Soll man Schwerkranken die Wahrheit sagen?

Essay

von  Quoth

Hier sind zwei Fälle zu unterscheiden: Ich bin der Schwerkranke, und der Schwerkranke ist jemand anderes. Wäre ich schwerkrank, ich glaube, ich würde es wissen wollen. Vielleicht gibt es Dinge, die ich, wenn ich weiß, dass ich bald sterben muss, erledigt haben möchte – z.B. Vernichtung meiner Tagebücher u.Ä. Verschleierte man mir meine wirkliche Lage, so würde man mich unmerkbar daran hindern, aus ihr die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Lügen heißt immer behindern, darin liegt überhaupt das Infame der Lüge. Ein Geschäftsmann, der seiner Frau den Verfall seiner Finanzen vorenthält, lässt sie in einer Scheinwelt umhertappen, entmündigt sie teilweise und verdient dafür den Strang. Das ist mein Ernst. Die Lüge ist eine so furchtbare Erfindung des Menschengeschlechts, mit ihm aber so untrennbar verknüpft, dass man sein Ende wünschen möchte, um der Lüge den Garaus zu machen. Kein Tier kann lügen, es kann höchstens täuschen, z.B. ein Tiger kann mit seinem gestreiften Fell im Bambuswald das ängstliche Reh täuschen, das sofort Reißaus nehmen würde, wenn es wüsste, dass das atmende Stückchen Bambuswald da hinten in Wirklichkeit ein Tiger ist. Die Lüge kommt aus dem Mund, sie ist ein Werk des Verstandes, und sie ist allgegenwärtig. Warum sollte sie den Tod respektieren und nicht noch den Sterbenden in ihre Watten und Gazeschleier hüllen? Man vergegenwärtige sich einen Mann, der das Steuer seines Lebens immer mit der nötigen Sicherheit in der Hand hatte, der eine Selbstachtung besaß, die auf seiner Selbstverantwortung beruhte, und man stelle sich vor, diesen Mann liebte man aus irgendeinem Grund, man liebte diese seine störrische und eigenbrötlerische, aber doch letztlich liebenswürdige Selbstverantwortlichkeit. Mit welchen Gefühlen muss man es beobachten, wie seine Verwandten, kaum dass er auf dem Sterbelager liegt, die Gelegenheit nutzen, ihm, dem Selbständigen und Freien, einen blauen Dunst vorzumachen, der sein Bewusstsein in unmerkbaren Nebel hüllt und das bittere, dunkle Loch Tod, in das er hineinfährt, mit einer gleichgültigen Kulisse verstellt? Seine Augen, in deren Hintergrund die große und ernste Frage nach der Wahrheit steht, schweifen unsicher von einem zum anderen, man merkt, wie er auf die Untertöne der Auskünfte lauscht, die er erhält, und sieht den leisen, ironischen Trotz des Belogenen in diesen Augen keimen, der aus Takt nicht mehr fragt, weil es ihm wehtut, seine Liebsten bei ihrer Unehrlichkeit zu ertappen. Als Beobachter befindet man sich ihm gegenüber in derselben Position wie gegenüber dem Helden auf der Bühne, der auch meist weniger zu wissen scheint als der Zuschauer, weshalb wir ihn unendlich und bis zur Erschütterung bemitleiden. So einen Mann von den Angehörigen aufs Kindlichhoffnungsvolle und Veräppelte reduziert zu sehen, das ist schrecklich. Aber nach einiger Zeit entdeckt der Beobachter noch mehr. Er entdeckt, dass der scheinbar Entmündigte alles weiß. Seine Krankheit selbst hat sich ihm in den langen Leidensnächsten offenbart, hat zu ihm gesprochen und gesagt: „Ich bin Krebs. Mach dir keine Hoffnung mehr, aber verschweige mich deiner Frau und deinen Kindern. Sie wissen es nicht, raube ihnen nicht die letzte Hoffnung!