Auswilderung einer Luchsdame

Text

von  Wastl

Schon als Kind habe ich den Luchs zu meinem Lieblingstier gewählt. Vielleicht lag es an den spitzen Ohren, die wie feine Pfeile nach oben zeigen.

Vor einer Woche sah ich einen Film über ein sehr junges Luchskätzchen, das verletzt in der Wildnis gefunden wurde. Es war so winzig, dass es auch eine Wildkatze oder eine Hauskatze hätte sein können – wären da nicht der verräterische Stummelschwanz und die seltsamen Ohren gewesen. Die Familie pflegte das Kätzchen gesund und hielt es so lange, bis es groß genug war, wieder ausgewildert zu werden.

Nachdem man die ausgewachsene Luchskatze im Auto zu einem entfernten Wald gebracht hatte, kam es zu einer erstaunlichen Szene. In der Nähe war ein interessiertes Luchsmännchen, zu dem sich die Luchsdame offenbar hingezogen fühlte. Verunsichert blickte die Katze die Pflegefamilie an. Mit Handzeichen zeigte sie ihr, dass sie sich entfernen und das Abenteuer in der Freiheit wagen solle. Daraufhin ging die Luchsdame auf das Männchen zu.

Erstaunlich war für mich, dass die Luchsdame die Absichten der Pflegefamilie zu akzeptieren schien und diese dann verließ. Zum Glück war das Interesse (dank der Verführungskünste des Luchsmännchens) offensichtlich nicht einseitig, denn sonst wäre das Auswildern womöglich schwerer geworden.

Nach einiger Zeit – ich weiß nicht mehr genau, wie lange – stand das Luchsweibchen plötzlich vor der Haustür der Pflegefamilie. Die Familie konnte es kaum fassen, denn der Wald, in dem sie das Tier ausgewildert hatten, war viel zu weit entfernt, um von dort zum Haus der Pflegefamilie zurückzufinden. Zudem war die Luchsdame nicht allein. Hinter ihr quietschten drei winzige Luchskinder. Da wurde der Familie klar: Die Luchsmama hat den sichersten Ort für die Aufzucht ihres Nachwuchses gewählt.

Heute denke ich, dass Wildtiere intelligenter sind als Haustiere, weil sie viel mehr Herausforderungen meistern müssen, um zu überleben. Und tatsächlich sah ich, wie der Luchs nicht nur die Tür mit der Pfote öffnete – wie man es auch bei manchen Hauskatzen sieht – sondern sie auch wieder hinter sich schloss. So etwas hatte ich bei Hauskatzen noch nie gesehen. Ja, darüber habe ich wirklich gestaunt.


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Kommentare zu diesem Text


 Fridolin (20.01.26, 05:03)
Herzerwärmend.
Danke für diese Geschichte.

 Wastl meinte dazu am 20.01.26 um 21:42:
Gern!

 Oggy (20.01.26, 10:52)
Wir hatten Hauskatzen, die das Licht an- und ausschalten konnten (an einem Band).
Es war ihnen nicht auszutreiben...

Danke für die schöne Geschichte!

 Wastl antwortete darauf am 20.01.26 um 21:42:
An- und ausschalten ... wow, toll!!! Freut mich, dass sie Dir gefällt.

 Citronella (20.01.26, 11:48)
Moin Wastl, 

die uralte Geschichte: Sicherheit statt Freiheit. Aber sie hat es wenigstens versucht. Was man heute von sehr vielen Menschen nicht sagen kann.  :ermm:

LG Citronella

 niemand schrieb daraufhin am 20.01.26 um 13:38:
@ Citronella
Irgendwie lieb diese Geschichte, aber auch ziemlich dreist und dem Menschen [manchen auf jeden Fall] ähnlich. Sich kurz mal in der Freiheit zu vergnügen [ist ja nix gegen einzuwenden] aber dann die Pflichten mit anderen Teilen, oder diese auf die anderen abschieben.
Insofern war die Luchsdame sehr, sehr menschlich. Sie wußte wo sie versorgt wird, samt Nachwuchs.   :P Sag keiner Tiere sind uneigennützig. Ich habe Erfahrung mit "selbstlosen" Katzen und
was ich ein Luchs schon anderes als eine Katze  ;)

 Wastl äußerte darauf am 20.01.26 um 21:55:
Ich wuchs mit meinen Eltern mit insgesamt zusammengezählt 12 Katzen (hintereinander - manchmal drei gleichzeitig) auf. Darunter war tatsächlich eine altruistische dabei, die sich gern für die anderen fast schon 'aufopferte'. Eine andere war superegoistisch und auch gemein (war vielleicht auf eine ältere eifersüchtig und ... nun ja, war nicht schön, ihr Verhalten). Dann lernte ich später in einer Katzenausstellung eine siamesische Kurzhaarkatze kennen, ein Männchen namens Joschi. Der war auch irgendwie altruistisch. Wir beide verstanden uns gegenseitig sofort. Wenn ich ihn aufforderte mit mir auf und abzugehen, ging er mit mir wie ein dressierter Hund immer an meiner Seite - war so eine Art Vertrauensding. Ich wollte ihn von einer Millionärin kaufen, die vielleicht zwanzig Katzen zuhause hatte. Sie willigte ein, doch als ich dann sie besuchte um Joschi abzuholen, überlegte sie es sich dann doch wieder anders (hundert Kilometer umsonst mit dem Zug gefahren). Joschi war nämlich in seiner Funktion so etwas wie ein Mediator unter den anderen Katzen. Er war so eine Art ruhender Pol, an denen sich die anderen orientierten. Das habe ich auch verstanden und akzeptierte es, dass er dort blieb. Die anderen 'brauchten' ihn mehr, als ich. Na ja, ich vermisse ihn schon ein wenig, weil ich so einen guten Draht zu ihm hatte. So was ähnliches hatte ich auch mit ein paar Hunden: Dana, Boomer, ein russischer Schäferhund, etwas die autistische Grazy (junger Schäferhund der ständig um sich herum im Kreis lief, wenn ich mit ihm spazierte - weil er zuvor verwahrlost in einer Wohnung war). Als ich den Film mit dem Luchs sah, kamen Kindheitserinnerungen hoch. Die Luchsdame fand ich erstaunlich intelligent und auch sehr liebenswert, besonders wie sie mit der Familie spielte und zärtlich schmuste. Hat mich sehr beeindruckt.

 DavidW (20.01.26, 12:01)
Jaja, und wenn es dann irgendwann zu viele geworden sind, Wölfe, Luchse, Killerwale, dann brauchts wieder mehr Jäger.

(nichts gegen die Natur, Wildnis, Artenvielfalt, im Ggteil.)

Aber man kanns ja auch übertreiben.)

 Moppel (20.01.26, 18:15)
was für eine berühremde Geschichte. lG von M.

 Wastl ergänzte dazu am 20.01.26 um 21:56:
Freut mich, dass es Dir gefallen hat.
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