Koedukation Ja oder Nein?

Essay

von  Quoth

Diesem Thema gegenüber bin ich nicht unbefangen; denn ich kenne nichts anderes als die Koedukation, d.h. die Erziehung von Jungen und Mädchen in gemischten Klassen. Ich bin nicht unzufrieden damit, was aber nicht heißt, dass dieses Verfahren das einzig richtige ist. Jahrhundertelang wäre es undenkbar gewesen, dass Jungen und Mädchen die gleiche Schulbank drücken, und bei Einführung der Schulpflicht traf dieses Schicksal auch nur Kinder aus dem einfachen Volk. Jede bessere Erziehung trennte Knaben und Mädchen säuberlich voneinander, um sie auf ihre unterschiedlichen Aufgaben in Familie und Gesellschaft auch unterschiedlich vorzubereiten. Das Mädchen sollte eine gute Frau und Mutter werden. Warum es also mit Latein und Griechisch quälen? Wichtiger war, dass es nähen, sticken und stricken konnte, dass es sich auf Musik verstand und bei Geselligkeiten keinen ganz ungebildeten Eindruck machte. Hierfür aber genügte eine solide Halbbildung, ein bisschen Französisch und die obligate Klavierstunde, vielleicht auch noch Unterricht im Aquarellieren. Der Mann, der die Frau schön finden möchte, hält es für das Sinnvollste, wenn sie sich mit Schönem befasst. Da das Schöne aber letztlich das Überflüssige ist, läuft diese Art von Erziehung darauf hinaus, die Frauen zu einem Geschlecht zu erziehen, das, von seiner Existenzberechtigung nicht überzeugt, migränegeplagt seine Pflichten absolviert und sich was darauf zugutehält, die Mitwelt nach Strich und Faden mit seinen Launen zu drangsalieren. So etwa darf man sich das weibliche Geschlecht um die Jahrhundertwende vorstellen zumindest in der Schicht des Bürgertums. In der Volksschule ging es auch damals schon bunt durcheinander wie ja übrigens auch in der Fabrik, wo Männlein und Weiblein brav nebeneinander schafften, was mitnichten die sittlichen Ausschweifungen zur Folge hatte, die eine unbeschäftigte bürgerliche Phantasie sich ausmalte, sondern eine solide Kameradschaft der beiden Geschlechter, eine solidere, als sie ohne gemeinsame Arbeit je zu erreichen ist. Darum wohl auch traten fortschrittliche Pädagogen damals auf und forderten die Koedukation für alle, auch an den Gymnasien, deren weibliches Pendant damals Lyzeum hieß. Das bedeutete die Öffnung der Gymnasien und der Universitäten für Mädchen – eine Sensation! Die ersten Abiturientinnen und Studentinnen wurden wie Weltwunder bestaunt – aber auch als Blaustrümpfe herabgesetzt – und es gab Professoren, die sie standhaft ignorierten und ihre Vorlesung unbeirrt mit „Meine Herren!“ eröffneten. Unsere Deutschlehrerin hier an der Lornsenschule, Fräulein Quandt, war die erste Holsteinerin, die Germanistik studiert hat! Es waren hartgesottene Emanzen, diese Pionierinnen des Frauenstudiums, und vielleicht habe ich die Lust am Aufsatzschreiben nur Fräulein Quandt zu verdanken; denn sie brachte uns bei, eine Frage von allen Seiten zu beleuchten, sie hin und her zu wenden wie ein Werkstück, bis sie uns alle ihre Aspekte und Möglichkeiten enthüllt hatte. Nach diesem Plädoyer für die Koedukation muss ich nun auch für ihr Gegenteil noch eine Lanze brechen. Mein Vater z.B. ist auf ein reines Jungen-Gymnasium gegangen, und das muss einen bemerkenswerten Sonderreiz gehabt haben, von dem man hier auf unserer toleranten, weltläufigen Provinzschule wenig spürt. Dieses Zusammenpferchen nur von heranwachsender Männlichkeit hüllt die vorenthaltene und abgesonderte Weiblichkeit in den romantischen Zauber der Ferne und Unbekanntheit, des Abenteuers und der Eroberung. Zechgelage ohne Frauen sind fraglos nicht zu vergleichen mit solchen, an denen Mädchen teilnehmen. Im letzteren Fall werden Orgien daraus, oder aber die Stimmung bleibt müde und versittlicht. Eine reine Männerschwelgerei, weil sie sich selbst genügen muss, treibt die Wonnen der Trunkenheit bis zum äußersten und bringt seltsame Blüten hervor: Brunnen und Laternen werden bestiegen, unglaubliche Wettrennen veranstaltet, Gesänge von orgelnder Fürchterlichkeit angestimmt. Selbst die Koedukation kann uns ja nicht daran hindern, gelegentlich unter uns bleiben zu wollen und kräftig einen drauf zu machen. Vielleicht ist auch die Freundschaft ein Gewächs, das unter den Bedingungen der Koedukation nicht recht gedeiht. Wie sehr habe ich einst einen Primaner geliebt – nur um festzustellen, dass er sein Herz an eine Mitschülerin verloren hatte! Die Leichtigkeit der Anknüpfung mit Mädchen lässt Männerfreundschaften gar nicht erst aufkommen; immer sind es die Mädchen, die überall ihre reizenden und ohne Frage schlankeren und eleganteren Finger im Spiel haben. Nichts also gegen Frauen, aber das Untersichsein hat weder Männern noch Frauen je geschadet. Untersichsein und Vermischtsein, beides ist wichtig, hat seinen Sinn und seine Schönheit. Und in der Tat bedeutet ja auch Koedukation gar nicht absolute Gleichbehandlung der Geschlechter. Wenn die Jungen werken gehen, haben die Mädchen Handarbeitsstunde, im Turnen werden Böcke und Schafe sorgsam voneinander gesondert: Die einen verrenken sich musisch und keulenschwingend, die anderen rackern sich auf dem frisch gepflügten Sportplatz mit dem Fußball ab, und in der Klasse sitzen die einen rechts, die anderen links, und nur in belächelten und erzwungenen Ausnahmefällen sitzt einmal ein Mädchen neben einem Jungen, ganz zu schweigen von Fächern wie Mathe, Physik und Chemie, in denen die Mädchen oft genug damit zu kämpfen haben, dass die Jungen sie belächeln, selbst wenn sie, die Mädchen, besser sind. Und ist es etwa egal, ob ein Lehrer oder eine Lehrerin uns unterrichtet? Einem Lehrer können die Mädchen schöne Augen machen, was sie bei einer Lehrerin tunlichst vermeiden. Wie mancher Lehrer lässt seine Frauen-, wie manche Lehrerin ihre Männerverachtung an den bedauernswerten Eleven und Elevinnen aus! Ach, da fliegt so viel Unberechenbares und gelegentlich auch Ungerechtes durch die Luft, dass ich sagen möchte: Auch die Koedukation kann überstanden werden!



Anmerkung von Quoth:

ich weiß noch, dass dieses Thema mir besonderen Spaß machte, aber was ich damals geschrieben habe, kann ich nur noch ahnen!

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