Heimzeit (2)

Geschichte zum Thema Kinder/ Kindheit

von  Ganna

Das ganze Heimgelände war von einem großen Holzzaun umgeben, in den die Kinder an geeigneten Stellen Löcher gebrochen hatten, um sich Wege in die Freiheit zu sichern. Diese Freiheit bestand neben den verschiedenen Schauplätzen im Dorf mit seinen Gärten aus einem wilden Wald, in dem eine morastige Quelle lag, so ein teichiges Loch im weichen blätterbelegten Boden, in das von den alteingesessenen Kindern zur Begrüßung alle neuangekommenen Jungen geworfen wurden. Es galt als Mutprobe, denn der Neuankömmling wurde getestet, ob er auch keine Petze war.
Für den Prüfling geschah alles überraschend. Unter einem Vorwand wurde er bei Dunkelheit mit freundlichen Worten zum Wasser gelockt und überraschend hineingestoßen. Natürlich auch bei frostigen Temperaturen im Winter. Und wenn er nicht schwimmen konnte, verfuhr man ebenso. Ritual war eben Ritual.
Petzte er hinterher nicht, war er als Mitglied der Gruppe aufgenommen und alle standen für ihn ein. Sollte er die Dummheit begehen zu erzählen, was ihm widerfahren war, hatte er nicht viel zu lachen in nächster Zeit.

Die neuen Mädchen wurden zum Einstand überraschend verprügelt. Das wiederfuhr mir etwa drei Tage nach meiner Ankunft. Ich hatte mich im Heim sofort heimisch gefühlt, die anderen Kinder hatten mich gut aufgenommen, die Erzieher waren freundlich. Schlechter als bei meinen Eltern hätte es ohnehin nicht sein können. So fühlte ich mich das erste Mal im Leben gleich unter gleichen und nicht von ständiger Angst begleitet. Das war ein fast unglaublich gutes Gefühl.
An diesem Abend der Prüfung stürmten die anderen fünf Mädchen nach der Nachtruhe in mein Zimmer, wo ich schlief und schlugen auf mich ein, gossen Wasser auf mich und in das Bett und kratzten mich mit den bösesten Worten blutig. Ich hatte keine Ahnung, aus welchem Grund der plötzliche Angriff erfolgte, doch mein Gefühl sagte mir, ich müsse darüber strengstes Stillschweigen bewahren.
Nach dieser Aktion fühlte ich mich ziemlich schrecklich. Doch am nächsten Tag waren alle Kinder wie zuvor freundlich. Es war nichts als eine Prüfung gewesen.

Vieles war für alle Kinder gleich geregelt. So erhielt jedes Kind 25 Mark Taschengeld im Monat. Das war für mich eine schier unüberschaubare Menge Geld, das ich zu meiner freien Verfügung hatte. Bezahlt werden mussten davon Briefmarken, Schreibzeug, Schulhefte, Zahncreme und Seife. Da ein Schulheft damals 10 Pfennige kostete und eine Briefmarke 20, blieb ein riesiger Rest übrig, den man für Kino, Schokolade und Brause ausgeben konnte. Der größte Teil unseres Geldes wanderte also zu Fischers.

Gleich schräg gegenüber vom Eingang zum Heim befand sich ein winziger Laden, der von zwei alten Schwestern betrieben wurde, die den Namen Fischer trugen. Wie es sich für eine solche Konstellation gehört, war die eine etwas größer und dünner und die andere kleiner und dicker. Beide trugen schwarze Kleidung und sie sahen genauso aus, wie ich mir alte Jungfern vorstellte.
Bei Fischers konnte man alles kaufen, was ein Kinderherz in den sechziger Jahren begehrte: Gummischlangen, Zuckerstangen, Teddys aus Gummi, die man lang ziehen konnte, große Cremwaffeln, süße schäumende Brause und, was noch viel besser war: Brausepulver! Dieses, eigentlich dazu gedacht, im Wasser gelöst zu werden, wurde von uns auf die Hand geschüttet und dann mit der Zunge aufgeleckt, was herrlich kribbelte.
Ganz auf ihre Kundschaft eingestellt, lagen all die begehrlichen süßen Dinge auf dem Verkaufstisch und kam eine besondere Leckerei in den Laden, dann sprach es sich bei uns schnell herum und wir rannten hinüber, um etwas zu ergattern, bevor die Lieferung alle war.

