Dagmar

Parabel zum Thema Schuld

von  Quoth

Dieser Text ist Teil der Serie  Parabeln
Als die Fähre im Keller anlegte, schien keine Gefahr mehr gegeben, und wir mussten sie einfach zum Schaukeln bringen, sei es aus jugendlichem Übermut, sei es aus Leichtsinn. Aber dann verfing sie sich in den ebenso dicken wie morschen Mauern, Putz bröckelte ab – sie steckte in schräger Lage fest, Passagiere rutschten an die Reling, schrien, erwartete sie dort ein Abgrund? Wir hechteten an einen Duckdalben, von dort an den Kai, und mischten uns unter die Menschen, die auf dem Jungfernstieg ihren Weihnachtsbesorgungen nachgingen. Erstaunlicherweise war mein Bruder, sonst immer eher furchtsam, zuversichtlich, dass wir durchkommen würden, mich aber drückte das Gefühl, unvoraussehbar Schlimmes angerichtet zu haben, und es wuchs ins Monströse, als jetzt ein VW-Käfer sich durch die Massen seinen Weg bahnte und mittels des auf dem Dach angebrachten Lautsprechers unsere Namen ausrief: Wir sollten uns sofort bei der Polizei melden. Hatte es Tote gegeben? Behalte mal ein normal unbekümmertes Gesicht, wenn dein Name mit Schallgewalt über die Köpfe von Tausenden gebrüllt wird! Wir betraten das Alsterhaus, fuhren mit  Rolltreppen zum fünften Stock hinauf, blickten in der Gewissheit, dass uns hier niemand kennt, frech um uns, und oben nahmen wir auf Barhockern Platz und bestellten und genossen per Strohhalm einen sahnig aufgeschäumten Himbeershake. Eine Mädchenstimme riss uns aus allen Träumen: „Hallo, Jungs! Hat man euch nicht eben gesagt, ihr sollt euch …“ „Bei der Polizei melden,“ ergänze mein Bruder kaltblütig. Schauer von Schadenfreude und Mitleid liefen abwechselnd über Dagmars Gesicht, nein,  Antlitz. Und obgleich Angst und Schuldgefühl in mir übermächtig wurden, tröstete es mich, dass sie, die ich schon seit Jahren verehrte, unser Schicksal nun in Händen hielt.

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Kommentare zu diesem Text


 Lluviagata (06.01.21)
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Gerade dann, wenn man verliebt ist.
Spannend erzählt. Ja.

Liebe Grüße
Llu ♥
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