KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 28. März 2026, 22:25
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Mein Weg zum Kaiserplatz

877. Kolumne
 
Wenn ich durch die Straßen meiner geliebten Stadt Bonn gehe, komme ich laufend an Stellen vorbei, wo ich Wichtiges und Schönes erlebt habe. Und dann sind die Erinnerungen da. Erinnerungen an ganze Zeiten, Phasen, Schlüsselerlebnisse. Allein auf meinem täglichen Weg von der Wohnung in die Stadt zum Café Fürst begegne ich meiner Vergangenheit rund 20 mal ... Nach 300 Metern schon gehe ich an dem Haus vorbei, wo mein Vater als Medizinstudent wohnte und wo ich ihn 1954 besuchte, als ich 9 Jahre alt war. Ich überquere dort die Reuterstraße (Reiter!) und gelange in die Schumannstraße, hier beginnt die Südstadt mit den vielen alten Häusern; entstanden um 1900 sehen sie aus wie die Häuser in dem Viertel von Halle, in dem ich meine Kindheit verbrachte. Schumannstraße ... ich muss an das Klavierkonzert a-moll denken ... Einige Schritte weiter kommt rechts die neoromanische Elisabeth-Kirche ... und ich denke sofort an die Elisabeth in meiner Studentenzeit, sie nähte mir meine Hemden auf Taille ... Neben der Kirche steht seit einiger Zeit einer der vielen eisernen Bonner Bücherschränke, in denen gelesene und ungelesene Bücher eingestellt sind – zum Mitnehmen, so viel man will – dazu später noch mehr. An der Ecke zur Lessingstraße liegt das kleine Café-Restaurant extro, gegenüber der Poststelle. Im extro gibt es italienisch-asiatische Gerichte, Wein, Bier, Café den ganzen Tag bis in den Abend – um das Eckhaus herum stehen einige Tische. Im Sommer sitzt man draußen unter den Platanen, die sich über die Straße und die Vorgärten wölben. Sie geben Schatten. Ich gehe weiter und komme auf der rechten Seite zur Nr. 13. Dieter Penning
Nun biege ich rechts ab und gehe zur Schranke, überquere die Schienen und bin in der Kaiserstraße. Dort gehe ich stadtwärts. Bei der Weberstraße ist direkt neben den Schienen der Bahn ein großes Wandgemälde mit einem jungen Beethoven, dessen Hände über die Tasten eines Klaviers rasen. Ein paar Meter weiter die Nr. 83. Dort wohnte ich mit meinen Großeltern, Mama Louise und Carl, nach unserem Aufenthalt im Flüchtlingslager Loccum in einem Zimmer mit zwei Betten - ich schlief auf einer Decke auf dem löchrigen Zimmerteppich; für ein paar Monate, ehe wir in die Hochkreuzallee 107 in Bad Godesberg einzogen, wo wir zwei Zimmer hatten. In der Kaiserstraße las ich Prinz Eisenherz. Ich ging oft in den Kaufhof in die Spielwarenabteilung, Rolltreppe aufwärts in die oberste Etage - dort standen Prinz-Eisenherz-Figuren, Sir Gawain, Tristan, Prinz Arne ... Es geht weiter in der Kaiserstraße, vorbei an den wilhelminischen - rechts kommt das Gelände, wo die Mensa der Uni stand (jetzt wird neu gebaut), und weiter oben in der Nassestraße ist das Ostasien-Institut, in dem ich mit Kubin war vor ein paar Jahren, als er zwei chinesische Dichter vorstellte - nun komme ich an der nächsten Schranke vorbei, links die Königstraße, da gab es in einhundert Metern die Kerze, ein Kellerlokal, wo mir Regina Handkes Gedichtband DIE INNENWELT DER AUSSENWELT DER INNENWELT schenkte, es war ein Abschied. Weiter Kaiserstraße. Links kommt der BuchLaden 46, wo wir, die Redaktion der Zeitschrift Dichtungsring, 1995 unsere 25. Ausgabe präsentierten. Und erst im letzten Jahr war ich wieder einmal Gast einer Lesung von Wolfgang Kubin. In dieser Buchhandlung arbeitete einst Martin Schulz, der später Präsident des Europaparlaments und Vorsitzender der SPD wurde ... Einige Schritte weiter, auf der rechten Seite das noble Geschäft für Schallplattenspieler und CD-Player; dort kaufte ich letztes Jahr ein Sonoro-Gerät ... links gegenüber war einmal die student travel agency (sta), wo ich 1970 meinen ersten Flug in die USA buchte. Wieder rechts: das Café Sahneweiß, wo ich schon einige Male mich mit Kubin traf, wir tranken Bier und redeten über China. Ein paar Meter weiter ein Waschsalon, den es jetzt nicht mehr gibt, vor drei oder vier Jahren las dort Gerd Willée für die kranke Eje Winter aus ihrem KASPAR-Roman. Wieder auf der gegenüberliegenden Straßenseite war der Spanier, den es schon ewig nicht mehr gibt - in den 60er Jahren gingen wir dort essen, weil es billig war. Hier beginnt der Kaiserplatz.

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