Wir waren der stärkste Jahrgang im Heim. Unsere Gruppe bestand aus 15 Jungen und sechs Mädchen. Daher waren uns zwei Erzieher zugeteilt, eine junge Frau und ein junger Mann, die wir miteinander verkuppelten, indem sie von uns in den Gruppenraum gesperrt wurden. Die Tür verbarrikadierten wir von außen, so dass sie für eine Weile dort festsaßen. Als sie nach einiger Zeit von den anderen Erziehern befreit wurden, waren sie ein Paar, heirateten später und bekamen ein Kind.

Erzieher spielten ansonsten eher eine Statistenrolle. Sie gaben sich bestimmt die größte Mühe, ihren Job ordentlich zu machen, doch genossen sie keine große Autorität und kaum Vertrauen. Das lag nicht an ihnen, sondern daran, dass sie uns ein Verhalten abringen mussten, das in vielen Fällen unserer Natur widersprach und somit Wiederstand hervorrufen musste. Es standen ihnen keine Mittel zur Verfügung, uns gefügig zu machen. Sie waren der verlängerte Arm der Eltern, die sich allesamt irgendwo im Ausland verbargen und sie mussten uns gut behandeln, was sie ein bisschen in eine machtlose Situation brachte. 

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Alle Heimkinder gingen in öffentliche Schulen. Das bedeutete für uns, die jüngeren, täglich vier Kilometer durch den Wald zur Schule zu laufen, zwei Kilometer hin und zwei Kilometer zurück…eine herrliche Gelegenheit uns auszutoben. Nur die älteren ab der 9. Klasse wurden mit dem Bus in die nahe Stadt zur Schule gefahren.

Den Weg gingen wir allein und bei jedem Wetter. Auch für die kleinen in der ersten und zweiten Klasse war dies selbstverständlich. Handys hatten wir nicht dabei, weil es damals noch keine dieser technischen Neuerungen gab. Im Winter war es sogar noch dunkel, wenn wir früh los mussten. Wir fuhren auch nicht mit dem Fahrrad, was natürlich möglich gewesen wäre. Es gab einen Fahrradschuppen auf dem Hof und einige wenige Kinder besaßen solch ein tolles Fortbewegungsmittel. Die Mehrheit von uns aber besaß kein eigenes Rad, denn eine Ausgabe für ein Fahrrad war den meisten Eltern damals nicht möglich. Auch die Dorfkinder besaßen keine Fahrräder, mit denen sie zur Schule hätten fahren können.

In diesen Zeiten waren auch die Menschen, welche etwas mehr Geld hatten, und dazu konnte man die Eltern der Heimkinder zweifellos zählen, weit vom heutigen Lebensstand entfernt. Ich besaß für die kalte Jahreszeit zwei Pullover, zwei Hosen, eine Strickjacke, einen Anorak und ein Paar Winterschuhe. Das war eine gute Ausstattung für ein Mädchen meines Alters. Meine Freundin Rita, eines der Dorfkinder in unserer Klasse, zog den ganzen Winter über denselben von ihrer Mutter gestrickten Pullover an. War dieser schmutzig, wurde er abends gewaschen und über Nacht zum Trocknen an den Ofen gehängt. Manchmal war er am nächsten Morgen noch etwas feucht, wenn Rita in die Schule kam. Als dieser Pullover dann an den Ärmeln etwas zu kurz wurde, strickte ihre Mutter einfach ein Stück an, so dass er wieder passte.
Die Kleidung wurde, wenn sie zu klein war, an jüngere Geschwister weitergereicht und wenn diese sie dann auswuchsen, bekamen sie die Nichten und Neffen oder Nachbarskinder. Neu wurde nur etwas gekauft, wenn keine andere Möglichkeit bestand. Eine neue Hose oder ein Paar Schuhe waren für die meisten eine teure Anschaffung.
Wünsche nach neuen Sachen einfach so, weil eine andere Farbe gefiel oder die Form nicht mehr modern war, konnten selten erfüllt werden. Es gab noch kein ausgeprägtes Bedürfnis nach Markenklamotten, die begehrten Levis ausgenommen, und solange ich im Heim war keinen Wettstreit, wer die tolleren Klamotten oder Schuhe hatte. Es kam vor, aber selten, dass ein Kind ein anderes mit Schokolade dafür bezahlte, wenn dieses seine Hausaufgaben machte. Doch ein Ringen nach Anerkennung der „besseren“ Klamotten wegen war unter uns unbekannt. Besitz wurde auch von uns ersehnt, hatte aber nicht die Bedeutung, dass er hätte unser Verhalten bestimmen können.

