Das missverstandene Autorengenie

Text

von  Wastl

Er oder sie? Egal, nennen wir ihn ausnahmsweise einen „Er”. Ja, er, der Schreiberling, der sich Tag und Nacht abmüht, die Wahrheit wahrheitsgetreu zu schreiben, als hätte er Angst vor der ewigen Verdammnis, wenn er sich nicht daran hält. Und nun schreibt er die ganze Zeit nur noch wahrheitsgemäße Dinge, was seine Handvoll Leser auf die Dauer langweilt. Könnte er denn nicht wenigstens ein bisschen die Wahrheit verändern? Oh Gott, 'niemals' antwortet der Dichter in seinem Kopf auf diese vermeintlich gestellte Frage.

Schon wie sie ihn anschauen, wenn er sein Wahrheitszeug auf einer dieser Vorlesungsveranstaltungen vorliest! Eine große Mehrheit des gemieteten Raums der Volkshochschule in einer Grundschule verlässt diesen, sobald er sich ans Rednerpult stellt. Übrig bleiben nur noch fünf oder sechs, also seine persönliche Leserschaft. Und nun sitzen sie alle mit einem leicht enttäuschten Gesichtsausdruck da, wegen der starren Haltung ihres Nochlieblingsautors, sich ausschließlich nur mehr an die Wahrheit zu halten.

Es ist einfach nur mehr langweilig, ihm zuzuhören, aber man will ihm ja auch nicht die wenigen Leser nehmen, die er noch hat. Mitleid spielt dabei eine große Rolle. Und dann diese Stühle, auf denen die Volkshochschulbesucher sitzen müssen. Kaum einer ist ganz, alle irgendwie lädiert, manche angebrochen. Es gibt halt kein Geld, muss alles in die Ukraine, damit die bösen Russen ... Ihr wisst schon.


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Kommentare zu diesem Text


 Nuna (03.11.26, 12:39)
Ob jemand der vorträgt die Zuschauer fesseln kann liegt bestimmt an nicht wahrheitsgemässen Aussagen sondern eher an Authenzität.
Als Beispiel eine Freundin von mir gibt Lesungen über ihr privates Schicksal ihrer Brustkrebsoperation mit authentischem Inhalt. Gemischt mit Geschichten aus ihrem Leben in denen sie manchmal ein bißchen übertreibt. Sie ist einfach echt und der Funke springt über...mit einem weinenden und einem lächelnden Auge und grosser Hochhachtung vor ihrem Mut gibt sie Betroffenen die Möglichkeit der Reflektion.

Als zweites Beispiel kann ich gute Poetry Slammer nennen  die ebenfalls Publikum in ihren Bann ziehen mit Geschichten aus dem Leben.

Nicht jeder ist eine Rampensau. Viele sensible und scheue Menschen wirken nunmal nicht charismatisch.

Du auch Daniel?
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