“ Mannhaft hält er sich an diese Mahnung seiner Krankheit und deutet die hoffnungsvoll aufpäppelnden Worte seiner Frau um in den Ausdruck wirklicher Hoffnung, die nun ihrerseits von ihm genährt wird. Pyramus und Thisbe haben einander durch einen Spalt in der Mauer entdeckt und geliebt, jetzt aber, wo Pyramus stirbt, schließt sich dieser Spalt, und die beiden Liebenden verständigen sich nur noch durch Zuruf. Oder gibt es Momente, in denen das angstvoll offene Auge der einen ins ebenso angstvoll offene des anderen die stumme und immer unausweichlicher werdende Wahrheit hinübersagt? Wenn sie einander wahrhaft lieben, so meine ich, gibt es diesen Moment, aber weil es zu kompliziert ist, das Gespinst aus Hoffnung und Lüge abzutragen, in das der Sterbende wie in einen Kokon verwickelt ist, lassen sie es. Da gibt es dann diese müden Handbewegungen, die „na ja“ oder „lass doch“ bedeuten und in denen ein ganzes Leben niedersinkt. Wie hat der Arzt sich zu verhalten in der Sterbesituation? Zunächst einmal möchte ich hervorheben, dass man ihm keinerlei Vorschriften zu machen das Recht hat. Der Tod begrenzt das traurige Reich der Freiheit, auf dessen Verwaltung das Ansehen des Ärztestandes ruht. Ein guter Sterbearzt, und ich kenne einen solchen, dem diese Zeilen gewidmet sind, wird zunächst einmal vor dem Anblick des aus der Kulisse tretenden Todes nicht erschrecken, weil der Tod etwas Natürliches ist, und er wird diese Ruhe und Festigkeit gegen das ebenso natürliche Erschrecken des Patienten setzen. Erst wenn dieser sich gefasst hat, gefasst von der Wahrheit, die der Arzt ihm liebreich, ohne Hochmut, aber sorglich und als guter Freund mitgeteilt hat, wird man an die Frage herantreten, inwieweit die Anverwandten eingeweiht werden sollten. Erfahrungsgemäß erschrecken diejenigen, die zum Überleben verurteilt sind, meist viel mehr vorm Tod als derjenige, der ihn erleiden muss und im Voraus schon fühlt. Oft heißt es, der schnelle Tod, das sei der schönste, er wird leichthin als „Tod erster Klasse“ bezeichnet, und dabei ist er doch ein grausiges Einbrechen mitten in den Lebenszusammenhang. Nein, wenn ich einmal sterbe, so möchte ich, dass es langsam geht und dass ich die Leiden, die die gütige Natur dem Tod vorausschickt, damit wir uns nach ihm sehnen lernen, in vollem Umfang zu kosten bekomme, denn wie traurig wäre ich, wenn dieser herrliche Becher an mir vorbeiginge oder versüßt würde durch die Morphiumgaben eines pseudohumanen Weißkittels. Alle Medizin kann uns das Leiden nicht ersparen, sondern nur aufschieben, und solange der Tod nicht besiegt ist, bleibt das Leid die notwendige Wohltat, die ihm vorausgeht. Sehend und leidend soll man in den Tod gehen, vielleicht auch seufzend und weinend, aber man soll sein Haus wohlbestellt haben, und kein zerknirschter Angehöriger soll sich hinterher sagen müssen: „Ach, hätten wir ihm doch die Wahrheit gesagt!“




