Fragment 3

Kurzprosa zum Thema Kinder/ Kindheit

von  Ganna

Bei meiner ersten Geburt fiel ich aus der dunklen warmen Geborgenheit geradewegs in die Höhle des schwarzen Mannes, vor dem alle Kinder Angst haben. Diese schreckliche Höhle bei dem schwarzen Mann war mein Zuhause und dort musste ich bleiben. Seine Lederstiefel polterten laut über die Dielen, wenn er brüllte, schrie und tobte.  Die Wände erzitterten wie mein Körper, sobald er nahte. Es war nichts als Angst. Ich fürchtete mich, bevor ich andere Gefühle empfinden lernte und verschloss mich vor der Außenwelt, machte zu.

Der große schwarze Mann stand unter Druck, wie ein Pulverfass, das in jedem Moment explodieren konnte, um alles in seiner Umgebung zu zerstören. Später begriff ich, dass ich sein Ventil war, das immer wieder für etwas nachlassenden Druck sorgte, so dass es nie zur alles zerstörenden Explosion kommen musste. Damit verstand ich auch, dass ich wichtig war für ihn. Daher musste er ständig wissen, wo ich war, damit er sich auf mich stürzen und packen konnte.

Bevor er explodierte schwieg er. Er schwieg morgens, mittags und abends. Er schwieg, wenn er mit seiner Frau war oder wenn er aß oder schlief. In diesem Schweigen wohnte die Angst, nährte sich und wuchs. Die ganze Höhle war voller Angst. Die Anwesenheit der Angst war so normal, wie die Luft, die ich atmete. Überall war Angst.

Ich versuchte, ihr auszuweichen und verkroch mich. Der Tisch versteckte mich unter sich, Wand und Regal beschützten mich. Ich kroch in die kleinsten Nischen und hoffte, ich könnte mich unsichtbar machen. In dieser Hoffnung, er würde mich vergessen, lebte ich meine Tage und Nächte. Er vergaß mich nicht.

Bei ihm lebte die Frau, die mich in ihrem Bauch hat wachsen lassen. Sie trug Tag und Nacht Sorge, alles dem schwarzen Mann recht zu machen. Das tat sie wenn er da war und sie tat es, wenn er nicht da war. In der übrigen Zeit, wenn sie damit fertig war für ihn zu sorgen, legte sie sich ins Bett.
Auch nach meiner Geburt, hatte sie sich ins Bett gelegt, nachdem sie mich in einem Wäschekorb verstaut hatte, der in die Küche gebracht wurde. Die Tür zur Küche schloss sie ganz fest zu, ging über den Flur ins Schlafzimmer und auch dort schloss sie die Tür fest zu. Mein Geschrei sollte sie nicht in ihrem Schlaf stören. So merkte ich sehr schnell, dass es vergebens war zu schreien, wenn ich Hunger hatte oder mich einsam fühlte. Es war niemand da.
Später erzählte sie, dass ich während des Schreiens nach oben rutschte und mir die Fontanelle am Korb blutig rieb. Danach stellte sie ein kleines Kissen zwischen meinen Kopf und das Korbgeflecht, das erzählte sie auch. Später sagte die Frau auch, ich hätte schnell begriffen und aufgehört zu schreien.

Ich fühlte mich am falschen Ort, so, als wäre ich falscherweise dort gelandet. Etwas war schief gelaufen und nicht so, wie es eigentlich vorgesehen war. Ich war allein in einer falschen Welt.
Nur mir konnte ich trauen. Alle anderen waren ignorant, unberechenbar oder böse. Sie konnten mich nicht leiden und ich fand keine Erklärung, weshalb es so war, warum ich da war und nicht dort, wo ich hingehörte. Warum war ich an einem Ort, an dem mich niemand wollte? Es ergab keinen Sinn. Wer schuf eine Situation, in der alle unglücklich waren?

Ich ließ eine unsichtbare Hülle um mich wachsen. Alle menschlichen Wesen bargen Gefahr in sich, man ließ sich besser nicht mit ihnen ein. Ich war mir sicher, so war es nicht richtig, so behandelte man keine Kinder und die, die es richtig machten, gab es in dieser Welt nicht. Innerhalb meiner Hülle saß ich mit mir allein. Bei mir war ich sicher. Sehr tief in mir drin fand ich den Ort, an dem es hell und rein war. Dort standen alle Türen offen, dort war ich willkommen und fand mich in Harmonie. Es war der Platz auf dieser Welt, der gut war.
Davon wusste niemand. Das durfte ich nicht verraten, dann würden sie mir auch diesen Ort nehmen wollen. Denn die, bei denen ich leben musste, hatten solche Plätze nicht, konnten sie nicht haben.

Der große schwarze Mann hieß Vater und seine Frau hieß Mutter. So schwarz wie er war, so weiß war sie. Von ihr ging weniger Gefahr aus als von ihm. Sie erschien machtlos, einsam und merkwürdig schlaff, wie ohne Luft. Das ließ sie ständig jammern. An die Höhle als ihre einzige Daseinsform gekettet, schien auch sie keine Wahl zu haben. Sie musste dieses Leben führen. Vielleicht war auch sie eine Gefangene des schwarzen Mannes und zu seinen Diensten gezwungen. Ihr Leben verlief geduckt, zwischen wischen, waschen und kochen, kochen, wischen und waschen. Stets ihm zu Diensten ohne eine eigene Meinung, ohne eigenen Sinn. Auch sie schlug mich unberechenbar und schimpfte und schrie. Aber weniger laut und meine Furcht vor ihr war mit einer tiefen Verachtung gemischt. Sie galt nichts. Im Gegensatz zu mir hatte sie nicht einmal eigene Gedanken. Die hatte ich und sie waren Tag und Nacht damit beschäftigt, wie ich mich aus dieser Lage befreien könnte.

