schleudernden Gott. Dieser Zorn wendet sich nicht nur gegen die sogenannten Sünder; - nein der eifersüchtige Adonai straft nicht nur direkt; - nein, - viel besser: er akzeptiert, dass die Menschen selbst die Erkenntnis von Gut und Böse haben, so liefert er sie gnadenlos ihren Begierden aus.

 

Religion; das höchste der Gefühle

 

„Ich habe mich wohl schon tausendmal über diese Fähigkeit des Menschen gewundert, wie sie es schaffen, das höchste Ideal neben der niedrigsten Gemeinheit in seiner Seele hegen zu können, und beides mit vollkommener Aufrichtigkeit und zärtlicher Hingabe!“

Ich könnte mir die Hände reiben, beim Gedanken daran, was für Auswege aus diesem Schlamassel sich die Kinder Adams und Evas ausgedacht haben:

 

Das höchste der Gefühle ist die Religion: (Ich hatte ihnen ja versprochen, darauf zurückzukommen … ) Da passt alles zusammen: Der Allmächtige, der sich nicht mehr für die Menschen interessiert und der Herr des Himmels als Racheengel. Beide Bilder des Himmelsfürsten sind mir selbst sehr genehm, weil sie dem Menschen so logisch und widerspruchslos erscheinen. Ja tatsächlich: Ich liebe und fördere alle Religionen Diese bunten und widerspruchslosen Wahrheiten über Gesetze, Gebote, Opfer, Anstrengung und Buße. Religion, - mein Bester, das ist etwas ganz anderes als der Glaube.

 

Fordert doch jede Religion von den Menschen eine maßlose Gesetzestreue, die Entäußerung des Selbst, die totale Hinwendung zum Guten (was das in der jeweiligen Religion auch immer sein soll), die absolute Unterwerfung. Also lauter nicht erfüllbare Fußangeln und Stolpersteine, die Jeden Menschen, seien Sie gut oder böse dann früher oder später In meine Arme fallen lassen.

  

Nun gab es für mich keinen Zweifel mehr:

Ich hatte mir einen leibhaftigen Engel der Finsternis ins Haus geladen. Ich ließ den Kopf sinken und atmete zwei, dreimal durch um mich wieder in den Griff zu bekommen.

 

Mephistopheles amüsierte sich köstlich über mich und meine Beklommenheit:

Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd’ ich nun nicht mehr los.

 

Nun, das hättest du dir früher überlegen sollen, denn wer ehrlich und aufrichtig Erkenntnis und Wahrheit sucht, der kann wohl kaum dem Teufel für immer aus dem Weg gehen[10].

Ein kleines aber doch wichtiges Geheimnis werde ich dir verraten. Vor Jahrhunderten hatte ich ein ähnliches Gespräch wie mit dir – ja da staunst du – mit einem gewissen Hl. Augustinus. Ich hatte ihm das Buch der Laster vorgelesen. Und was meinst du, hat er mir gestanden:

„Alle Menschen haben alle Laster, sie wissen es nur nicht!“

 

Schlussendlich, um meine Argumentation abzuschließen; beachten sie bitte ernsthaft meinen Vorschlag – Der Philosoph Pascal [11]hat folgende Mutmaßungen ausgesprochen:

Was dem ganzen Christentum, immer seltsam und absolut eigenartig und unannehmbar ist; wie soll ich es sagen - wie können sie es nur glauben und annehmen und sich selbst gestatten, dass es für jemand glaubhaft und annehmbar sein könnte,– sei es Gott oder Mensch!

Es wäre wider aller Gerechtigkeit und allen guten Anstand, sich lieben zu lassen und dabei recht wohl zu wissen, dass man nur Hass und den Tod aufgrund der eigenen Sünden verdient hätte, – um von anderen, abwehrenden Empfindungen zu schweigen. –

 

"Aber dies ist eben das Reich der Gnade." – So ist euch eure Nächstenliebe eine Gnade? Euer Mitleid eine Gnade?