Auf dem Schulweg waren wir uns selbst überlassen. Autos gab es so gut wie keine. Wir liefen oft mitten auf der Fahrbahn, die mit runden Wackersteinen gepflastert war. Wenn das Pferdefuhrwerk mit Julius kam, hörten wir es rechtzeitig und gingen zur Seite. Keiner unserer Erzieher besaß ein eigenes Auto und auch im Dorf Cöthen selber erinnere ich mich nicht, ein Privatfahrzeug gesehen zu haben.
Manchmal liefen wir durch den neben der Straße fließenden Bach, das Fließ. Besonders Mutige krochen durch die Röhre, die an einer Stelle das Wasser dort, wo das Forsthaus stand, unter der Straße hindurchdurch führte,  so dass sie mit triefend nassen Schuhen und Hosen in der Schule ankamen. Die verantwortungsbewussten Lehrer schickten sie danach unverzüglich zum Umziehen nach Hause.

Beim Forsthaus trafen wir auf einen kleinen Rehbock, der sich allen Kindern entgegenstellte, um seine Kräfte zu messen. Der Förster hatte ihn verlassen im Wald gefunden und mit der Flasche aufgezogen. Daher kannte er keine Angst vor Menschen und sah in uns Rivalen, an denen er seine Kräfte erproben konnte. Wir hielten ihm unsere Schulmappen entgegen, an denen er sein kleines Geweih wetzte.

Im Winter lag Schnee, der erst im Frühjahr wegtaute, manchmal sehr viel Schnee. Und die Winter waren kalt. Es fiel sogar einmal die Schule aus wegen zu viel Schnee und alle Kinder mussten zum Schneeschaufeln antreten. Maschinen, die den Schnee hätten bei Seite schieben können, gab es in unserer Gegend nicht. Da fast niemand mit dem Auto unterwegs war, machte das nicht viel aus. Die Felder wurden im Winter nicht bestellt, die Leute liefen sowieso zu Fuß und das war auch, mit etwas Mühe zwar, bei hohem Schnee möglich.

Wir wälzten uns auf dem Schulweg gründlich, bewarfen uns und andere mit Schneebällen und erschienen von oben bis unten weißbeklebt im Klassenraum. Ein wunderbares Vergnügen war es, auf unseren Schulmappen den Berg herunter zu rutschen. Nicht nur wir, auch unsere Hefte und Bücher wurden dadurch schneeverklebt und nass. Auch dann mussten wir wieder nach Hause gehen, um uns trockene Sachen anzuziehen.
Auf dem Schulhof sorgten die Kinder für eine oder sogar zwei riesige Schlitterbahnen, an denen sich anstellen musste, wer darauf schlittern wollte. Die Lehrer streuten immer wieder Sand darüber, doch die Kinder schufen sich wieder neue Bahnen.

Wir waren über 40 Kinder in der Klasse, wahrscheinlich sogar an die 50. Das war damals eine normale Klassengröße. In der sechsten Klasse hatten wir noch die alten Holzbänke, die es vor dem Krieg schon gab, in denen mit kleinen Klappen versehene Tintenfässer eingelassen waren. Die Oberflächen dieser Tische waren mit Zeichen und Texten verziert, da kein Schüler es versäumt hatte, sich darauf zu verewigen. So waren sie geschnitzt und bekleckst, so dass ich keinen Platz fand für eine eigene Beschriftung. Es war nicht möglich, mein Signum darauf zu setzen, ohne ein anderes zu zerstören.
Doch ein Schuljahr später wurden unsere Schulmöbel ausgetauscht gegen blanke weiße Plastikmöbel. Diese waren für kreative Verewigungen denkbar ungeeignet.

Der Klassenraum war mit den Schulbänken ausgefüllt, die in drei Reihen nach vorne zum Lehrer hin ausgerichtet waren. Die vordere Wand war mit einer Tafel versehen, auf die der Lehrer seine Notizen machen konnte. In jedem Klassenraum gab es zwei Öfen, einen vorne neben der Tafel und den zweiten hinten an der Wand. Im Winter wurden sie jeden Morgen vom Hausmeister geheizt.

