Der Sprachlehrer

Skizze zum Thema Ziele

von  Quoth

Dieser Text ist Teil der Serie  Parabeln
Ich wache auf und blicke erschrocken auf den Wecker: Er hat nicht geklingelt!Ich habe vergessen, ihn scharf zu stellen! Jetzt habe ich die Fahrt zum Unterricht mit dem Bus verschlafen! Wie komme ich noch rechtzeitig hin? Der Bus fährt nur einmal am Vormittag, und meine Schüler, die unter großen Strapazen erreicht haben, dass sie die Sprache der Mörder ihrer Eltern und Großeltern lernen dürfen, müssen besonders respektvoll behandelt werden. Die einzige Rettung wäre, dass meine Frau mich fährt. Aber sie ist beschäftigt, busy, wie man heute sagt, ich höre sie telefonieren. Das Auto steht faul und glänzend vorm Haus, ich kann und darf es nicht fahren … Und ich hatte mir eingebildet, ich könne die Schuld meines Vaters an den Kindern seiner Opfer wieder gut machen. Leichtsinn, Leichtsinn, den Wecker nicht scharf zu stellen! Das werden sie mir nie verzeihen!

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (28.02.21)
Die hochmoralische Komponente gefällt mir nicht, aber ansonsten ein flüssig und geschmeidig geschriebener Text, mit Humor.

 Quoth meinte dazu am 28.02.21:
Mir gefiel gerade die Disproportion zwischen dem Hochmoralischen und dem kleinen Alltagsversehen, sie sollten sich gegenseitig beleuchten und relativieren.

 Lluviagata (01.03.21)
Moral, ja, wie definiert man sie in solch einem Fall, wie überhaupt? Ist dies nicht egal in einer flüssig erzählten Geschichte? Einfach nur lesen und auf sich einwirkenlassen, das tue ich hier.
Moralinsaure Geschichten lese ich nur bis zum 2. oder 3. Satz, weil ich vor sich her getragene Moral fast schon riechen kann..

Ein deutscher Sprachlehrer, der Russlanddeutsche unterrichtet. Ein israelischer Sprachlehrer, der Palästinenser unterrichtet, wen es betrifft, das ist egal. Das kleinliche Schuldbewusstsein des Protagonisten ist es, welches mich in den Bann zieht. Warum nur hat er nicht am Abend den Wecker gestellt angesichts seiner großen Verantwortung? Warum darf er seine Frau nicht stören, um die Schuld seiner Altvorderen wieder gut machen zu können, so eine wichtige, generationenübergreifende Aufgabe? Mannmannmann, da ist es mir schon fast egal, warum der Sprachlehrer sein Auto nicht fahren darf. Darüber spekuliere ich dann halt.
Und nein, ich musste an keiner einzigen Stelle lachen. Aber ich bin nur eine Lyrikerin.

Liebe Grüße
Llu 🖤

 Quoth antwortete darauf am 02.03.21:
Hallo Lluviagata, Dieter_Rotmund spricht ja nur von der "hochmoralischen Komponente", die ihm in meinem Text nicht gefällt, und nennt ihn nicht "moralinsauer", was einen verächtlichen Beiklang hätte. Vielen Dank für Deine Wertschätzung und Empfehlung! Gruß Quoth

 blauefrau (02.03.21)
Nach verschiedenen Begegnungen in Tel Aviv kann ich mich einfühlen in den Gedanken, Teil eines Volks von Mördern zu sein. Ich habe niemanden getötet. Nicht alle Deutschen waren Mörder. Ich hatte aber so ein unbestimmtes Schuldgefühl in Gesprächen mit Menschen in Tel Aviv. Eine junge Schweizerin, die ich traf, überlegte vorzugeben, dass sie Britin sei. Sie gehe davon aus, dass man/frau sie beschuldige. Das wolle sie vermeiden.
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