DAS MÄRCHEN VOM GLOCKENBLUMENELF (2)

Märchen zum Thema Kinder/ Kindheit

von  harzgebirgler

DAS MÄRCHEN VOM GLOCKENBLUMENELF * (2)

Ja, da lag nun die blaue Glockenblume, gerade auf der General-Busse-Strasse. Da lag sie im Staube, und die Wagen fuhren ganz dicht an ihr vorbei, und die Hufe der Pferde waren schon beinahe auf sie getreten. Ach, dachte der kleine Blumenelf, so soll ich nun hier sterben und vergehen, so weit von meiner geliebten Wiese, so weit von den Rehen, so weit vom Wald! Da liege ich nun im Schmutz auf hartem Stein, und gleich, gleich wird das grosse, schwere Rad des Wagens über mich hinweggehen und mich zermalmen! Und der kleine Blumenelf barg sein Gesicht in den Händchen vor Kummer und Angst. Schön hörte er das Rollen des Wagens näher und näher kommen , und das Herz zersprang ihm fast in der Brust.
Doch sieh, da liess der liebe Gott gerade in diesem Augenblick den kleinen Hans-Henning aus der Gartentür kommen. „O!“ rief er, „die schöne blaue Glockenblume! Wer mag sie fortgeworfen haben? Das war aber nicht recht!“ Und er nahm sie vorsichtig auf und brachte sie seiner Mami. Die stellte sie in ein Glas mit Wasser aufs Fensterbrett von Hans-Hennings Spielstube. Und die Sonne schien durchs Fenster, und die Glockenblume trank – ach, sie war ja so durstig! Und als eine Weile vergangen war, da wurde sie wieder frisch und schön. Auch der kleine Blumenelf erholte sich bald. Er rückte sein Mützchen zurecht, das ganz schief gerutscht war, und er band seine goldenen Schuhbänder wieder zu.
Dann kam die Nacht und Hans-Henning schlief in seinem weissen Gitterbett. Es war aber keine gewöhnliche Nacht, sondern eine Vollmond-Sonntagsnacht, in der seltsame Dinge geschehen können. Plötzlich wachte Hans-Henning auf, weil ihn jemand ganz leise an der Nase gekitzelt hatte. Er rieb sich die Augen und setzte sich im Bettchen auf. Hatte ihn nicht jemand gerufen?
Auf einmal sah er vor sich auf dem Bettrand jemanden sitzen, ein kleines, blondes Männlein in einem hellblauen Wams mit Tautropfen-Knöpfen, das war nicht einmal so gross wie Hans-Hennings halbes Fingerlein.
„Grüss dich Gott“, sagte das Männlein mit ganz hellem, feinem Stimmchen, „ich bin der Elf aus der Glockenblume und habe mit dir zu reden.“ - „Ja, lieber Elf“, sagte Hans-Henning, „was hast du mir denn zu sagen? Ich höre zu und kann dich gut verstehen.“
„Ich möchte mich bei dir bedanken, weil du so lieb warst, mich aus dem Schmutz der Strasse aufzuheben“, sagte das Männlein, „ich möchte dir danken, dass du mir das Leben gerettet hast und mich vor dem schrecklichen Tode bewahrt hast. Höre, Hans-Henning, was ich dir schenken will zum Dank:
Die Gaben: Traurigkeit zu wandeln in Fröhlichkeit,
                      Einsamkeit zu wandeln in Glück,
                      Leid zu wandeln in Liebe.
Drei schöne Gaben, Hans-Henning, wahre sie wohl, dann werden sie dich reicher machen, als Gold und Silber es zu tun vermöchten.“
Durch das Zimmer wehte ein Duft – über das Bettchen huschte ein Mondenstrahl – durch das kleine Herz zog ein Traum.

                                                                                                                                                                                    Weihnacht 1944.

*Aus den nachgelassenen Papieren einer längst vergessenenen, regionalen Dichterin; hier erstmals veröffentlicht.

Illustration zum Text
Original-Typoskript von 1944
(von harzgebirgler)

Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (10.11.21)
Der auf dem Bildchen bin ja ich!

*stolzmalguck)

 harzgebirgler meinte dazu am 10.11.21:
der blumenelf ist auch frappiert
wenn er dein bildchen registriert.
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