Wir nutzen jede Gelegenheit, die Schule ausfallen zu lassen oder auf andere Weise den Unterricht zu sabotieren. Einmal zerstörte ein Junge im Winter vor Beginn des Unterrichts eine Fensterscheibe des Klassenraumes, so dass unbarmherzige Kälte in den Raum strömte. Darin konnte man uns nicht unterrichten. Der Junge, der diese heldenhafte Tat beging, bekam mächtigen Ärger.
Der Hausmeister musste das Fenster reparieren, was erst möglich war, nachdem er eine passende Glasscheibe besorgt hatte. Das war ein gar nicht so leichtes Unterfangen, denn Material war knapp und nicht immer überall zu haben.

Ein Teil unserer Lehrer sorgte auf seine Weise für lustigen Zeitvertreib während der Schulstunden. Herr M. sollte uns in Physik unterrichten, kam aber gern schon etwas angetrunken in die Schule. Auch war er ein enthusiastischer Fußballliebhaber. Vor jeder seiner Stunden wurde ein Junge ausgemacht, der sofort bei Unterrichtsbeginn nach den neuesten Fußballspielen fragte. Der Lehrer vergaß allen Unterricht und redete über Fußball…zuverlässig viele, viele Unterrichtsstunden lang, so dass ich lange nicht wusste, womit sich Physik überhaupt beschäftigt.

Der Zeichenunterricht fiel zwei Jahre lang aus, weil kein geeigneter Lehrer zur Verfügung stand. Als wir dann endlich wieder eine Lehrerin hatten, drangsalierte sie uns mit unmöglichen Übungen, um jeden Schüler mit einer kreativen Ader in vorgedachte Formen zu pressen, sodass niemand Gefallen daran finden konnte. Sie schaffte es, dass es mich vor einem Unterricht grauste, an dem ich die größte Freude hätte finden können.
Ich erinnere mich daran, dass wir mit einer Pinzette kleine Stückchen vom selbstklebenden Buntpapier reißen mussten, um daraus ein Mosaik auf dem Zeichenpapier zu erstellen. Eine andere Übung bestand darin, Raumschiffe zu zeichnen. Doch die Art der Umsetzung war vorgegeben, die Richtung der Striche bestimmt, so dass ich nicht die geringste Lust hatte, meine Ideen zu Papier zu bringen. Infolgedessen erhielt ich in einem Fach, in dem ich vorher immer geglänzt hatte, schlechte Noten.

Eine junge Frau sollte uns biologisch bilden. Zu ihrem Unglück war sie klein, dick und trug ständig denselben braunen Rock. Sie war in ihrer Kinderliebe unerschütterlich. Eine ganze Bande von fast 50 Kindern hörte nicht auf sie. Die Dreisteren bewarfen sie mit Kreide oder kleinen Papierkügelchen, während die meisten einfach ihren privaten Beschäftigungen nachgingen. Ich war sicher, sie fürchtete sich vor jedem Tag, an dem sie in die Schule gehen sollte. Eines Tages fragte ich sie, weshalb sie Lehrerin geworden war….weil sie Kinder über alles liebe, sagte sie lächelnd. Und ich begriff, dass ihr diese Bande von frechen und ungehörigen Kindern nichts anhaben konnte. Vielleicht freute sie sich sogar an unserer Munterkeit…Das fand ich erstaunlich und bewundernswert.

Zum offiziellen Lehrertag am 12. Juni erfreuten wir unsere Klassenlehrerin auf unsere Weise.
In der Mitte des Heimgeländes, dort, wo alle Wege zu den einzelnen Häusern zusammen liefen, gab es ein großes Blumenbeet. In aller Frühe, bevor uns jemand daran hindern konnte, ernteten wir das Beet ratzekahl ab.
Jedes von uns 21 Kindern erschien mit einem Arm voller Blumen in der Schule und wir überreichten unsere Riesensträuße nacheinander der Lehrerin. Diese holte etwas verunsichert mehrere Wassereimer, in die sie die Blumen stellte. Sie wusste nicht genau, wie sie die Sache aufnehmen sollte. Nach dem Unterricht begleiteten wir sie nach Hause, um beim Tragen der Blumen zu helfen.

Kommentare zu diesem Text


 Jorge (31.10.13)
Auch Heimzeit (2) ist spannend geschrieben.
Obwohl ich 10 Jahre früher in Berlin zur Schule ging, weckt der Text viele Erinnerungen in mir, die die Zeit übersandet hat.
LG Jorge
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