Blätterregen 10

Erzählung

von  minze

Erst nachdem meine Eltern gegangen sind und die Pizzakartons in der Küche verschwunden sind, sprechen wir miteinander.


Den Nachmittag über lag Opa im Bett und ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass er heraus käme. Er ist aber zum Abendessen ins Esszimmer gekommen. Er freut sich, wenn er angesprochen wird, sonst reagiert er nicht mehr. Manchmal, wenn wir nicht da sind, wird er wütend und grob, sagt Oma. Er habe schon einmal nach Marija geschlagen. Sie müsste das eigentlich melden, sagt sie. Sie bemerkt es in einem Nebensatz, nachdem sie sich beschwert, dass die Biscuitrollen, die Marija mache, keinem schmecken würden und Marija zu viel und zu häufig backe. Mama hat mir auch schon davon erzählt. Es sei belastend, dass sie dann beleidigt scheint, wenn keiner den Kuchen esse. Aus diesem Grund, zumindest anteilig, nehme ich zwei dicke Scheiben von der Rolle mit. Innendrin ist Buttercreme und außen herum Schokoladenglasur. Wenn meine Mutter davon erzählt hat, war sie pikiert. Ich erwarte von Yann, dass es genau die Art von Kuchen ist, die er mag. Oma, Mama und ich mögen Obstkuchen sehr, aber ich habe das in meine Familie nicht weiter tragen können, bei uns wäre Marija erfolgreicher. An diesem Nachmittag essen meine Kinder wenig von der Biscuitrolle, Marija öffnet zwei Kekspackungen und sonstige Süßigkeiten. Noch kann ich nicht sicher sagen, ob die Kinder den Kuchen mögen.

Er ist drei Tage alt, als Mara und Yann ihn zu Hause essen und sehr gut finden.


Ich glaube, Opa ist in unserem Beisein oder im Beisein der Kinder in einer ruhigen Seligkeit, ich glaube auch, in seiner Demenz ist der Trubel ein willkommenes, zerstreuendes Hintergrundgeräusch, eine Grundstimmung, die sich ausbreitet und Wohlsein verbreitet, vielleicht diffus, aber lebendig, lebig, würde Oma sagen. Auch glaube ich, dass die Akteure den Raum beanspruchen und ausfüllen, die anderen, die Kinder und Eltern und vielleicht noch die Großeltern – ein praller Raum voller Leben, was er nicht mehr ausfüllen muss. In diesem beschäftigtem Raum hat er keine Reibung, kein Anspruch, keinen Widerspruch, es geschieht ihm, es geschieht ihm recht.


Streit passiert trotz Opas Verhalten nur zwischen Oma und Marija, es sind die zwei Frauen, die ungleich konkurrieren, ungleich betroffen sind von Opas Pflegebedürftigkeit. Auch Oma braucht Marija und Marija ist wiederum auf Oma angewiesen, ihre Territorien scheinen nicht klar umrissen, Marija ist ein Gast, aber sie bestimmt jetzt. Marija sei gegenüber Opa gutmütig, es scheint egal, wie er ist, und sollte es nicht egal sein, ist ihr Ventil woanders. Ist sie in einem Fall sehr weich, so ist sie im anderen beharrlich. Sie besteht auf die Essenszeiten, die Lebensmittel und darauf, Woche für Woche diese Biscuitrolle zu machen.


Nur heute habe ich darauf bestanden, die Pizza zu bestellen, ich kann in dieser einmaligen Situation Marija darum bitten, wir sehen uns kaum. Sie widerspricht mir nicht, zu wenig Beziehung haben wir, als dass ihr nein einen Platz finden könnte. Außerdem ist sie zu überrascht über meine Idee. Ich habe zu viel Lust auf Pizza und darauf, Oma Meeresfrüchtepizza zu holen. Marija und ich führen kein richtiges Gespräch darüber. Ich stelle trotzdem das sagt sie und meint den großen Teller mit den Fleischwurstscheiben, von dem die Kinder essen, bevor die Pizzen aufgeschnitten sind. Auch Opa isst davon, ich glaube, für ihn ist Pizza wieder ein fremdes Gericht geworden in den letzten Jahren.