Anmerkung von Quoth:

Dem Andenken an Dr. med. B.
Auch wieder ein Aufsatzthema aus den 50er Jahren, für dessen Neuabhandlung ich auf die damalige Schulbank zurückgekehrt bin.

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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (21.04.22, 15:26)
Du hattest es aber mit interessanten Aufsatzthemen zu tun.
Meine Meinung entspricht Deiner: Wenn jemand die Wahrheit über seinen Zustand wissen will, dann sollte man sie ihm sagen; er kann sich dann vorbereiten.
Zumindest ab einem bestimmten Alter sollte man m.E. immer vorbereitet sein, denn "ihr wißt nicht den Tag noch die Stunde". Media vita in morte sumus. Manchmal geht's plötzlich, und dann sind ein Satz, den man sagt, ein Glas Wein, das man trinkt, auf einmal die letzten.

 Hell (21.04.22, 18:14)
Gute Frage...
Der Wahrheit, sollte der Arzt immer treu bleiben. Als Angehöriger habe ich aber erlebt, dass Ärzte taktlos mit spekulativen, zeitlichen Prognosen um sich schmeißen. Was tun Angehörige und Patienten, die sich zu jeder Familienfeier fragen, ob es die letzte war. Wann soll man den Schlussstrich ziehen, um nicht das eigene Leben dem Tod eines Angehörigen zu widmen? 
Es kann Jahre dauern oder ein Jahrzehnt. Krebs ist vielleicht pünktlicher als COPD.
Gerade, wenn der Patient keine Schmerzmittel will, weil die aus Rauschgift bestehen und wer ein paar Jugendsünden begangen hat, weiß, dass der Rausch zum Horror werden kann, wie ist es dann erst mit der Todesangst im Nacken.  Ich glaube, die Schmerzmittel beschleunigen den Prozess, eine Chemotherapie wahrscheinlich auch, aber die könnte das Leben verlängern, wenn man sie überlebt.

 klausKuckuck (21.04.22, 21:27)
Routineuntersuchung beim HNO-Arzt: «Herr Doktor, irgendwas kratzt im Hals, können Sie‘s mal durchgucken?»  – Er guckte es durch und sagte dann: «Da ist etwas auf ihren Stimmbändern, das da nicht hingehört.» – «Aha. Und? Ist es schlimm?» – «Es ist Krebs.» – «Sie machen Witze, Herr Doktor.» Er machte keine Witze. Ich wollte es nicht wahrhaben, habe ihn in seiner Praxis beschimpft und mit einer zweiten Meinung gedroht, die ich einholen würde. Er hat mich schließlich aus der Praxis geworfen. Am nächsten Morgen war ich in der Univeritätsklinik («Gehn Sie da hin!» hatte er mir nachgerufen.) Diagnose: Kehlkopfkrebs. Und alles, was sich daran anschloss, war fürchterlich: Intensivstation, Chemotherapie, Strahlenbehandlung – am Ende aber Heilung, der Krebs war besiegt. Wochen danach habe ich den Arzt reumütig in seiner Praxis aufgesucht, habe mich entschuldigt und mich für seine unmissverständlichen Worte bedankt. Die mir das Leben gerettet haben. Die ich im Unterbewusstsein ernst genommen hatte. Hätte er mich nur freundschaftlich ins Gebet genommen, vielleicht nur ein bisschen drumherumgeredet – ich wäre jetzt schon eine Weile tot. Ja! Man soll einem Schwerkranken die Wahrheit sagen, auf die er reagieren kann. Das ist man ihm schuldig!

Kommentar geändert am 21.04.2022 um 21:32 Uhr

 Lluviagata (23.04.22, 07:42)
Nein, wenn ich einmal sterbe, so möchte ich, dass es langsam geht und dass ich die Leiden, die die gütige Natur dem Tod vorausschickt, damit wir uns nach ihm sehnen lernen, in vollem Umfang zu kosten bekomme, denn wie traurig wäre ich, wenn dieser herrliche Becher an mir vorbeiginge oder versüßt würde durch die Morphiumgaben eines pseudohumanen Weißkittels.

Lieber Quoth,

vielleicht ist es eine Frage des Blickwinkels, wie man ihn erwartet oder ob man sich dessen überhaupt bewusst ist, dass er vor der Tür steht. Ich glaube fest daran, dass auch die Demenz einen Menschen nicht daran hindert, ihn kommen zu sehen, zu wissen, dass der Mensch Abschied nehmen muss und darf. 

Ein Aufsatz, den ich sehr gern gelesen habe, der mir in seiner behutsamen wie bildreichen Formulierung gefällt und noch lange beschäftigen wird.

Liebe Grüße
Llu ♥

 Thal (23.04.22, 07:52)
Es ist immer erniedrigend angelogen zu werden, für alle Beteiligten.
Unter Schmerzen vor sich hinsiechen, jahrelang noch künstlich ernährt werden, ist das Schlimmste.
Ich halt es da, wie die Klingonen, im Kampf für etwas, das es wert ist fallen, schnell verbluten, ist der beste Tod.
Aber wer kann sich das schon aussuchen.

 AlmaMarieSchneider (19.05.22, 23:08)
Ich denke, dass jeder Mensch (ausgenommen Mord- und Unfallopfer)
spürt, wann seine Zeit gekommen ist. Er ignoriert es oft und da beginnt schon die Lüge. Schwerkranke haben oft noch die Hoffnung auf Heilung. Aber auch hier stiehlt ihnen die Lüge Zeit um ihre Angelegenheiten zu ordnen. Ich bin da voll Deiner Meinung.
Ich werde weder mich selbst noch möchte ich von Anderen belogen werden.

Liebe Grüße
Alma Marie
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