Hier sind zwei Fälle zu unterscheiden: Ich bin der Schwerkranke, und der Schwerkranke ist jemand anderes. Wäre ich schwerkrank, ich glaube, ich würde es wissen wollen. Vielleicht gibt es Dinge, die ich, wenn ich weiß, dass ich bald sterben muss, erledigt haben möchte – z.B. Vernichtung meiner Tagebücher u.Ä. Verschleierte man mir meine wirkliche Lage, so würde man mich unmerkbar daran hindern, aus ihr die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Lügen heißt immer behindern, darin liegt überhaupt das Infame der Lüge. Ein Geschäftsmann, der seiner Frau den Verfall seiner Finanzen vorenthält, lässt sie in einer Scheinwelt umhertappen, entmündigt sie teilweise und verdient dafür den Strang. Das ist mein Ernst. Die Lüge ist eine so furchtbare Erfindung des Menschengeschlechts, mit ihm aber so untrennbar verknüpft, dass man sein Ende wünschen möchte, um der Lüge den Garaus zu machen. Kein Tier kann lügen, es kann höchstens täuschen, z.B. ein Tiger kann mit seinem gestreiften Fell im Bambuswald das ängstliche Reh täuschen, das sofort Reißaus nehmen würde, wenn es wüsste, dass das atmende Stückchen Bambuswald da hinten in Wirklichkeit ein Tiger ist. Die Lüge kommt aus dem Mund, sie ist ein Werk des Verstandes, und sie ist allgegenwärtig. Warum sollte sie den Tod respektieren und nicht noch den Sterbenden in ihre Watten und Gazeschleier hüllen? Man vergegenwärtige sich einen Mann, der das Steuer seines Lebens immer mit der nötigen Sicherheit in der Hand hatte, der eine Selbstachtung besaß, die auf seiner Selbstverantwortung beruhte, und man stelle sich vor, diesen Mann liebte man aus irgendeinem Grund, man liebte diese seine störrische und eigenbrötlerische, aber doch letztlich liebenswürdige Selbstverantwortlichkeit. Mit welchen Gefühlen muss man es beobachten, wie seine Verwandten, kaum dass er auf dem Sterbelager liegt, die Gelegenheit nutzen, ihm, dem Selbständigen und Freien, einen blauen Dunst vorzumachen, der sein Bewusstsein in unmerkbaren Nebel hüllt und das bittere, dunkle Loch Tod, in das er hineinfährt, mit einer gleichgültigen Kulisse verstellt? Seine Augen, in deren Hintergrund die große und ernste Frage nach der Wahrheit steht, schweifen unsicher von einem zum anderen, man merkt, wie er auf die Untertöne der Auskünfte lauscht, die er erhält, und sieht den leisen, ironischen Trotz des Belogenen in diesen Augen keimen, der aus Takt nicht mehr fragt, weil es ihm wehtut, seine Liebsten bei ihrer Unehrlichkeit zu ertappen. Als Beobachter befindet man sich ihm gegenüber in derselben Position wie gegenüber dem Helden auf der Bühne, der auch meist weniger zu wissen scheint als der Zuschauer, weshalb wir ihn unendlich und bis zur Erschütterung bemitleiden. So einen Mann von den Angehörigen aufs Kindlichhoffnungsvolle und Veräppelte reduziert zu sehen, das ist schrecklich. Aber nach einiger Zeit entdeckt der Beobachter noch mehr. Er entdeckt, dass der scheinbar Entmündigte alles weiß. Seine Krankheit selbst hat sich ihm in den langen Leidensnächsten offenbart, hat zu ihm gesprochen und gesagt: „Ich bin Krebs. Mach dir keine Hoffnung mehr, aber verschweige mich deiner Frau und deinen Kindern. Sie wissen es nicht, raube ihnen nicht die letzte Hoffnung!“ Mannhaft hält er sich an diese Mahnung seiner Krankheit und deutet die hoffnungsvoll aufpäppelnden Worte seiner Frau um in den Ausdruck wirklicher Hoffnung, die nun ihrerseits von ihm genährt wird. Pyramus und Thisbe haben einander durch einen Spalt in der Mauer entdeckt und geliebt, jetzt aber, wo Pyramus stirbt, schließt sich dieser Spalt, und die beiden Liebenden verständigen sich nur noch durch Zuruf. Oder gibt es Momente, in denen das angstvoll offene Auge der einen ins ebenso angstvoll offene des anderen die stumme und immer unausweichlicher werdende Wahrheit hinübersagt? Wenn sie einander wahrhaft lieben, so meine ich, gibt es diesen Moment, aber weil es zu kompliziert ist, das Gespinst aus Hoffnung und Lüge abzutragen, in das der Sterbende wie in einen Kokon verwickelt ist, lassen sie es. Da gibt es dann diese müden Handbewegungen, die „na ja“ oder „lass doch“ bedeuten und in denen ein ganzes Leben niedersinkt. Wie hat der Arzt sich zu verhalten in der Sterbesituation? Zunächst einmal möchte ich hervorheben, dass man ihm keinerlei Vorschriften zu machen das Recht hat. Der Tod begrenzt das traurige Reich der Freiheit, auf dessen Verwaltung das Ansehen des Ärztestandes ruht. Ein guter Sterbearzt, und ich kenne einen solchen, dem diese Zeilen gewidmet sind, wird zunächst einmal vor dem Anblick des aus der Kulisse tretenden Todes nicht erschrecken, weil der Tod etwas Natürliches ist, und er wird diese Ruhe und Festigkeit gegen das ebenso natürliche Erschrecken des Patienten setzen. Erst wenn dieser sich gefasst hat, gefasst von der Wahrheit, die der Arzt ihm liebreich, ohne Hochmut, aber sorglich und als guter Freund mitgeteilt hat, wird man an die Frage herantreten, inwieweit die Anverwandten eingeweiht werden sollten. Erfahrungsgemäß erschrecken diejenigen, die zum Überleben verurteilt sind, meist viel mehr vorm Tod als derjenige, der ihn erleiden muss und im Voraus schon fühlt. Oft heißt es, der schnelle Tod, das sei der schönste, er wird leichthin als „Tod erster Klasse“ bezeichnet, und dabei ist er doch ein grausiges Einbrechen mitten in den Lebenszusammenhang. Nein, wenn ich einmal sterbe, so möchte ich, dass es langsam geht und dass ich die Leiden, die die gütige Natur dem Tod vorausschickt, damit wir uns nach ihm sehnen lernen, in vollem Umfang zu kosten bekomme, denn wie traurig wäre ich, wenn dieser herrliche Becher an mir vorbeiginge oder versüßt würde durch die Morphiumgaben eines pseudohumanen Weißkittels. Alle Medizin kann uns das Leiden nicht ersparen, sondern nur aufschieben, und solange der Tod nicht besiegt ist, bleibt das Leid die notwendige Wohltat, die ihm vorausgeht. Sehend und leidend soll man in den Tod gehen, vielleicht auch seufzend und weinend, aber man soll sein Haus wohlbestellt haben, und kein zerknirschter Angehöriger soll sich hinterher sagen müssen: „Ach, hätten wir ihm doch die Wahrheit gesagt!“