Gedanken zum Jahreswechsel, in Tinte getaucht

Text

von  Quoth

„Die Russen kommen!“, schluchzte ich ins Kopfkissen, als meine Mutter mich fragte, warum ich heulte. „Nein, das ist nur Silvesterknallerei, die gab es auch früher schon, und jetzt haben die Tommys sie wieder erlaubt.“ Aber ich war untröstlich; die Zonengrenze war ja nur 30 Kilometer entfernt.

Bleigießen war das Schönste. Bei mir kamen immer Ungeheuer heraus.

Feste sind um so intensiver, je nichtiger ihr Anlass ist. Und einen nichtigeren Anlass als den bloßen Wechsel einer Ziffer in der Jahreszahl gibt es nicht.

Als sich alle vier Ziffern änderten, wurde ein Zusammenbruch aller Computer prophezeit.

Es war unser Größtes, durchs Viertel zu schleichen und Stinkbomben in offenstehende Fensterklappen zu werfen. Leider waren die der Studienräte in der Straße immer zu!

Knallfrösche hüpften uns um die Füße, die Mädels kreischten und vollführten unanmutige Hüpfer.

Die Aufklärung durch meinen Vater bestand aus einem einzigen Satz: „Unter ihren Kleidern sind alle Frauen nackt.“ „Aber alle Männer auch!“, antwortete ich. „Das ist uninteressant,“ erwiderte er. Sein Bruder hätte das nicht gesagt, er war 175er.

Ein Nachbar feierte 365 mal im Jahr Tageswechsel, jedes Mal mit einer Flasche Doppelkorn. Und erreichte ein biblisches Alter!

Ich begnüge mich damit, jeweils zum Quartalswechsel auszuflippen. Ich bin nämlich, naja, ihr wisst schon.

Mir wird schwindlig, wenn ich daran denke, dass die Erde sich nicht nur um ihre schräge Achse dreht, sondern auch um die Sonne kreist (in einer Ellipse), mit ihr in der Milchstraßengalaxie um ein schwarzes Loch strudelt und mit dieser in einer Galaxienwolke durch den gekrümmten  Weltraum rotiert, der sich ständig ausdehnt … Wie gut, dass bei uns nicht auch noch die Erde bebt, wenigstens das nicht!

Für meinen Bruder ist die Silvesternacht mit viel Arbeit verbunden. Er geht dann im Stall mit einem Bund Möhren von Box zu Box und beruhigt die Pferde. Unfassbar, dass man mit ihnen noch im Schusswaffenzeitalter hat Krieg führen können!

Warum stimmt zunehmender Mond mich froh, abnehmender trübsinnig?

Der schlimmste Mensch der Welt mit der wunderbaren Renate Reinsve.  Es macht Spaß, ihr beim Nachdenken zuzusehen. Oder vielmehr: Wenn sie Nachdenken spielt.

Ungern suche ich den Urologen auf; ich habe immer das Gefühl, er stünde hinter der Tür und klapperte mit den Skalpellen.

Internisten spielen gern in einem Streichquartett, Chirurgen bevorzugen die Jagd auf Großwild.

Sind Verschwörungstheorien wirklich nur was für loser? Fanatiker gehen auch aus gut betuchten Kreisen hervor.

Der Rückblick auf 2022: Nichts Besonderes. Was ich von 2023 erwarte? Nichts Besonderes, allenfalls mein Ableben.

Im Osten nichts Neues.

Wozu ein Forum wie Keinverlag gut ist: Es verstärkt ein wenig die Gewissheit zu existieren.

Lecker ist für mich ein Unwort. Lecker kann allenfalls ein Lolli sein oder ein Eis am Stiel. Eine gute Mahlzeit ist schmackhaft.

Bestimmt bekomme ich beim Berliner Essen wieder den mit Senf gefüllten!

Bin ich Opti- oder Pessimist? Ich würde es so sagen – und sage es: Ich versuche, das hässliche zu Befürchtende nicht unter der behaglichen Steppdecke des zu Hoffenden zu ersticken.




Anmerkung von Quoth:

Sei bescheiden! Es ist die Art von Stolz, die am wenigsten missfällt.
Jules Renard (1895)

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (04.01.23, 10:11)

Wozu ein Forum wie Keinverlag gut ist: Es verstärkt ein wenig die Gewissheit zu existieren.



Ist das dein Ernst?

 Quoth meinte dazu am 04.01.23 um 12:05:
Ein ernst gemeintes Kompliment. Ich beziehe viel Anregung aus kV, durch Terminator habe ich mich gerade erstmals mit dem Philosophen Giorgio Agamben befasst. Hoch interessant, vor allem zu sehen, wie ein solcher "Meisterdenker" in die schwachsinnige Warnung vor einer Coronadiktatur abkippen kann! Er hat sich eindeutig zu stark mit Carl Schmitt und Heidegger vollgesogen.
Ich könnte eine Rezension von "Der schlimmste Mensch der Welt" (norwegischer Film) schreiben. Interesse?

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 05.01.23 um 14:23:
Anregungen ja, aber existieren tut man woanders, nicht hier in dieser Anonymenhölle.

 Quoth schrieb daraufhin am 05.01.23 um 19:55:
Aber auch andere werden von mir angeregt. Zumindest kam es mir manchmal so vor! :ermm:

 Dieter Wal (04.01.23, 18:10)
Wozu ein Forum wie Keinverlag gut ist: Es verstärkt ein wenig die Gewissheit zu existieren.
Das freut mich sehr!



Was ich von 2023 erwarte? Nichts Besonderes, allenfalls mein Ableben.
Wäre 120 nicht ein gutes Alter?

 Quoth äußerte darauf am 05.01.23 um 19:57:
Solange der Methusalem dann nicht in den Kleiderschrank pisst! :D 
Vielen Dank für Empfehlung mit Kommentar!
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