 

Aber gehen wir von Pascal einen Schritt weiter - von Pascal zu Nietzsche: Nun, wenn euch dies möglich ist, so sollten Christen noch einen Schritt weiter gehen: Wenn ihr das Unmögliche tut und euch selbst aus Gnade lieben könnte, – dann habt ihr euren Gott gar nicht mehr nötig, und das ganze Drama von Sündenfall und Erlösung spielt sich in euch selber zu Ende![12]

 

Ja so ist es; sagte er mit einem gemeinen, katerhaften Grinsen: Den gefallenen Menschen, die selbst Gut und Böse wählen können, ist die Selbstliebe aus Gnade unmöglich geworden. Deshalb kann ich mich selbst mit absoluter Genugtuung den gefallenen Seelen vor – und besonders nach ihrem Tode und Dahinscheiden mit Akribie widmen

Verstehen Sie? Ich hatte es mir beim Gedanken an Religionen, Gesetzten und Geboten und dem Umstand, dass die Menschen ja selbst über Gut und Böse bestimmen können, sehr wohnlich und behaglich eingerichtet.

 

Jemand kommt Mephistopheles in die Quere

 

In meinem Wohlbefinden kam wir doch irgendwann dieser sogenannte Sohn Gottes, der Nazoräer und Der Golgothiaer, der mit seinen blutigen Stigmata in die Quere; - und all meinen Werken zuvor. Erst hatte ich in weder erkannt noch konnte ich seinen Spuren folgen. Trotzdem musste ich einsehen, dass er gegen mich und meinen Untergebenen einen niederträchtigen und tückischen Mundraub veranstaltet. Es geht um die vor Gesetz und allen gültigen Grundsätzen, an Recht und Ordnung gescheiterten Menschen.

Wenn ich komme um sie zu Bestrafen und an dem Pranger zu stellen, sie ebenfalls zu foltern um einer ewigkeitslangen Strafe zuzuführen, ist er schon da! – Hier, dort, Gestern, Heute und Morgen, einfach überall; Wie aus dem Nichts!

Er zerstört mit seinen Einmischungen in die gesetzliche Ordnung jegliche Sicherheit, Berechenbarkeit und die notwendige richterlicher Autorität. Um es mit anderen Worten zu sagen Er nimmt der Gerechtigkeit jegliches Werkzeug aus der Hand.

 

Es ist wie beim Paradoxon von Zeon von Elea., dem Wettlauf zwischen dem für seine Schnelligkeit bekannten Achilles und einer sich langsam bewegenden Schildkröte.. Ich gebe es ja zu, dass der Nazoräer einen Vorsprung vor mir hat, Denn er war ja eher als ich. Allerdings bin ich viel schneller und hatte ja auch jahrhundertelang Zeit die Taten der Menschen zu wägen.

Aber kaum, wenn ich durch den tiefen Fall auch biederer Menschen den Vorsprung des Bergpredigers erreicht habe ist der schon wieder ein Stück vor mir … So muss ich immer wieder, trotz meiner Schnelligkeit hinter ihm zurückbleiben Seit über 2000 Jahren habe ich alle Hände voll damit zu tun die Fehler des Bergpredigers Zu korrigieren

 

In den letzten Jahrhunderten habe ich immer wieder Menschen verschiedenster Nationen, Geschlechter und Ansichten darum gebeten diesen Menschensohn zu ergreifen Und nicht wieder loszulassen. Wie oft habe ich ihm persönlich gebeten: Verlass endlich die Erde. Gehe zu deinem Vater, wenn du willst, aber komme nie, nie mehr wieder.

Aber er spendet unaufhörlich seinem „Heiligen Geist“! „Ein Wunder ist es, dass ein solcher Gedanke - der Gedanke der Notwendigkeit Gottes - einem so wilden und bösen Tier wie dem Menschen in den Kopf kommen konnte. So heilig, so rührend, so weise und so ehrenvoll für den Menschen ist dieser Gedanke.“ 

[13]Als ich ihn in der Wüste angetroffen hatte; - nach dem er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, fühlte ich mich ihm seit langen überlegen: Er war am Verhungern.

Er lag auf dem Boden und hatte Steine in der Hand. Nun ja, wenn der Geist verwirrt ist, so tut man, was man kann. Ich hatte Mitleid mit ihm uns sprach: Wenn du wirklich Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brot werden!

Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht!«

Wort Gottes? Offenbar meint dieser Jesus, dass Gott wirklich spricht! Na ja, da kann man nichts machen! Lassen wir ihm seinen kindlichen Glauben!

Aber ich ließ nicht locker: Ich nahm ihn mit mir mit in die Heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels; alle Juden blickten zu ihm auf. Ich meinte es gut mit ihm und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürze dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben, und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht etwa an einen Stein stößt«.

Ja mein Bester, auch ich kenne sie Bibel, die Schrift; - und zwar Wort wörtlich!


Er aber war widerspenstig. Er war ganz gefasst und sagte: Wiederum steht geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen!«

Ich wunderte mich: Kann man einen unsichtbaren Gott, der sich für die Menschen ganz und gar nicht interessiert, anfechten und wegen einer klitzekleinen Verblendung in seinem himmlischen Gemach herausfordern?


Wie dem auch sei, ich gab ihm eine letzte Chance, sein Erdenschicksal abzuwenden:

Wir stiegen auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche, alle Schätze und alle Wohlgenüsse der Welt und ihre Herrlichkeit

Mit einer noblen Geste versprach ich ihm: Dieses alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest!

Da wurde er richtig zornig, lehnte mein wunderbares Angebot ab und sprach: Verschwinde Mephistopheles, löse dich auf in Rauch, aber bitte rückstandslos Weiche, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen!«

Ich ärgerte mich furchtbar, denn er war plötzlich nicht mehr allein: Engel kamen vom Himmel und dienten ihm.

Was soll ich sagen? Eine Schlacht war verloren aber nicht der Krieg.

Es war das erste Mal, dass Mephistopheles seinen Kopf senkte und ihn von Gram beschwert in seine Hände stützte. In diesem Moment bemerkte ich es zum ersten Mal: Seine Hände waren mit Ketten gefesselt.


Also, auch nur ein Mensch

 

Aber seine gut gespielte Melancholie streifte er sehr schnell ab. Er befreite sich selbst von seiner Bekümmernis, hob den Kopf und fasste mich mit einem triumphierenden Blick ins Auge:

Sie sollten folgendes wissen:

Als dann der Nazoräer gegeißelt und mit Dornen gekrönt, mit dem schweren Kreuzbalken auf der Schulter von der Burg Antonia aus auf der Via Dolorosa einmal, nein zwei oder mehrmals zusammengebrochen war, hatte ich einen Verdacht, der mich äußerst zufrieden stellte; damals bemerkte ich es zum ersten Mal:

Er war also auch nur ein Mensch; - nichts weiter als ein armseliges, erbärmlich und geschundenes Stück Mensch.

Aber damit nicht genug! Bald dann kam ein rauschhaft enthusiastisches Lustgefühl über mich, als er am Kreuz vergeblich seinen Vater anrief:


»Eli, Eli, lema sabachthani«

Da war ich mir absolut sicher: Ein Mensch war gestorben!


Die Höllenfahrt des Nazoräers
[14]

 

Selbstverständlich folgte ich ihm, - hinunter in das Reich des Todes. Nur um sicher zu gehen!

Zuerst traf ich dort einige im Hades Gefangene: Adam, Eva, Abraham und die Erzväter, König David, die Propheten; -einer der Schächer stand auch bei ihnen und natürlich auch Johannes, genannt der Täufer. Der durfte nicht fehlen! Dieser kamelhaar-tragende und heuschrecken-essende Bußprediger hörte nicht auf, davon zu sprechen, dass die baldige Ankunft Jesu, der die Sünden der Welt wegnimmt und der Gottes Sohn ist – hier im Totenreich -, kurz bevorsteht.

Firlefanz! Aber mir soll es recht sein! Ich wandte mich an meinen Intimus Hades und befahl ihn, den Menschen Jesu in das Totenreich aufzunehmen.

Doch er feige Kerl zweifelte:

So einfach, wie du dir das denkst, ist die Sachlage nicht: Da habe ich ernsthafte Bedenken: Denk doch nach Mephistopheles: Was ist mit den ganzen Auferweckungen von Toten. Gegen das war ich – so war ich Hades heiße – vollkommen machtlos. Auch dieser Lazarus, den ich gerade verschlungen hatte, wurde mir von ihm entrissen.

