Heimzeit (1)

Geschichte zum Thema Kinder/ Kindheit

von  Ganna

Wenn mich jemand nach meiner Kindheit fragt, kann ich nur sagen, sie war schrecklich, ausgenommen der drei Jahre, die ich in einem Internat verbringen durfte.

Ich war gerade 11 Jahre alt, als völlig unverhofft dieses große Wunder geschah…ich kam in ein Kinderheim.
Meine Eltern hatten beschlossen, drei Jahre ins Ausland zu gehen. Was sie dort machen würden, verrieten sie nicht. Für mich war das nicht weiter verwunderlich, da sie Kinder für zu unwürdig befanden, um mit ihnen zu reden. Sie sprachen nie mit mir und meine Angst vor ihnen war so groß, dass ich es nie gewagt hätte, mein Wort an sie zu richten, um sie etwas zu fragen.

Sie gingen also ins Ausland und für mich begann eine abenteuerliche Zeit in ungezügelter Freiheit, eine glückliche Zeit, für die ich sehr dankbar bin und ohne die ich nicht überlebt hätte. Die Erinnerungen an diese drei Jahre gestalten sich möglicherweise vor dem Hintergrund der beklemmenden Verhältnisse in meinem eigentlichen Zuhause derart phantastisch, aber wie auch immer, noch heute denke ich gerne an diese Zeit zurück und ich wünschte, solches Erleben sollte jedem Kind mit auf den Lebensweg gegeben werden.

.

Unser Heim befand sich im alten Gutshaus in dem kleinen Ort Cöthen bei Bad Freienwalde. Insgesamt waren zu meiner Zeit 64 Kinder dort untergebracht. Die Jungen, die in der Überzahl waren, hatten ein eigenes Gebäude. Die Mädchen bewohnten die obere Etage des Haupthauses, in dem sich auch die Gruppenräume, die Verwaltung, die Aula, sowie die Küche und der Speisesaal befanden.

Es gab noch ein kleines Gebäude, in dem unsere Wäsche gewaschen wurde und zwei neu gebaute Mietshäuser für die Erzieher, Köche und den Busfahrer, denn ein kleiner Bus gehörte zum Heim, mit dem die älteren Kinder in die Oberschule nach Bad Freienwalde gefahren wurden.

Dieses Heim lag am Rande des Ortes mit etwa 60 oder 80 Einwohnern, dessen einzige Straße fast ganzjährig im Schlamm versank und nachts in völliger Dunkelheit lang. Es gab weder Bürgersteige noch Laternen. In der Mitte des Dorfes stand links von der Straße eine kleine Schnapsfabrik, die einen süßlichen Geruch verbreitete und für uns nicht weiter interessant war. Am Ende des Dorfes, noch hinter der Schinkel-Kirche, lag ein alter Friedhof fast im Wald verborgen. Dort besuchte ich die Gräber, die bis ins 17. Jahrhundert und weiter zurückreichten. Deutlich ließ sich an den Geburts- und Sterbedaten ablesen, wann ein Krieg oder eine Epidemie das Dorf heimgesucht hatte. Dann starben ganze Familien und viele Kinde im selben Zeitraum. Ich fand sie sehr geheimnisvoll und anziehend, diese sichtbaren Zeichen von Leben vor meiner Zeit.

Die Dorfkirche wurde vom berühmten Baumeister Karl Friedrich Schinkel gebaut und steht heute wieder in altem Glanze da. Die Dorfbewohner hatten sich vor einigen Jahren zusammengeschlossen und für die Restaurierung ihrer Kirche gekämpft, Gelder gesammelt, selbst mit Hand angelegt und Förderungen eingefordert. Damals aber, vor fast 50 Jahren, war das schöne Bauwerk hinter wildem Gestrüpp- und Baumwuchs kaum auszumachen. Cöthen dürfte der kleinste Ort Deutschlands sein, der ein Bauwerk des Baumeisters Schinkel vorweisen kann.

.

Die Leute im Dorf waren arm zu Ostzeiten in der Mitte der 60er Jahre, ihre Wohnungen dunkel und klein und wer einen Fernseher besaß, fühlte sich vom Leben begünstigt. Eine alte Frau wohnte in einer so kleinen und schiefen Lehmkate, deren Fenster sich nur wenig über dem Erdboden befanden, dass ich verwundert darüber war, dass jemand so unkomfortabel wohnen konnte.

