Die Rohrreiniger kommen mir nicht ins Haus! Und was dann passierte ...

Kurzgeschichte zum Thema Hilfe/ Hilflosigkeit

von  tastifix

Früh des Morgens, kurz bevor der Herr des Hauses zum Dienst und die Tochter zur Schule aufbrachen, lief das Wasser in der Spüle nicht mehr ab:
„So`n Mist. Nicht schon wieder! - In der Wand ist was verstopft, die Rohrreinigung muss her!“
„Nee, auf keinen Fall. Es gibt doch bestimmt noch ne andere Möglichkeit ... “, schielte ich hoffnungsfroh zu meiner Tochter. Sie kannte so manchen Kniff.

„Mama, gieß Cola mit einer Pfefferminztablette rein!“
„Bloß das nicht. Dann schießt der Dreck meterhoch!“, bremste sie ihr Vater.
Zweifelnd betrachtete ich meine blitzblanke Hochglanzküche. Nein, dafür war sie mir zu schade.
Der Rest der Familie verschwand und überließ mir so die Lösung des Problems.

Kurz entschlossen kochte ich etwa zwanzig Liter Wasser und kippte es mit schwungvoll ins Spülbecken. Anstatt, dass es in der Wand einen Lösungsprozess bewirkt hätte, spritzte das brodelnde Nass nach allen Seiten und mir prompt ins Gesicht als auch über Arme und Hände, die sich in Nullkommanix leichtrot färbten. Auf der Haut bildeten sich mehrere winzige Brandblasen, die in dem Moment aber heftig brannten.

Mit der Tapferkeit einer Verzweifelten ignorierte ich es und goss immer weiter, natürlich ohne jeden Erfolg. Der See eroberte den Boden, meine Küche wurde zum Schwimmbecken. Dann aber wurden die Scherzen zu heftig, ich trug eine Salbe auf und verpasste mir ein Mullbindenkleid vom kleinen Finger bis zum Oberarm sowie vom Hals bis unter den Pony. Immerhin noch achtete ich sorgfältig darauf, dass wenigstens zwei Schlitze für die Augen sowie zwei Löcher für die Ohren frei blieben. Meinem Spiegelbild im Bad flüsterte ich zu:
„Siehst aus wie eine tote Mumie!“
Mittlerweile fühlte ich mich seelisch dermaßen matschig, dass ich die Blödsinnigkeit dieser Feststellung gar nicht mehr feststellte.

In der Küche erwartete mich keinesfalls mehr ein heißes Bad. Auf den kühlen Fliesen war das Wasser rasch abgekühlt. Frustriert tappte ich, auf dem rutschigen Boden mühsam die Balance haltend, durch das knöcheltiefe, inzwischen mordskalte Nass zum Putzschrank.
„Kneipp-Kuren sind ja gesund. - Und Kälte nimmt Schmerzen!“

Es brachte mich auf eine Idee. Im Mund den Henkel des Putzeimers mit dem Wischlappen, robbte ich wie ein Seehund in Richtung der Spüle und tauchte immer abwechselnd mein Gesicht und die Arme in die mich umwogenden Eiswasserwellen. Wie ich gehofft hatte, linderte die Kühlschranktemperatur des inzwischen klitschnassen Mulls das Brennen, verwandelte mich jedoch ruckzuck in einen tropfenden Stalagtiten, den allerdings die Tatsache, dass er sich von der Stelle zu rühren vermochte, von seinen Namensvettern in den bekannten Höhlen deutlich unterschied.

„Zudem schlottern die nicht vor Kälte!“, murrte ich.
Meine Zähne dagegen klapperten eine bemerkenswert laute Klappermelodie und ich überprüfte besorgt, ob die Beine und Arme etwa bereits halb abgestorben waren. Vorsichtig bewegte ich den rechten kleinen Zeh und hob den linken Arm:
„Puuh, Glück gehabt!“

Die Wischarbeit nahm ich denn mitnichten mehr auf, sondern wackelte ins Badezimmer. Hastig schnitt ich mir die Arktis-Verbände vom Körper.
„Ist direkt wieder nen bisschen wärmer!“
Trotzdem noch zitternd und plötzlich heftig niesend verkroch ich mich, bewaffnet mit einer extra großen Wärmflasche, ins Bett, deckte mich mit drei riesigen Oberbetten bis zur Haarspitze zu, hörte auf zu frieren und fing an zu tropfen - diesmal vor Hitze.
´H...Hahahaatschi!!`
„Nicht mit mir. Tote Mumien werden nicht krank!“, hämmerte ich mir ein und vergaß zum zweiten Mal, welchen Unsinn ich da redete.

Vorsichtshalber verblieb ich den restlichen Tag in meinem selbst gewählten Backofen. Gegen Abend nieste ich nicht mehr und fühlte mich fast wieder okay, zumal die Brandsalbe eine sehr gute Wirkung zeigte. Schließlich verließ ich den schützenden Schwitzkasten und marschierte mutig und guter Hoffnung vor meinen Schneewittchenspiegel.
„Sag an: Wer sieht am gesündesten aus in meinem Haus?“
„Der Papa deines Kindes in seinem Büro und deine Tochter in der Schule sehen gesund aus, aber du hier vor mir siehst tausendmal gesünder aus als sie!“

Misstrauisch beäugte ich mich. Mir sah, wie auch sonst immer vor diesem verrückten Tag, etwas Wachsbleiches entgegen.
„Eine Leiche auf Urlaub!“
Ich war zufrieden. Der Spiegel hatte die Wahrheit gesagt.

Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (18.01.10)
20l Wasser wiegen auch ohne den großen Topf, in dem man es kochen kann, 20 Kilo. Das ist so wenig nicht. Und die will die Protagonistin "schwungvoll" ausgekippt haben? Was ist das überhaupt für eine bescheuerte und damit etwas unglaubwürdige Idee, heißes Wasser würde Rohrverstopfunden lösen???

 tastifix meinte dazu am 26.04.10:
Hallo Dieter!

Hältst du einen vollen Eimer Wasser schräg, kriegt das Wasser von ganz allein tüchtig Schwung.
Übrigens habe ich diese bescheurte Idee von den Rohrreinigern höchtpersönlich bekommen und es hat auch schon öfters dazu beigetragen, dass sie erst gar nicht kommen mussten.

Gruß Gaby

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 26.04.10:
Danke für den Hausfrauentipp, ich habe bei Rohrverstopfung bisher nur möglichst heftige Chemie nachgekippt...
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