Alle Strafen standen in keinem Zusammenhang mit meinem Verhalten. Es war daher unmöglich, ihnen zu entgehen, denn sie ergaben sich aus ihrem Bedürfnis. Jeden Moment konnte ihre Not sich gegen mich richten. Ihrer Wut, ihrer Verzweiflung konnte ich nicht entgehen, weil ich anwesend war als wehrlosestes und schwächstes Geschöpf neben ihnen. Es war Folge dieser für mich ungünstigen Konstellation, die sie mich schlagen ließen.
Ich hasste es, so klein und schwach zu sein. So schnell wie möglich wollte ich diesen Zustand beenden, so schnell wie möglich erwachsen werden. Jedem, der von einer Zeit der Geborgenheit in der Kindheit sprach, würde ich später nur mit einem großen Unglauben begegnen.

Wenn der schwarze Mann außer Haus war, war es besser. Dann war es auch nicht gut, aber es war besser. Dann beobachtete ich die Fliegen oder ich sah aus meinem Versteck zu, wie die Staubkörnchen in den Sonnenstrahlen tanzten. Und dann überkam mich ein Gefühl aus fernen, lange vergangenen Zeiten, wo alles besser war, wo ich mich in Harmonie mit allem befand. Damals war ich noch nicht auf der Erde. An diesem fernen Ort war alles hell und leicht, wie schwebend. Doch so sehr ich mich anstrengte, die Erinnerung blieb in einem grauen Nebel gefangen. Wo war das gewesen? Nur dass es diesen Ort gab, dessen war ich sicher. Ich war sicher, ich war dort ohne meinen Körper, denn es gab mich ohne ihn. Diesen Körper würde ich nur auf der Erde gebrauchen und dann auch hier lassen, wenn ich wieder gehen würde, er war geborgt, so, wie man ein Kleidungsstück anziehen und ablegen konnte.
Die Erwachsenen würden mich für dumm und ungehörig halten, wenn ich ihnen sagen würde, dass ich auch ohne meinen Körper existieren kann und dass ich von einem anderen Ort auf die Welt gekommen war.

Meine Katze, springt zu mir auf den Schoß. Ich schiebe meine Finger durch ihr langes Fell und kraule ihren Hals, Wangen, Rücken und Bauch. Schnurrend lässt sie es geschehen. Sie entspannt sich immer mehr, lässt ihre Glieder sinken, neigt den Kopf zur Seite, so dass sie fast auf dem Rücken zu liegen kommt. Vertrauensvoll und völlig hingegeben genießt sie den Moment, der für sie ewig dauern könnte.
Sie genießt ihr Dasein, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Stundenlang schläft sie zusammengerollt in der Sonne oder neben dem Ofen, eins mit sich und jederzeit nach dem größtmöglichen Wohlbehagen strebend. Das ist mit einem vollen Bauch, einer kraulenden Hand und viel Wärme erreicht. Nie denkt sie an Morgen, nie an eine Vergangenheit, nie sorgt sie sich über Eventualitäten. Alles ist gut, wenn es jetzt gut ist und jetzt ist es gut.

Ich klebe an einer Vergangenheit, die nicht gut und förderlich für mich war. Trotzdem lasse ich mein Leben von ihr bestimmen, lasse es bis heute zu, dass Menschen, die es nicht gut mit mir meinten, Einfluss auf mich ausüben. Es darf nicht sein, denke ich, dass ihr Frust und ihre Wut mir bis über ihren Tod hinaus schaden. Das haben sie nicht verdient. Das habe ich nicht verdient.
Ich lebe, um meine Vergangenheit aufzuarbeiten, mich davon zu befreien, die Prägungen zu glätten und wieder rund zu werden, vollkommener zu werden, vollkommener noch als zuvor. Doch das passiert nur Stück für Stück. Täglich blättert etwas Unbehagen ab,  verflüchtigt sich ein bisschen Angst, ein wenig Wut, Tag für Tag.

Kommentare zu diesem Text

Zweifler (62)
(25.01.14)
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 Ganna meinte dazu am 26.01.14:
...Du kennst es...irgendwie so ähnlich, denke ich...
Zweifler (62) antwortete darauf am 26.01.14:
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holzköpfchen (31)
(25.01.14)
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 Ganna schrieb daraufhin am 26.01.14:
Danke H., Deine Meinung hilft mir beim Blick auf den eigenen Text,
LG Ganna
hagan (35)
(25.01.14)
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 Sanchina äußerte darauf am 25.01.14:
für Leser, die so etwas kennen, ist der Text weder düster noch beklemmend, sondern befreiend!
Gruß, Barbara
janna (66) ergänzte dazu am 25.01.14:
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hagan (35) meinte dazu am 25.01.14:
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 Ganna meinte dazu am 26.01.14:
...so wie jeder Text muss auch dieser hier sehr unterschiedlich wirken, je nach den Erfahrungen und der Weltsicht dessen, der ihn liest...aber das wissen wir wohl alle...

...Danke Hagan, für Deine hilfreichen Worte...

...Danke Barbara für Dein einfühlsames Verständnis...

...Danke Janna für die Erinnerung daran, dass wir alle unterschiedliche Blickwinkel haben und den Hinweis, dass der Text triggern kann...

LG Ganna
janna (66)
(25.01.14)
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 Jorge meinte dazu am 26.01.14:
so lese ich ihn auch.
LG Jorge

 RainerMScholz (19.01.19)
Ich würde aus dem schwarzen Mann einen Schwarzen Mann machen, es sei denn er war wirklich schwarz (dem Zeitgeist geschuldet).
Grüße und Dank für den Text,
R.
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