 

Da trat plötzlich dieser Jesu aus der Dunkelheit heraus und rief durch das Reich der Toten: „Öffnet, ihr Herrscher, schließt eure Tore auf; diese ewig verschlossenen Höllenpforten, denn: Jetzt zieht hier der König der Herrlichkeit ein und sprengt alle Ketten.

Und nicht nur das: König der Herrlichkeit hat das Reich des Todes – ohne jeglichen Widerstand verlassen; - darüber hinaus, nahm er alle Gefangenen – von Adam und Eva bis hin zu dem gerecht genannten Schächer alle mit sich hinaus in die Freiheit. 

Das ganze Trauerspiel für mich dauerte fast 3 Tage; von Freitagnachmittag bis zum Sonntag am frühen Morgen.

Schlussendlich nahm Hades mich – ausgerechnet mich – gefangen und übergab mich dem Nazoräer.


Nun weißt du alles: Mir bleibt nur noch wenig Zeit, die Uhr tickt, bald werden mich die Erzengel in Ketten legen und mich der Vernichtung übergeben.

Mit diesen Worten verschwand mein „Gast“ – er verschwand auf nimmer wiedersehen.

So hatte dieser Abend doch noch ein gutes Ende. Die Erde ist also noch nicht fertig – noch lange nicht, - und

wenn es das Böse und den Teufel gibt; - muss es auch einen guten Gott geben.


 

20. Januar  2026
© Hans Feil

Quellenangaben:


Werner Heisenberg: Ort und Bewegungszustand eines Teilchens können prinzipiell nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden. Mit anderen Worten: Eine gleichzeitige Bestimmung von Ort und Bewegungszustand (der Zeitpunkt, an dem sich ein Teilchen an einem bestimmten Ort befindet.)  eines Teilchens ist nur möglich, wenn für beide Größen eine Unbestimmtheit in Kauf genommen wird.

 

Lebendes und redendes Wasser ist in mir: Aus dem Brief an die Römer von Ignatius von Antiochien (+ nach 107). Der Geschichtsschreiber Eusebius, berichtet, dass Ignatius in Antiochien zur Regierungszeit des römischen Kaisers Trajan (98–117) verhaftet und nach Rom gebracht worden sei. Dort sei er im Circus Maximus von Löwen zerrissen worden.

 

Der Verurteilte leerte den Becher und führte damit selbst seinen Tod herbei. Mit dem Begriff „Schierlingsbecher“ wird hauptsächlich die Hinrichtung des Sokrates 399 v. Chr. verbunden. 


Also sprach Zarathustra – Ein Buch für Alle und Keinen

 

Bibel 1 Korinther  13

Friedrich Nietzsche Morgenröthe Kapitel 79


Edmund Gustav Albrecht Husserl


 Die Brüder Karamasoff, Fjodor Michailowitsch Dostojewski Quelle: https://beruhmte-zitate.de/werk/die-bruder-karamasow-6188/


  Goethe, der Zauberlehrling

[10] Die Aussage, dass „Wer ehrlich und aufrichtig Erkenntnis und Wahrheit sucht, der kann wohl kaum dem Teufel für immer aus dem Weg gehen. – Bertrand Russel, - der betont, dass die Suche nach Wahrheit nicht von moralischen Bedenken eingeschränkt werden sollte.

 

[11] Blaise Pascal (*19. Juni 1623 in Clermont-Ferrand; † 19. August 1662 in Paris) war ein französischer MathematikerPhysikerLiteratErfinder und christlicher Philosoph.Bis heute gilt Pascal als wortgewaltiger Apologet des Christentums und Verfechter einer tiefen christlichen Ethik. Kritiker des Christentums wie der Abbé Meslier oder Voltaire haben ihn daher früh als hochrangigen Gegner attackiert. 1793 wurde sein Grab in der Kirche St-Étienne-du-Mont geschändet.

 

[12] Friedrich Nietzsche Morgenröthe Kapitel 79

[13] Die Versuchung Jesu in der Wüste wird bei Matthäus (Kapitel 4,1- 11 ) und bei Markus (Kapitel1, Verse 12-13) und bei Lukas (Kapitel 4, Verse 1-13) beschrieben.



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