Relativitätstheorie

Text

von  Quoth

Mein Bruder heißt Emil genau wie mein Vater, so wie ich Herbert nach meinem Onkel heiße. Ich nenne ihn aus Vereinfachungsgründen aber einfach Emil und füge, wenn ich von meinem Vater rede, ein sen. hinzu.  Emil hatte einen Physiklehrer, der sich über nichts so sehr erregen konnte wie über Einsteins Relativitätstheorie. Er kanzelte sie ab als „jüdische Physik“, mit der sich zu beschäftigen reine Zeitverschwendung sei – und er stellte ihr eine „deutsche Physik“ gegenüber. „Was ist an der aber deutsch, wenn sie auf den Erkenntnissen von Galileo Galilei, eines Italieners, und von Isaac Newton beruht, der bekanntlich Engländer war?“ Von Emil sen. in seiner Skepsis bestärkt, suchte Emil unseren Buchhändler auf – es gab damals nur einen in Himmelstein – und fragte ihn nach einem Buch über die Relativitätstheorie. „Die ist noch viel zu hoch für dich,“ sagte Herr Lademann und ließ die Ohren bekümmert sinken „befasse dich erst einmal mit den Grundlagen. Hier habe ich z.B. ein Heft über die Schwerkraft: ‚Gewicht, Masse, Druck‘, damit fange mal an. Und dann dieses: ‚Die Trägheit der Masse‘, und hier, wenn du dir das schon zutraust, von demselben Autor ‚Die Physik der Weltraumfahrt‘.“ Ich stand neben ihm während dieser Beratung und beobachte fasziniert das Spiel von Lademanns Ohren, die sich aufmerkend spitzten und dann wieder resigniert herabsenkten. Fraglos waren diese Ohren und ihre Beweglichkeit auch geschäftlich von Vorteil, ich möchte nicht wissen, wie viele Bücher Herr Lademann an Leute verkauft hat, die nur seine Ohren sehen wollten. „Das ist doch alles Babyliteratur,“ rief aus dem Hinterzimmer plötzlich eine helle Frauenstimme mit sächsischem Akzent, „warum bietest du Emil Eisenpflicht nicht wenigstens das Taschenbuch ‚Mein Weltbild‘ von Albert Einstein an? Das verstehe sogar ich!“ Dieses Taschenbuch schwenkend, kam Minna Lademann hereinspaziert, ich kannte sie schon, Herr Lademann hatte sie aus der Ostzone von einer Reise zu Freunden mitgebracht, und sie nahm auch bei Karla Janssen Klavierunterricht. Sie war eigentlich Strumpfwirkerin von Beruf, ging aber beherzter als ihr Mann auf unsere Wünsche ein. Bevormundet worden sei sie genug da „drieben“, begründete sie das einmal, und es sei ein Fehler, immer nur ans Geschäft und den Profit zu denken! Also zogen wir mit „Mein Weltbild“ von Einstein davon, das war der Anfang von Emils Entscheidung für die Physik und die Astronomie, und seit zehn Jahren heißt der größte von 12 Planetoiden , die er von der Europäischen Südsternwarte in Chile aus, an der er arbeitet, entdeckt hat, Emil Eisenpflicht.

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