Marija isst kaum Pizza und bedankt sich bei mir. Nach dem Essen springt Mara in Marijas Zimmer, ich klopfe an und Marija signalisiert mir, dass es okay sei, dass Mara bei ihr ist. Später kommt Joscha mit dazu, er ahnt wohl, dass auf Marijas Tablet Spiele sind. Sie streiten nicht, Marija scheint es geschafft zu haben, dass beide Kinder beschäftigt sind; sich abwechseln oder einander zuschauen. Es wundert mich, ich halte immer wieder inne, höre aber nichts oder nur leises Gekicher. Es sind nicht einmal Spiele, es sind digitale Ausmalbilder.


Nun sitzen wir zu dritt da, manchmal, wenn Oma etwas in meine Richtung sagt, zum Beispiel Ich weiß gar nicht, was der Bürgermeister hier will zu Opas Neunziger dann schaut Opa auf und ich übersetze es sinngemäß. Aber meist sitzt er lächelnd und schweigend da und ich erzähle Oma von dem, was es mir schwer macht als Mutter, als Frau und im Beruf. Sie sagt, dass meine Mama dicht gehalten habe, sie habe von all dem nichts gewusst. Und dass sie nun wisse, worüber sie nachts nachdenken wird. Mir wird weich und warm und ich sage ich erzähl es dir jetzt nur, weil es echt besser geht seit Januar. Es ist schön für mich, wenn sie in der nächsten Nacht an mich denken und beten wird.


Zwei Dinge passieren dann und gehen ineinander. Opa, der auf einmal auf mich reagiert, ohne, dass ich es kommen sehe. Ich habe ein Top unter meiner Bluse, was sich aufkringelt und Opa zupft es gerade. Er ist immer noch so genau und ordentlich, siehst du. Das immernoch, trotz allem. Oma meinte zuvor, dass manche nicht mehr zu Besuch kommen, weil er nicht mehr in allem reinlich sei. Bei diesen Worten werden ihre Augen nass, sie offenbaren ihre Sehnsucht, vor allem nach einer Freundin, die nun nur noch manchmal am Telefon zu sprechen sei, aber früher ganz oft zu Besuch. Jetzt, als Opa an mir herumnestelt, spricht sie ohne Emotion, aber es gibt sie natürlich, verbunden mit der abwesenden Freundin. Opa tippt noch auf Brotkrumen auf dem Wachstuch mit floraler Prägung. Dieses Wachstuch ist schon so lange hier, es muss hochwertig sein.  Ich putze den Tisch ab sage ich Opa, Oma will abwinken.


Ich glaube, dass meine Kinder zur Ruhe kommen. In der Küche begegne ich Marija und sage ihr, dass ich ihr danke. Oma meint, dass Marija manchmal auch launig werde, wegen dem Krieg in ihrem Land und weil ihr die Familie fehle, dass das nicht immer einfach sei und sie da ja nichts machen könne. Sie sagt, ich solle ihr die Kinder jetzt lassen in ihrem Bett, das würde Marija gut tun. Ich sage Marija Danke und dass Mara immer nach ihr gefragt habe, immer ängstlich um sie und ihre Familie gewesen sei, als Marija einige Zeit zurück in die Ukraine gegangen ist. Sie antwortet mir nicht darauf, ich finde die Situation und das Gespräch auch surreal, ich kann nicht sagen, ob ich ihr oder sie mir über die Schulter streichelt oder wir beide nur stumm an Mara denken, die ihr gegenüber ganz anhänglich ist. Oder an anderes. Schließlich denke ich wieder an die Biscuitrolle und die kleine Scheibe Erdbeere, die mit Blättchen jedes einzelne Stück ziert.


Das zweite ist die Erzählung Omas, sie sagt, dass vor zwölf Jahren ein vierjähriger Junge brutal in Buchen ermordet worden sei. Ich weiß nicht, ob es falsch ist, aber ich sehe vor mir Suchaktionen und den teilweisen Leichenfund im Wald, vielleicht nur wegen des Ortsnamens Buchen. Oma sagt, der Großvater des Jungens sei jetzt tot, das ist der Aufhänger ihrer Erzählung. Was sie eigentlich sagen will, oder was sie seltsamerweise anhängt, ist - Es ist seltsam, der Mann, der das Kind umgebracht hat, er war ein so sauberer und ordentlicher Mann, er ist immer ordentlich seiner Arbeit nachgegangen, als Bäcker.




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