Links vom Heim hatte ein Bauer seinen Hof. Bei ihm wohnte Julius, ein Verrückter, der das Pferdefuhrwerk kutschierte. Julius mochten wir alle sehr gern. Er konnte nicht sprechen, lachte dafür aber den ganzen Tag und war immer fröhlich. So freuten wir uns übereinander, er sich über die Kinder, die ihn so stürmisch begrüßten und wir uns über ihn und seine Fröhlichkeit.

Im Dorf gab es weitere Menschen, die nicht sprechen konnten. Eine Familie vergrößerte sich jedes Jahr um ein weiteres Kind. Diese sahen alle gleich aus, so dass man sie schlecht unterscheiden konnte. Sie trugen alle schmutzige Kleidung, denn wahrscheinlich hatte diese Familie noch keine Waschmaschine. Der Vater musste 12 oder 14 Kinder ernähren und das war bei dem geringen Lohn auf dem Dorf eigentlich unmöglich. Das Kindergeld betrug damals etwa 20 Mark pro Kind und Monat. Weitere Hilfen dürfte es nicht gegeben haben. Die Mutter konnte unmöglich all die anfallende Wäsche bewältigen.
Außerdem hatte sie immer ein, zwei, wahrscheinlich sogar drei Kleinkinder, die alle noch gewindelt werden mussten. Es gab zu dieser Zeit nur Stoffwindeln, die man täglich ausgekochen musste. Auch Fertiggerichte für Kinder waren unbekannt.

Die Kinder hatten so komische großväterliche Namen wie Paul, Walter oder Willi. Unsere Jungen hießen Michael, Karl-Heinz, Norbert, Jürgen oder Edgar. Bis auf zwei waren alle Kinder dieser Familie Jungen. Keines der Kinder konnte sprechen, auch wenn sie alle Tage in die Schule gingen. Unsere Jungen machten sich lustig über ihre Namen und die armen wussten nicht, wie sie sich wehren konnten.
Dann kam einer der Jungen mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus und musste dort mehrere Wochen verweilen. Als er wieder nach Hause entlassen wurde, trug er nicht nur saubere Kleidung, er konnte auch sprechen!
Das beeindruckte mich sehr, war es doch der deutliche Beweis dafür, dass diese Kinder nicht dumm waren, sondern sich infolge der Verhältnisse nicht besser entwickeln konnten…und, dass auch die Schule ihnen nicht dazu verhalf sprechen zu lernen!

Der weitaus interessanteste Mann aber wohnte in Falkenberg, dem Ort, in dem unsere Schule lag. Er war sicherlich schon über die 50, vielleicht über 60 Jahre alt, groß gewachsen, blind und ihm fehlten beide Hände. Die Leute erzählten, er sei in jungen Jahren in die Tochter des Gutsherren verliebt gewesen, eben dieses Gutsherren, in dessen Haus wir wohnten. Dieser habe ihm die Augen ausstechen lassen, damit er das Mädchen nie wieder anschauen könne und die Hände abhacken lassen, damit er sie nie wieder berühren könne.
Er verbreitete eine Aura der Ehrfurcht um sich. Wenn wir ihn nahen sahen, verstummten wir alle. Niemand traute sich, ein Wort zu sprechen.
Bei jedem Wetter zog der blinde, große Mann in den Wald, um Holz zu sammeln. An langen Eisenketten zog er es zusammengebunden hinter sich her. Was für ein schweres Schicksal er trug, um seine Liebe betrogen und ein ganzes langes Leben gestraft, dachte ich...und neben der Schwere seines Schicksals fand ich diese Geschichte sehr romantisch.

Kommentare zu diesem Text


 Jorge (31.10.13)
Was für eine wunderbare Schilderung über die Heimzeit.
Allein die Geschichte des blinden Mannes, der im Alter würdig, ehrwürdig und mühsam Holz sammelte ist für mich lesenswert.
Eine tolle Prosaarbeit.
LG Jorge
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram