Wie schreibt man einen Aufsatz?

Essay

von  Quoth


Diese Frage wird mir mit Recht gestellt; denn immer wieder verfehle ich das Thema, und auch diesmal wird es mir kaum anders gehen. Zu groß ist der Ansturm von Vorstellungen, den die Titelfrage in meiner Phantasie auslöst. Einen Aufsatz vergleicht man am ehesten noch mit einem Auflauf. Die verschiedenen Zutaten hübsch aufeinanderschichten, dann in den Ofen schieben, wo bei heißer Temperatur das Verschiedene zum wohlschmeckend Gesamthaften verschmilzt, aber nicht etwa zum Einer- oder Allerlei, bewahre. In einem guten Auflauf, also etwa in einem solchen, wie Vilma, meine Mutter, ihn zuzubereiten versteht, färbt jeder Geschmack auf den anderen ab, ohne aber sich selbst im andern zu verlieren. Das Verschiedene ist eben so gut schmeckbar wie das Ähnliche und Gleiche. Auch Gewürze haben ihren Platz, aber vornehmlich an der Oberfläche. Dort dürfen sie würzen nach Herzenslust und im Verein mit darüber geraffeltem Käse eine patente Kruste erzeugen, die mit dem weniger würzigen Körper des Auflaufs angenehm kontrastiert. Hat man den Aufsatz die ganze Zeit mitgedacht? Die Gewürze sind nichts anderes als die oberflächlich angebrachten Formulierungs-Feinheiten, und die verschiedenen Schichten sind die verschiedenen Ebenen des Denkens und der Gedankens, die aufeinander abfärben, einander befruchten und ergänzen, durchdringen und widersprechen. Ein Aufsatz ist Selbstbewegung des jugendlichen Gehirns. Das Thema ist nur der Auslöser, und nichts ist tödlicher für einen guten Aufsatz in meinem Sinne als eine Gliederung. Eine Gliederung ist der sichere Tod jedes freien und schlagenden Einfalls. Einfälle haben in gegliederten Primusmachwerken keinen Platz, der Ort des Einfalls ist das formlose und molluskartige Schreiberzeugnis des Unfähigen. Ich lege hiermit gegen Gliederungen und klare Gedanken mein ausdrückliches Veto ein. Kann es nicht sein, dass bei einem Aufsatz, der meinetwegen vom  Transportwesen handelt, der prächtige Gedanke nicht nur der räumlichen, sondern auch zeitlichen Verknüpfung dem Gliederungsfanatiker nicht einfällt? Bei Transport denkt jeder an Handel und Wandel, an Geographie, Schiff, Eisenbahn und Lkw. Wer aber denkt an die Notwendigkeit einheitlicher Zeit für einen einheitlichen Fahrplan? Mein Hamburger Urgroßvater hat, wenn er zur Messe wollte, seinen Lehrjungen noch auf den Bahnhof geschickt, er soll sich vom D-Zugführer die Leipziger Zeit holen. Ich weiß nicht, ob mein Beispiel das ideale für die Widerlegung des Gliederungsdogmas ist. Mir jedenfalls ist wohler, wenn ich auf dem Ozean des Schreibmöglichen möglichst unverfroren herumgondeln und den Ballast von Gliederungspunkten möglichst bald und weit über Bord werfen darf. Warum will man mich von diesem Vergnügen partout abbringen? Wenn ich doch meine ungenügenden Zensuren selbst zu verantworten bereit bin? Schlecht in Deutsch zu sein ist der Tief- bzw. auch Höhepunkt oder auch Gipfel schülerhafter Verworfenheit. Man muss fürchten, dass ein solcher Mensch, wenn man mit ihm das Theater in der nahen Großstadt besucht, um Schillers „Wallenstein“ zu genießen, in der Pause verschwindet, um ein öffentliches Haus aufzusuchen unter dem fadenscheinigen Vorwand, dort etwas erleben zu wollen. Was erlebt sich in derartigen Etablissements schon Großes? Moschusduftende Damen bemuttern den Neuling, exponieren gelangweilt ihre verwelkte Nacktheit und verlangen für jeden Quadratzoll Haut, den er zu tätscheln wagt, einen Grünen extra. Haben Sie jetzt etwas dazugelernt, Herr Dr. Fuß? Sicherlich nicht, da Sie als Weltkriegsteilnehmer, wie Sie mir angeschickert einmal verrieten, brav Schlange stehend vorm Frontbordell, die Angelegenheit ordnungsgemäß und gehorsam abhaken konnten. Damals gab es noch Pfauenfedern, die den Kunden umfächelten und beschwipsten. Auch Champagner wurde von Freiern, die in tiefen Plüschsofas versanken, gelegentlich geschlürft, so dass eine im Ganzen gesehen durchaus aufsatzwürdige Atmosphäre herrschte. Kultur! Ist es nicht das, worum es in unseren Aufsätzen letztlich geht? Ja, wir müssen uns als würdige Teilnehmer und Vertreter unseres Kulturkreises erweisen, über die richtigen Dinge das Richtige zu sagen wissen und die falschen Dinge unausgesprochen lassen. Takt! Das ist die Essenz der Kultur, und wäre sie ein Duft, an mir würde man ihn vermissen. Das ist der Grund meiner schlechten Zensuren, nicht die fehlende Gliederung. Aber wenn es denn sein muss, werde ich eine erstellen. Ob ich sie auch beachte, ist eine andere Frage, weshalb ich sie am besten vor mein Elaborat pflanze, wenn dieses bereits abgeschlossen ist – in diesem Fall die folgende:

 

1. Einleitung: Auflauf und Aufsatz – ein Vergleich

2. Hauptteil:

-          Gliederung und Einfall – eine Aporie

-          Der übersehene Zeitfaktor – ein Beweisversuch

-          Der Charakter des Gliederungsfeindes – ein Erschrecken

3. Schlussfolgerung – eine Resignation




Anmerkung von Quoth:

Mit der Bitte, dem jungen Mann die fehlenden Absätze zu verzeihen - oder den Text zu ignorieren, um die Augen zu schonen! 8-)

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